ROLLING STONE-Ausgabe 07/2019 MIT EXKLUSIVER PHIL COLLINS 7-INCH SINGLE
Highlight: Jeff Buckleys Meisterwerk „Grace“: Hallelujah!

David Bowie und die Hansa-Studios: Die Heldentäter

Gegen die Wand: Am 13. August 1961 begann der Bau der Berliner Mauer. Seit 1989 ist sie Geschichte – was hat sie für die Popmusik bedeutet? Zum 50. Jahrestag: das Mauer-Special mit U2 und Bowie, Puhdys und Tresor.

Eduard Meyer, wie kam David Bowie im Sommer 1976 überhaupt auf Berlin und die Hansa-Studios?

Über Tangerine Dream. Bowie liebte ihre Platten und war in Kontakt mit Edgar Froese. Mit der Produktion von „Low“ hatte er schon in Frankreich begonnen, aber einer von der Crew dort verriet Interna an die Presse – da packte Bowie die Koffer. Und tauchte mit Iggy Pop und seinem Produzenten Tony Visconti in Berlin auf. Er hatte viel vom Meistersaal der Hansa-Studios gehört – leider hatte Jack White den damals gerade rund um die Uhr für Tony Marshall und andere seiner Schützlinge gebucht. Also musste Bowie erst mal ins kleinere Hansa-Studio in der Nestorstraße in Wilmersdorf.

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Weltstars wie Bowie waren Sie damals bei der Hansa nicht gewohnt. Wie lief die Arbeit mit ihm?

Er war schnell und spontan. Es gibt ein Stück auf „Low“ („Weeping Wall“, d. Red.) mit Marimbafon. Das hatte er nach dem Umzug in den Meistersaal in einer Ecke entdeckt, und nachdem er zehn Minuten herumgeklöppelt hatte, wurde aufgenommen. Ein anderes Mal rätselten alle: Wie gehen wir den nächsten Song an? Bowie zählte laut von eins auf 180, das wurde als  Grundrhythmus aufgenommen. Den hört man auf der fertigen Platte natürlich nicht mehr.

Hat Bowie Ihnen erzählt, was er an Berlin so gut fand?

Irgendwann mal hieß es, Visconti und er hätten die halbe Nacht am Wannsee verbracht und es genossen, da am Wasser zu sitzen. Wenn sie durch die Lokale zogen, war ich nicht dabei. Einmal lernte er offenbar drei junge Frauen kennen und lud sie ins Studio ein. Wir haben ja immer ganz pünktlich Feierabend gemacht, und dann standen da die drei Mädels in der Tür zum Regieraum. Bowie sagte lakonisch zu Iggy: „Such dir eine aus – ich nehm dann die anderen zwei.“

Es heißt immer, Bowie ging auch deshalb nach Berlin, weil er sich entgiften wollte.

Stimmt, aber es wurde schon noch kräftig zugelangt. Eine gewisse Esther, eine extrem verkokst aussehende Frau, hat immer alles für sie besorgt. Die einzige Regel: Nicht im Studio! Marillion haben später mit dem 200-Mark-Schein die Lines vom Mischpult geschnupft. Das gab es bei Bowie und Iggy nicht. Aber es stand immer eine Kiste Schultheiß-Bier in der Ecke.

Bowies Berlin-Platten haben einen hohen Stellenwert in der Popgeschichte. Woher kommt dieser Zauber?

Meine private Meinung ist, dass ihn die besondere Situation in Berlin durchaus inspiriert hat. Bowie hatte sich bewusst entschieden, wegzugehen von den Zentren der Musik, in diese provinzielle, eingekerkerte Stadt. Das hat ihn unheimlich gereizt. Dazu kam natürlich noch seine eigene Lebenssituation, die schwierige Beziehung zu seiner Frau und seinem Sohn… aus all dem gingen irgendwie diese Songs hervor, die Texte, die Art der Musik, die ja etwas Neues war.

Hat Bowie den Standort Berlin gestärkt?

Und wie! Die Leute kamen aus England, Finnland, Japan. Depeche Mode, Eartha Kitt, Crime & The City Solution, U2. Und zum Glück wurden die Erwartungen erfüllt. Für Berlin als Musikstadt war das ein Glücksfall. 


Eduard Meyer, 67, war von 1976 bis 1990 Tonmeister in den Berliner Hansa-Studios. Auf Bowies „Low“ taucht er in den Credits auf: als Cellist beim Stück „Art Decade“.

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Jeff Buckleys Meisterwerk „Grace“: Hallelujah!

Mit "Grace", seinem einzigen kompletten Studioalbum, hat sich Jeff Buckley einen festen Platz in der Popgeschichte gesichert. Keine leichte Kost: melancholische Melodien und nachdenkliche Texte über unerfüllte Liebe. Doch die zehn fragilen Songs zwischen Folk, Jazz und Rock sind so schön, dass David Bowie "Grace" als eines von zehn Alben mit auf die einsame Insel nehmen würde. Der Heidelberger Jazzmusiker Karl Berger, der für die Streich-Arrangements verantwortlich zeichnete, erinnert sich: "Jeff war musikalisch sehr offen und kannte Musik von der klassischen Avantgarde bis zum modernen Jazz. Er ließ mich schreiben, was immer ich wollte." Das Label Columbia machte allerdings einige…
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