Eric Pfeils Pop-Tagebuch: 10 Gründe, warum die Popmusik als Kunstform am Ende ist


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Folge 48

Seien Sie mir nicht böse, aber die zehn Gründe, warum die Popmusik als Kunstform am Ende angekommen ist, wollen mir auch gerade nicht einfallen. Ich wollte Sie einfach nur dazu verführen, diesen Text zu lesen und da dachte ich mir: „10 Gründe, warum die Popmusik als Kunstform am Ende ist – das interessiert doch jeden“. Ich hätte den Text natürlich auch „Conchita Wurst – Melodien im Wind“ oder „Text, in dem Bob Dylan nicht vorkommt“ oder „10 Gründe, warum ich immer gähnen muss, wenn Pharrell Williams irgendwo auftaucht“ nennen können, aber es kam eben anders. Warum die Popmusik als Kunstform am Ende ist, dürfte übrigens weithin klar sein. Dass sie trotzdem immer noch eine Menge Spaß machen kann, ebenso.

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Bislang meine liebste neue Platte des Jahres:

Auf „Seven Dials“, seinem ersten Album mit neuem Material seit acht (!) Jahren, vermählt der große Roddy Frame in zehn feinen Songs souverän Simplizität und Cleverness. Analog aufgenommen in Edwyn Collins Studio verströmt die Platte genau die Sorte luftigen Spätwerks-Charme, die den großen Gitarrenmännern der frühen 80er so gut steht. Ein Song heißt „Postcard“ und klingt, als spielte Jackson Browne bei Fleetwood Mac, anderswo gelingt es Frame so zu klingen, als würde er einfach nur atmen.

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Als ich sechs Jahre alt war bekam ich einen Dartpfeil ins Auge geworfen. Ich hatte Glück: Das Auge konnte durch eine Operation gerettet werden. Ich sehe inzwischen auf dem linken Auge nicht mehr so besonders, aber ich sehe. Früher hat mich vor allem geärgert, dass sich mein Auge durch den Unfall nicht verfärbt hat. Wäre dies der Fall gewesen, hätte die äußerst dumme Angelegenheit wenigstens den Kollateraleffekt gehabt, dass ich ein wenig wie David Bowie ausgesehen hätte. Ich kann mich nicht an besonders viel erinnern, was mit dem Unfall in Verbindung steht, aber ich weiß noch, dass ich, als man mich ins Krankenhaus brachte, nur eine Sorge hatte, nämlich am Abend „Dick und Doof“ im Fernsehen zu verpassen.

Ich begegne nicht allzu oft Leuten, die ebenfalls die Erfahrung machen durften, einen Pfeil ins Auge geworfen zu bekommen. Heute Abend aber ist es soweit: Ich schaue mir die Deutschlandpremiere von „Good Vibrations“ an. Der Film erzählt die Geschichte von Terri Hooley, der im Belfast der 70er den titelstiftenden Plattenladen eröffnete und später auf seinem Label gleichen Namens die Undertones herausbrachte. Im Presseheft wird Hooley, der bei der heutigen Premiere selbst anwesend sein wird, mit dem folgenden Satz zitiert: „Meine erste Erinnerung an Musik … da war ich 6 Jahre alt. Damals bekam ich einen Pfeil ins Auge geschossen. Es war ein sonniger Tag und die Rettungssanitäter legten mir einen Verband über beide Augen. Und das einzige, woran ich die ganze Zeit denken konnte, war Hank Williams „I Saw The Light““.

Er Hank Williams, ich Dick & Doof: Ich denke, das klärt die Situation. Vielleicht komme ich ja heute Abend mit ihm ins Gespräch.

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Frohe Kunde: Im Juni erscheint die beste Platte des letzten Jahres, Courtney Barnetts „The Double EP: A Sea of Split Peas“, endlich auch hierzulande. Für mich birgt dieser Umstand das folgende Problem: Wenn 2015 keine bessere Platte als diese erscheint, kann ich dann in meiner Jahresendabrechnung die Platte auch zum „Best Album 2014“ wählen? Ich werde die Redaktion fragen. Aber zugegeben: Ein Pfeil im Auge stellt ein weitaus Größeres Problem dar, egal ob mit Hank Williams oder Dick & Doof im Kopf.