„Eine grundandere Art von Geschichtsschreibung“: Zum Tod von Wolfgang Welt

Im Januar war ich in Bochum, um in der Bar des Schauspielhauses aus einem Buch zu lesen. Als wir zu später Stunde auf dem Weg in eine andere Bar die Königsallee entlang spazierten, deutete mein Freund Max auf ein beleuchtetes Fenster und sagte: „Da vorne sitzt Wolfgang Welt. Wollen wir ,Hallo’ sagen?“ Ich hatte schon viel gehört und gelesen über die Nachportierexistenz des kauzigen Mannes, der früher unter anderem für „Marabo“ und „Sounds“ über Musik, vor allem aber sich selbst geschrieben hatte. Die Funken, die beim Kurzschluss von grauem Alltag und buntem Pop sprühten, entfachten ein atemloses Wortfeuer: 1982 entstand die Erzählung „Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe“, 1986 erschien der wundervolle Roman „Peggy Sue“.

Welt schrieb über Musik, übers Saufen, das Ruhrgebiet im Allgemeinen und sehr Speziellen, missglückte Interviews und Anmachen und natürlich über Sex, beziehungswiese eben über die Abwesenheit von Sex. „Eine grundandere Art von Geschichtsschreibung“ nannte Peter Handke, der schließlich dafür sorgte, dass die Prosa des von ihm verehrten Welt im Suhrkamp Verlag erschien, diese Berichte über das Scheitern, benannte ihren Gegenstand als ein „monotones, undramatisches Vor und Zurück, ein Streunen, ein ,Tapern’ (wie Rolf Dieter Brinkmann es genannt hat), ein unablässiges Greifen nach Etwas, das zugleich schon ein ebenso ständiges Fallen lassen, Verzichten, Ausscheren, Beiseitetreten, Sich-Wegkrümmen“.

An jenem Abend in Bochum habe auch ich, ganz wie Welts Figuren, mit mir gehadert, mich gedrückt und weggeduckt, aus Angst vor dem peinlichen Moment, wie ein kleiner Junge mit nichts als Bewunderung vor dem bekanntermaßen wortkargen großen Autor zu stehen. Gestern ist Wolfgang Welt im Alter von 63 Jahren in Bochum gestorben.


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