Eine Hörspiel-Band feiert Jubiläum: Im Studio mit den Punkies

Die Sprecherinnen und Sprecher der „Punkies“ über das Jubiläum der Hörspielreihe – ewige Jugend, Gaststars und 430 Millionen Streams.

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Wir sind auf einer Eislaufbahn, hören Schlittschuhkufen und Stimmengewirr. Fünf Freunde bei einem Ausflug. „Mein neuer Mikro-Synth ist das allerbeste Geschenk!“, ruft Lukas beim Gleiten über die Fläche. „Ich kann jetzt sogar beim Zähneputzen Beats bauen.“

Leonie, die neben ihm kurvt, kontert: „Das ist doch gar nichts gegen die Gig-Bag im extra-used-Vintage-Look, die ich bekommen habe. Schweineteuer. Das Design ist von einem mega-angesagten Neo-Punk-Fashiondesigner aus London!“

Jugendjargon auf dem Eis

Erwachsene kommen bei dieser Sprache vielleicht nicht immer mit. Kinder und Teenager aber schon. Lukas‘ und Leonies drei Freunde Ben, Nikolas und Aylin schauen sich an – und lachen. Ihre Sprecherinnen und Sprecher im Studio auch.

„No Murders!“ heißt die Folge, die diese fünf Erwachsenen aufnehmen. Gemeinsam sind sie die Punkies, eine der hierzulande erfolgreichsten Hörspielgruppen. Auf Spotify hat die fiktive Hamburger Band pro Monat mehrere hunderttausend Hörer; aktiv sind sie seit 2016, bislang sind 44 Folgen erschienen. Einen Popularitätsschub erhielt das Quintett durch die „Teufelskicker“, die wie die Punkies zum „Europa“-Hörspiellabel gehören, das von Sony Music vertrieben wird. Die „Teufelskicker“ – mit Sprechern wie Oliver Rohrbeck („Die drei ???“) und Uli Potofski (bis zu seinem Tod 2025) – hatten die Punkies schon zu Gast.

Erfolgreiche Hörspielband

In ihren Abenteuern sind die Punkies mal beim Dockville Festival unterwegs, mal auf Mallorca, manchmal scheinen Geister sie zu gruseln, ein andermal geraten sie in Konflikt mit ihren liebsten Feinden, den Frenemies aus der Konkurrenzband krashkiddz. Beide Bands träumen von einer Musikkarriere. Aylin ist die Sängerin der Punkies, Ben Gitarrist, Leonie Bassistin, Nikolas spielt Keyboard und Lukas sitzt am Schlagzeug.

Das Alter der Punkies-Musiker wird in den Folgen nicht genannt; nur, dass sie Teenager sind, ist gesetzt. Nun gibt es das Alter eines jeden Menschen, und es gibt das „Rollenalter“: Es definiert das Alter, das man sprechen kann – jünger oder älter, als man ist. Die fünf Sprecherinnen und Sprecher haben ein sehr variables Rollenalter. Das jüngste Teammitglied ist Ben-Sprecher Daniel Axt, er ist 34. Keyboarder Nikolas fährt den Band-Bulli. Er muss also schon 18 sein, sonst hätte er keinen Führerschein.

Rollenalter und Realität

Gemeinsam mit den anderen Punkies, Merete Brettschneider (Aylin), Jenny Maria Meyer (Leonie), Tim Kreuer (Lukas) und Patrick Bach (Nikolas), sitzt Daniel alias Ben nun auf der Couch eines Hinterhofstudios im Hamburger Stadtteil St. Pauli und spricht mit ROLLING STONE über die Hörspielreihe, die in diesem Jahr ihr zehntes Jubiläum feiert. Der Anlass wird auch intern gefeiert, vom Sony-Label sind Heike Weber und Corinna Wodrich dabei. Am Abend geht das „Punkies“-Team noch essen.

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Alle fünf „Punkies“ wirken äußerst agil; es fällt leicht, sie sich als Teenager vorzustellen. „Es ist in gewisser Weise so, dass man als Schauspieler Kind geblieben ist und diese spielerische Leichtigkeit bewahrt hat“, sagt Daniel Axt, der wie seine Figur Ben auch privat Musiker ist. Sein Kollege Tim Kreuer ergänzt: „Wir haben in unserem Metier zum Glück keine Routinen – uns geht daher nichts an Energie verloren.“ Alle fünf blicken als Schauspieler und Synchronsprecher auf eine lange Berufslaufbahn zurück.

Zwischen Kinderrolle und Karriere

Die Eltern der Punkies-Hörer kennen mindestens Patrick Bach, der in den frühen 1980er-Jahren mit „Silas“ und „Jack Holborn“ die vielleicht berühmtesten ZDF-Weihnachtsserien prägte, später in SOKO-Folgen brillierte und als Sprecher des Samweis Gamdschie in den „Herr der Ringe“-Filmen seine Meisterleistung absolvierte, die in legendären Sätzen wie „Ich kann den Ring nicht für dich tragen – aber ich kann dich tragen!“ gipfelte.

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Zum Glück dienen die Punkies sich nicht den Modewörtern aus der Jugend an – die spätestens dann alt werden, wenn im Folgejahr das nächste Modewort gekürt wird. Jenny Maria Meyer: „Wenn wir die ganze Zeit nur Slang sprechen würden und uns dem Alter anpassen, oder der Sprache, die die Jugendlichen oder Kinder sprechen, dann wäre das Ergebnis ja nicht zeitlos.“

Freundschaft vor Ruhm

„Die Punkies“ erzählen die klassische Geschichte von fünf Freundinnen und Freunden, die über zwischenmenschliche Chemie zu einer gemeinsamen Band zusammenfinden – oder sich, andersherum, weil sie als Musiker so gut harmonieren, privat anfreunden.

„Man muss es so schlicht sagen“, urteilt Tim Kreuer, „die Welt ist gerade nicht sehr schön. Und Musik bringt Menschen zusammen.“

Letztlich sollen „Die Punkies“ eine Vorbildfunktion erfüllen. Jenny Maria Meyer: „Die Freundschaft steht über der Band. Und niemand macht sich Gedanken darüber, welche Hautfarbe jemand hat, an welche Religion man glaubt. Es geht um anderthalb Stunden – und Liebe pur.“

Vorbilder für die Generation Alpha

Einer besonderen Rolle kommt dabei der Figur der Aylin Günes zu, die als junge Frau mit türkischen Wurzeln Tradition mit einem Ausdruck von Rebellion in der Musik vereinbaren soll. „Natürlich liegt viel in der Hand des Autors“, sagte ihre Sprecherin Merete Brettschneider. „Aber ich bereite mich so gut wie möglich auf die Rolle vor. Einmal sollte ich ein türkisches Geburtstagslied singen – da habe ich vorab mit einer türkischen Freundin die Aussprache gelernt.“

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In gewisser Weise empfinde man auch eine moralische Verantwortung. „Meine Leonie zum Beispiel“, erzählt Jenny Maria Meyer, „ist die Veganerin in der Gruppe. Sie war mal in einer Folge mit einer Pferdekutsche unterwegs. Beim Einsprechen hatten wir überlegt: Okay, eigentlich müsste sie sagen, dass sie das eigentlich nicht unterstützen möchte – aber es gibt gerade keine andere Möglichkeit, von da wegzukommen. Also gut, dann steigt sie in die Kutsche. Wir wollen Denkansätze mitgeben. Es nervt Leonie an Lukas immer, dass er sich so gerne Koteletts auf den Grill knallt.“

„Ich wollte eine Serie machen, die auch für kleinere Kinder schon geeignet ist, weil sie nicht zu kompliziert ist“, sagt Corinna Wodrich, Produktmanagerin der „Punkies“ bei Sony Music. „Eine Serie, die man aber auch als ältere Kinder und idealerweise auch als Erwachsene weiterhören mag.“

Rock statt Kling-Kling

Wodrich ist wichtig, dass die Songs der Punkies als ernst zu nehmende Musik verstanden wird: „Kling-Kling-Kinder-Lala-Musik in die Punkies. Das muss anständige Rockmusik sein, weil die Kinder ja auch immer früher anfangen, richtige Musik zu hören. Und es gibt genug andere Sachen, die wirklich diesen Kleinkind-Musik-Bedarf decken. Das brauchen wir mit den Punkies nicht.“

Der Ursprung des Band- und Hörspielnamens ist dabei von besonderer Bedeutung. Nicht das Musikgenre Punk ist gemeint, sondern das amerikanische Wort für Mücke.

Ewige Jugend im Hörspiel

Im Grunde versprechen „Die Punkies“ ewige Jugend. Denn so, wie etwa die „Simpsons“ nie älter werden, wird auch die Hörspielband immer im Teenageralter bleiben. Wodrich verweist auf „Die drei ???“: „Ansonsten müsste es da auch eine Folge geben nach dem Motto ‘Die drei ??? und die Steuererklärung‘. Die Erwachsenenwelt bringt einfach so viele Herausforderungen, die keinen Spaß machen, mit sich.“ Eine Folge mit dem Titel „Jetzt feiern die Punkies ihren 18. Geburtstag“ soll es also nicht geben.

Bei den „Punkies“ gibt es dafür eben jenen Nikolas, sagt Wodrich. „Nikolas ist eine Wundertüte. Der hat einen Führerschein, muss also mindestens 16 sein, falls er den in Amerika gemacht hat. Man weiß nicht, wie alt er ist – er sagt es auch nicht. Aber er hat schon alles erlebt. Er war bei biologischen Forschungen im Amazonas dabei. Er hat auch schon für die Mailänder Fashion Week fotografiert. Ich liebe diesen Running Gag.“

Die Runde lacht jetzt über einen weiteren Running Gag, nach dem gerade Tradition in der Erzählweise sich über viele Jahre bewährt hat. Manchmal sollte man nicht mit der Zeit gehen: „Bibi Blocksberg ist doch seit zig Jahren auch dieselbe. Immer noch auf einem Holzbesen unterwegs – nicht auf einem Elektrobesen.“

Ensemble statt X-Recording

Wie überall in der Welt ist auch in der Schauspiel- und Sprecherwelt Künstliche Intelligenz das große Thema. „Wir sprechen hier als Fünfer-Ensemble“, sagt Patrick Bach. „Hier gibt es kein X-en.“ X-Recording meint, dass alle Stimmen einzeln eingesprochen und dann zusammengeschnitten werden. Gerade in Gruppenaufnahmen, so Bach, liege eine Qualität, die eine KI niemals mit artifiziellen Stimmen reproduzieren könne. „Wir sind zusammen“, sagt Tim Kreuer, „wir erleben uns gegenseitig, gerade in unserer individuellen Intensität. Manchmal sprechen wir durcheinander. Eine KI bekäme das nie so natürlich hin. Geist, Wärme, Liebe – das kann sie nicht ersetzen.“

Und was ist, wenn die Hörer abstumpfen und KI akzeptieren? „Ob das Publikum den Unterschied irgendwann nicht mehr hört?“, fragt Bach. „Egal, was den Menschen ersetzen könnte – es würde nicht dieselbe Qualität haben.“

„Das Thema KI ist für uns sehr sensibel, und wir haben einen hohen Qualitätsanspruch an unsere Hörspiele“, sagt Heike Weber, Senior Marketing Managerin im Bereich Family Entertainment bei Sony Music. „ Wir wissen genau, was die Sprecher:innen leisten, und man hört die Echtheit und die Individualität und vor allem das Gefühl, das sie in ihre Stimmen legen. Und genau das möchten wir für unsere Hörspiele bewahren. Bei den Punkies ist die Dynamik, wie Patrick auch sagt, ganz besonders. Gerade deshalb, weil sie zumeist im Ensemble aufnehmen.“

Gaststars als Erfolgsrezept

Ein USP der „Punkies“ liegt in der Einbindung von Gaststars – erzählerisch erfrischend und aus Marketinggründen ein Win-win, denn Musiker können sich über die „Europa“-Hörspiele vielleicht eine neue Zielgruppe erschließen, während „Die Punkies“ hoffen dürfen, von jungen Menschen gehört zu werden, die sonst niemals ein Hörspiel hören. Zumal es die Punkies noch nicht im Fernsehserien- oder Filmformat gibt. Beste Voraussetzung für reines Kopfkino.

Das Label bewertet „Die Punkies“, die 2026 nicht nur ihr zehnjähriges Jubiläum, sondern auch ihre 50. Folge feiern, als großen Erfolg. „Wir haben für die Reihe derzeit 430 Millionen Streams“, sagt Heike Weber.

Es gibt noch einen Reichweitenabstand zur Nummer eins unter den „Europa“-Hörspielen von Sony, also den „Die drei ???“. „Die Hörspiel-Abenteuer der drei Detektive gibt es aber auch schon seit 1979“, sagt Weber. „Hörspiel ist ein Produkt, das viel Zeit braucht, um sich zu etablieren.“

Die Punkies leben in einer realistischen Welt

„Die drei ???“ gibt es auch schon im Junior-Format als „Die drei ??? Kids“. Heike Weber findet es gut, dass bei den „Punkies“ der Alterszuschnitt sehr offen ist. Das Durchschnittsalter sei 10,5 Jahre, aber es gebe auch Jugendliche, die die Hörspiel-Band als Vorbilder sehen. „Mit zehneinhalb sind Kinder auch schon meist alt genug, um selbst zu entscheiden, was sie gerne hören.“ Vorbilder für die Generation Alpha sollen „Die Punkies“ auf jeden Fall bleiben: „Sie werden keine Hotelzimmer verwüsten.“ Und es gibt ja durchaus friedlichere Wege, einen Erfolg zu feiern.

„Die Punkies leben in einer sehr realistischen Welt“, sagt Corinna Wodrich. „Diese Welt ist zwar immer noch fiktiv, aber sie könnte genauso existieren, wie wir sie darstellen. Und da ist es auch realistisch, dass man anderen Musikern begegnet und mit ihnen zusammenarbeitet.“

Gäste von Bela B bis Johannes Oerding

Denn Sony bringt auch labeleigene Musiker ins „Punkies“-Studio, aber nicht nur. Zu den Gästen zählten bislang Johannes Oerding, Antje Schomaker, Laith Al-Deen, aber auch Veteranen wie Bela B, Smudo und Kai Wingenfelder.

„Ob wir dann aufgeregt sind?“, fragt Merete Brettschneider. „Die Gastkünstler sind aufgeregt, weil sie zu UNS kommen!“ Alle lachen. Und haben wohl recht.