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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Grusel-Calypso mit Johnny Depp

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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Grusel-Calypso mit Johnny Depp

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Folge 78

Immer wenn ich Privatfotos von Johnny Depp sehe, frage ich mich, wie man bloß auf die Idee kommen kann, derart komische Klamotten anzuziehen. Ich interessiere mich eigentlich nicht dafür, wie Schauspieler jenseits der Leinwand so rumlaufen, aber bei Depp lappt der Fall doch deutlich ins Eklatante: sondersam getönte Brillen, Hüte mit Federn, alberne Armbänder und Hippie-Ketten, speckige Lederjacken, die aussehen wie aus Peter Maffays Altkleidersammlung. Schlimmere Klamotten tragen eigentlich nur noch Aerosmith oder U2. Während Erstere meistens aussehen wie Typen, denen dringend mal einer sagen sollte, dass Westen auf bloßen Männerbrüsten, alberne Schlapphüte und um den Hals baumelnde Tigerzähne selbst in Stadionrock-Kreisen nicht mehr das allerheißeste Ding sind, sehen U2 inzwischen aus wie eine Parodie auf vier Männer in Rockstarklamotten, die zu viel im Umfeld von Extremsport-Events herumhängen. Bitte nicht falsch verstehen, liebe Aerosmith- und U2-Fans: Ich verehre das Wirken beider Bands, sammle alles über die beiden Leadsänger und stehe mehreren Ehrerbietungsvereinen vor. Mir geht es nur um die Kleidung, und hierzu darf ich mich ruhig despektierlich äußern, ich ziehe mich selbst schließlich auch indiskutabel an.

Der eingangs erwähnte Johnny Depp macht aber noch andere ulkige Sachen: Neulich grantelte er, dass Schauspieler, die ihren Ruhm dazu nutzten, Bands zu gründen, doch das Hinterletzte seien. Ich weiß nicht, ob ich dieser These zustimmen möchte. Ich finde auch zahlreiche Bands, in denen kein Schauspieler mitspielt, doof. Green Day zum Beispiel oder Mumford & Sons. Machen Mumford & Sons eigentlich gerade Pause? Wenn ja: Gut. Wenn nicht: Bitte mal Pause machen! Auch hier möchte ich nicht falsch verstanden werden, ich verehre beide Bands zutiefst, sammle auch hier alle Artikel und so weiter.

Zugegeben: Gelernte Schauspieler, die in einer wirklich guten Band mitwirken, fallen mir tatsächlich keine ein. Allerdings hat mir manch singender Schauspieler schon viel Freude bereitet: Robert Mitchum etwa. Der hatte nicht nur ein Faible für Calypso, dem er in zahlreichen Genre-Fingerübungen Ausdruck verlieh – der Mann schrieb auch eigene Songs. Seine erste kommerziell erfolgreiche Komposition (Koautor: Jack Marshall) war „The Ballad Of Thunder Road“, ein Lied über den Whiskeyschmuggler Lucas Doolin, der statt von der Polizei vom Teufel gekascht wird: „The devil got the moonshine and the mountain boy that day.“

Ein anderer Schauspieler, dessen gesangliches Wirken dringend des Beklatschens bedarf, ist Christopher Lee. Der nicht genug zu preisende Mime genoss gar eine klassische Gesangsausbildung und wirkte in frühen Jahren als Sänger in Opernhäusern. Schlicht als tollkühn muss freilich sein Entschluss gewertet werden, sich in späten Jahren dem Metal zuzuwenden. Bereits vor zehn Jahren gefiel es ihm, mit dem Genre zu flirten, sogar ein gemeinsamer Live-Auftritt mit Manowar war kurzzeitig geplant. Lees erstes eigenes Metal-Album, „Charlemagne: By The Sword And The Cross“, erschien im Jahr 2010, da war der Mann bereits 87. Das Nachfolgewerk, „Charlemagne: The Omens Of Death“, wurde an Lees 91. Geburtstag veröffentlicht. Ich höre die Platte sehr gerne beim Erledigen meiner Steuererklärung.

Vielleicht sollte man sich ohnehin mehr Gedanken über all die Schauspieler machen, die nie gesungen haben. Nicolas Cage ist so einer. Was könnte der für tolle Musik machen? Ich lehne mich mal aus dem Fenster und behaupte, dass Nicolas Cage garantiert noch ein tolles Goa-Album mit grandiosen, unter wildem Augenrollen vorgetragenen Spoken-Word-Passagen in sich hat. Bill Murrays schöne Schlussszene in „St. Vincent“ wiederum lässt vermuten, dass der Schauspieler eine wunderbar waidwunde Sammlung von Bob-Dylan-Covers abliefern könnte.

Und Johnny Depp? Der soll sich mal von Christopher Lee ein paar vernünftige Gruselklamotten ausleihen und ein Calypso-Album machen. Von mir aus mit Mumford & Sons. Dann reden wir weiter.

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