Ein Sommerfest: So war Bob Dylan im Stadtpark Hamburg


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Es ist schließlich immer noch Bob Dylan. Das reichlich überraschende „Dankeschön!“ aus seinem Mund vor der letzten Zugabe, dem eher selten gespielten „Forever Young“, muss deshalb wohl genauso mit wissenschaftlicher Akribie gedeutet werden wie der Umstand, dass Dylan an diesem hochsommerlichen Sonntagabend im Hamburger Stadtpark sogar die Zeit findet, seine Band kurz vorzustellen. Auch wenn man dabei kaum etwas versteht (Gitarrist Charlie Sexton kennen die Fans selbstredend auch so): Wann Dylan in seiner Wortkargheit zuletzt derart kommunikativ gewesen ist, dürfte ob desgewaltigen Pensums seiner „Never Ending Tour“ unmöglich zu bestimmen sein.

Fakt ist aber abseits der großen Dylan-Diskurse, dass seine vermeintlich beiläufigen Interaktionsfetzen gen Ende eines 100-minütigen Konzerts mit insgesamt 17 Songs entscheidend dazu beitragen, all die Stimmungen und Meinungen festzuhalten, die an diesem Abend langsam vom Wind fortgetragen werden wie der Pollenflug im Stadtpark. Es ist die Ahnung, bei einem längst zur unnahbaren, starren Ikone überstilisierten Dylan auf eine menschliche Regung, einen Hauch Gegenliebe eine gestoßen zu sein, die 4000 Menschen an diesem Abend im seit Monaten ausverkauften und doch intimen Zuschauerrund der Freilichtbühne zumindest lose verbindet. Von den eingefleischten Dylanologen in den vordersten Reihen über die sentimentalen Bürgerlichen und die ewig Unangepassten bis hin zum distinguierten Dylan-Nachwuchs mit Torschlusspanik – man ist gekommen, um den echten, 70-jährigen Dylan mit all seinen biografisch zusammengerafften Zerrbildern aus den letzten 50 Jahren abzugleichen. Hunderte hören zudem von draußen gratis ganz passabel mit. Die letzten Tickets dürften trotz der aufgerufenen Schwarzmarktpreise von weit über 100 Euro verkauft worden sein.

Der sonst so pünktliche Bob Dylan gönnt sich ein akademisches Viertel, im schwarzen Western-Anzug und mit schwarzem Hut betritt er an der Seite seiner fünfköpfigen Band die Bühne. Das Konzert eröffnet er wippend an der Orgel mit dem „Blonde On Blonde“-Stück „Leopard-Skin Pill-Box Hat“. Dylan scheint den polternden Bluesrocker auch als funktionalen Opener im Programm zu haben. Er bringt ihn – wie das anschließende, bei aller Rock-Paraphrase immer noch folkig federnde „Don’t Think Twice, It’s Alright“ – hinunter in den Groove. Das Zusammenspiel mit der rollenden und verzierend werkenden Band klappt ohnehin wunderbar, bedenkt man, wie impulsiv Dylan den Rhythmus bisweilen an sich reißt, um die Songs wider jegliche Werktreue leicht anzuschrägen. Es ist aber auch Dylans raue Stimme, deren ruinöser Zustand Fans im Grunde längst akzeptiert hatten, die im Lauf des Abends neben kratzig verschluckten Silben und heiseren Überdehnungen auch Anflüge von wärmendem Residual-Soul offenbart, beispielsweise im fantastischen „Tangled Up In Blue“.

Dylan taucht in sein unerschöpfliches Song-Repertoire ein. Das beinahe rockistische „Cold Irons Bound“ und „Tryin‘ To Get To Heaven“ vom Album „Time Out Of Mind“, „Summer Days“ von „Love And Theft“, dazu „I Don’t Believe You“ und „To Ramona“ von „Another Side Of Bob Dylan“ aus dem Jahr 1964 – bis an den Rand der Unkenntlichkeit treibt Dylan in Hamburg keine seiner Song-Metamorphosen. Vielmehr durchweht sie bei aller Ruppigkeit im Sound eine Leichtigkeit, die man auch Dylan nicht absprechen kann, wenn er sich ohne Instrument am Frontmikrofon, an der Mundharmonika und der Orgel bewegt. Sein Momentum hat das Konzert zudiesem Zeitpunkt noch gar nicht gehabt, es liegt irgendwo auf der geradlinigen Wegstrecke der letzten vier Songs des regulären Sets: dem hochtourigen „Highway 61 Revisited“, „Visions Of Johanna“, „Thunder On The Mountain“ und der sinistren „Ballad Of A Thin Man“.  

Als Bob Dylan danach noch einmal wiederkommt und „Like A Rolling Stone“ zu einem wunderlich kinderliedartigen Song zurückbaut, „All Along The Watchtower“ mit der Mundharmonika zerstückelt und nach dem „Planet Waves“-Stück „Forever Young“ kurz den Hut zieht, sagt er auch die paar Brocken, die nun auf der Goldwaage liegen. Dylan schlurft unterdessen in Zeitlupe von der Bühne, der Motor des Bandbusses läuft bereits. Heute spielt Dylan im dänischen Odense, morgen im schwedischen Borlänge. Der Stein, er muss weiterrollen.