
Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Die erschöpfte Ratlosigkeit
Der Versuch einer Rückschau auf das Jahr im Pop mithilfe der KI.
Folge 282
Einmal die Avantgarde der Rückschau sein! Mit dieser Motivation im Nacken beschloss ich, für das Pop-Tagebuch schon jetzt, lange also vor dem allgemeinen Rückblickfuror, ein Jahresresümee zu verfassen. Seriöse Recherche tat not, und so hackte ich die Worte „The Year 2025 in Pop“ in eine KI.
Die Antwort kam prompt: „The year’s pop music was a mix of continued hits carrying over from the previous year and new, dynamic releases.“ Ein wunderbarer Satz: die geballte erschöpfte Ratlosigkeit unserer Tage unter der notdürftigen Schminke einer drangvollen Fortschrittserzählung.
Mehr noch als in den Jahren zuvor zählte die Popmusik 2025 zu den vorhersehbareren Aspekten des Daseins. Alles, was man erwarten durfte, trat auch ein: Taylor Swift brachte ein Album heraus, Rockstar-Biopics sorgten für Ennui im Kinosessel, Oasis spielten wieder, etliche Heldinnen und Helden traten ab, und Markus Söder sang eine von Leslie Mandoki produzierte Version von „Sweet Caroline“. Letzteres ist alles, was man über Deutschland im Jahr 2025 wissen muss.
Dazwischen passierte in den diversen Nischen aber auch Erkleckliches: Gleich im Januar spielte der neapolitanischen Jazz-Funker Bassolino mit seiner Band in einem Kölner Club das Konzert des Jahres. Hören Sie seine EP „Città Futura“, da leuchtet auch im Winter die Sonne wie eine Steinofenpizza! Es gab zudem die von Tante KI erwähnten „new dynamic releases“ in Form toller Platten von Bad Bunny (Latin Trap), Geese (Indie-Rock) und Sophia Kennedy (Sophia Kennedy).
Manchmal passierte aber auch monatelang gar nichts. Steppenläufer wehten über verödete Straßen, Reissäcke fielen um und die Zeit sah sich selbst müde beim Vergehen zu.
Wieder nichts mit einem Revival von Ry Cooder
Zwei Niederlagen musste ich verkraften: Die von mir im privaten Kreis geäußerte Prognose, 2025 würden jugendliche Retro-Plattenkäufer nach Fleetwood Mac, Queen und den Doors nun Ry Cooder für sich entdecken, erfüllte sich nicht. Wie mir befreundete Plattenhändler versicherten, wurde weiter fleißig Fleetwood Mac gekauft.
Schlimmer wog Niederlage Nummer 2: Beim Versuch, im Rahmen ausgelassener Feierlichkeiten zum Bad-BunnyTrack „Baile Inolvidable“ zu tanzen, zog ich mir im April einen bösen Rückenschaden zu, der in Physiotherapeuten-Kreisen bis heute für anerkennendes Zungenschnalzen sorgt. A man’s gotta know his limitations …
Der Style-Award des Jahres geht wiederum an Bob Dylan. Der hatte im Rahmen der im Sommer unternommenen „Outlaw Tour“ offenkundig keine Lust auf Handyfotos und spielte als Konsequenz mehrere Konzerte trotz trockenen Wetters in einer ausladenden Regenklamotte mit Kapuze. Das, was noch von ihm zu sehen war, sah aus wie Liam Gallagher, der sich als Bauarbeiterzelt verkleidet hat.
Zugegeben, der Dezember liegt noch vor uns, aber ich setze meine Hoffnungen schon jetzt auf 2026. Falls man Wünsche äußern darf, würde mir ein Jahr ohne Biopics ungemein kommodieren. Ansonsten wäre so etwas wie ein neues Musikgenre oder eine überfordernde, transgressive Jugendkultur toll.
Natürlich ist es wohlfeil, nur aus dem kolumnistischen Elfenbeinturm heraus den Niedergang zu beraunen. Man sollte mit positivem Beispiel vorangehen und eigene Akzente setzen. Ich für meinen Teil beabsichtige ein Rave-Anthem für das Jahr 2026 zu produzieren. Hierzu lasse ich den Satz „The year’s pop music was a mix of continued hits carrying over from the previous year and new, dynamic releases“ von Werner Herzog einsprechen, um ihn hernach mit aufpeitschenden Beats zu unterlegen. Den Satz, nicht Herzog.
Bei Live-Auftritten wird das DJ-Pult von Tänzerinnen und Tänzern in Bauarbeiterzelten flankiert werden. Sicher, damit sind nicht alle Probleme gelöst, aber ein Anfang wäre gemacht.