Die tausend Tränen von Wye Oak


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Crémant gebe es leider nicht mehr, bedauert der junge Mann, den Prosecco könne er aber empfehlen. Eine weitere Tresenkraft hievt scheppernd zwei Kästen Bier heran, räumt etwas zu lässig Flaschen in einen Kühlschrank. Im Barbereich eines Berliner “Design-Hotels“ herrscht Hochbetrieb: Heute abend stellen Wye Oak aus Baltimore ihr Album “Civilians“ vor, und der Ruf dieser beiden Sonderlinge als Grenzgänger zwischen Krach-Attacken und wohligen Melodieschauern eilte ihnen in Szene-Kreisen bereits voraus.

In einer Ecke stehen zwischen allerlei Berliner Trash-Nippes ein Schlagzeug, ein Keyboard und eine Gitarre. Jenn Wasner und Andy Stack sehen verschüchtert aus, als sie sich unter den Blicken der Gäste ihrer Instrumente annehmen. Unsicher, die Hände der Gitarristin zittern ein wenig, beginnen sie ihr Set, verschmelzen alsbald, werden merklich gelassener, überzeugen schließlich. Es ist die kongeniale Kombination aus Stacks virtuosem Spiel – rechtshändig Schlagzeug, mit der Linken Bassmelodien auf dem Keyboard – und Wasners zurückhaltendem Gesang, die Wye Oak zu einem himmlischen Erlebnis werden lässt.

Angefangen haben Wye Oak als Quartett, man hat sich aus den Augen verloren, war schließlich nur noch zu zweit. Ein traniges Folk-Ensemble sei aber so ziemlich die letzte Option gewesen. “Wir wollen Wände zum Einsturz bringen und uns nicht in mehrstimmigen Chören verlieren“, erklärt Stack. Als Übergangslösung begann er Wasner neben dem Schlagzeug auf einem Keyboard zu begleiten. Manchmal stürmisch, dissonant lärmend wie Sonic Youth, die meiste Zeit aber melancholisch schwebend, gelingt es ihnen auch als Duo, einen druckvollen Sound aufzubauen. Die Pixies zählen zu den wichtigsten Einflüssen von Wye Oak. “Die meiste Zeit meiner Pubertät hing ein ,Surfer Rosa‘-Poster über meinem Bett“, erinnert sich Jenn Wasner, “das mit der halb nackten Frau drauf. Ein Wahnsinnsplakat mit einer unglaublich heißen Frau. Das Poster war wirklich fantastisch!“ “Die Platte eher nicht so!“, meint Multi-Instrumentalist Andy Stack.

Sie sind ein eingespieltes Team, geben sich Vorlagen und fallen sich gern ins Wort, lachen viel. Die meiste Zeit waren sie ein Paar. Langsam verwandelte sich die Liebe in eine offenbar solide Künstlerfreundschaft. “Das war natürlich eine Herausforderung“, sagt die immer redseliger werdende Wasner, guckt dabei freundlich zu Stack hinüber, der lächelt zurück.

Mit “Civilians“, dem mittlerweile dritten Album der Band, schwimmen sich Wye Oak frei. Das gleichnamige Stück beschreibt den von Zweifeln zerfressenen Weg aus einer scheinbar perfekten Beziehung zweier Menschen. Traditionelle Moralvorstellungen und Rollenverteilung der Eltern- und Großelterngenerationen, die nach wie vor vorhandene beidseitige Vertrautheit machen es der Erzählerin nicht leicht. Bei den Zeilen “I am nothing without a man/ I know my thoughts/ But I can’t hide them“, verliert sich die Stimme in Selbstmitleid, über das Griffbrett der Gitarre kullern tausend kleine Tränen.

Auftreten ist für sie wie Meditation. “In gewisser Weise sind meine Texte Mantras, die ich jeden Abend aufs Neue aufsage, die mir bewusst machen, wer ich bin und warum ich bin“, sagt die blonde Sängerin. Der Crémant ist immer noch nicht zu haben – für Jenn Wasner wird es heute ein Glas mit Sojamilch.  

Downloads vom SXSW 2011 mmit Wye Oak

Homepage von Wye Oak.