Pop-Tagebuch

Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Ohne Filter im Fitnessstudio

Folge 64

Ich weiß, verehrte Damen, was Sie sich fragen: Was macht Eric Pfeil eigentlich mit all dem Gold, das er mit dem Pop-Tagebuch verdient. Nun, er gibt es für private Tanzstunden aus. Schließlich gilt es, das im „Radio Gelato“-Video dargebotene zu verfeinern und zu veredeln. Ich muss in Fragen des On-Stage-Bühnentanzes mindestens so gut werden wie Father John Misty, das ist die Messlatte. Meine Erkenntnisse nach den ersten Tanzstunden sind bescheiden. Die erste lautet: Zu deutschsprachiger Musik kann ich nur schlecht tanzen. Vor allem dann nicht, wenn es sich um eins dieser emotionsverknallten Säusel-Lieder von Benzko, Bourani, Clueso oder wie sie alle heißen handelt und das Stück zudem noch einen Gastrap von irgendeinem bedauernswerten Rap-Imitator beinhaltet. Ich habe mich während des Umhertänzelns jedenfalls die ganze Zeit fragen müssen, ob es sich bei dem entschieden Rap-Willigen wohl um Sido, Haftbefehl, Tankstelle, Bunsenbrenner oder Türklinke handelt. Die heißen ja jetzt alle irgendwie so.

Erkenntnis Nummer zwei: Wird die deutschsprachige Musik von Hildegard Knef dargeboten, kann ich sehr wohl dazu tanzen.

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Eine Konzertempfehlung:

Demnächst beehren mal wieder die durch und durch grandiosen Growlers das Land. Wer ihre Alben nicht kennt: The Growlers klingen in etwa, als wären die Beach Boys und die Doors ein und dieselbe von Neil Diamond als Sänger angeführte Band gewesen. Ausschauen tun die fünf Herren jedoch eher wie irgendetwas, auf das Captain Beefheart stolz gewesen wäre: Sänger Brooks Nielsen gebietet über einen prachtvollen D’Artagnan-Schnäuzer und erweckt auf der Bühne den Eindruck, als habe er sich schon vor langer Zeit der psychedelischen Industrie zu Testzwecken zur Verfügung gestellt. Der Gitarrist wiederum schaut aus, als gehörte er eigentlich auf einen Fischkutter statt auf eine Bühne, und der langhaarige androgyne Bassist legt die Vermutung nahe, er wäre soeben aus einer Drag-Metal-Band entlaufen.

Die Band aus Costa Mesa, Orange County ist, ähnlich wie der Haarschüttler Ty Segall oder die Psych-Clowns Foxygen, ein kalifornischer Glücksfall. Was diese Bands außer einer klaren Neigung zum verspulten Sixties-Gedröhne eint, ist die angenehm unkarrieristische Attitüde, die sie vom Großteil der ambitionierten Jung-Bands der letzten Jahre klar abgrenzt. The Growlers sind hörbar nicht daran interessiert, das nächste große Ding zu werden. Stattdessen lassen sie munter die Freak-Fahne flattern.

Als „Goth Surf“ haben die Growlers ihre Musik mal bezeichnet. Wie dem auch sei: Die Band hat Songs und Sound. Man stelle sich vor, die Strokes hätten sich Schlapphüte aufgesetzt und wären auf Skateboards von New York an die Westküste gerollt, um sich ein bisschen den Teint aufzubessern, dann bekommt man eine entfernte Ahnung davon, wie diese Band klingt: Bass und Schlagzeug sorgen für rhythmisches Wogen, darüber liegen zwei klingelnde Hall-Gitarren und der entschieden maulfaule Gesang Nielsens: eine Stimme, die gerade erst aufgestanden ist. Die Beach Boys auf Narkotika, The Doors ohne Schamanen-Gehampel, dafür mit viel Humor; Dick Dale als Gitarrist von The Velvet Underground; Italo-Western unter Wasser: All das und mehr steckt in dieser Musik.

Die neue Platte, ich erwähnte das schon mehrfach, ist auch super. Hingehen!

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Gründe, die zu erläutern mich hier allzu sehr ausschweifen lassen würden, führten mich neulich in ein Fitnessstudio. Sagen wir so: Alles, was Sie je über Fitnessstudios gehört haben, ist wahr. Vor allem dies ist wahr: Es läuft dauernd Musik, und diese Musik ist eher dem unguten Bereich zuzuschlagen. Um mich dem perfiden Kirmesgedröhne nicht aussetzen zu müssen, hörte ich bei meiner letzten Sitzung dort, behände von Gerät zu Gerät tänzelnd, das großartige Alter-Sack-Album „Terms Of My Surrender“ von John Hiatt komplett durch. Noch vor wenigen Jahren hätte ich diese Sorte Musik als altersherben „handgemachten“ Bluesrock für zauselige „Ohne-Filter“-Großväter abgetan. Dass sich dies drastisch geändert hat, liegt – vom nicht unbeträchtlichen Genie John Hiatts mal abgesehen – sicher auch daran, dass ich im Club der zauseligen „Ohne Filter“-Großväter mit Handmach-Fimmel inzwischen einen festen Sitzplatz gebucht habe. Es ist schön dort. Es riecht ein bisschen holzig und auf anachronistische Weise ungesund. Sogenannten jungen Leuten könnte auch die Polsterung „zu hart“ sein. Andere Alben, die man vortrefflich im Fitnessstudio hören kann, um böse Geister zu vertreiben: Loudon Wainwright III – „Haven’t Got The Blues (Yet)“ und Nick Lowe – „At My Age“.

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Gibt es eigentlich schon einen deutschen Rapper, der Führerschein heißt? Ich hoffe nicht.

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Die beste Lo-Fi-Neo-Psych-Platte der Saison kommt von King Gizzard & The Lizard Wizard und heißt sinnigerweise „I’m In Your Mind Fuzz“. Eine herrlich destabilisierende Platte.

Grandios sägendes, treibendes Zeug, das sich trotz famos treibender Rhythmusarbeit immer wieder in seltsam verspiegelte Hall-Korridore verabschiedet. Dies hier sind keine Songs, sondern Zustände. Can, Neu!, die Stooges und die 13th Floor Elevators begrüßen sich hier ein ums andere Mal zum fröhlichen LSD-Einklinken. Foxygen, Wooden Shjips, White Fence, Ty Segall und andere Astronauten werden ihre Achtspur-Bandmaschinen vor Neid aufessen wollen.  Ein super Teil. Trust the Fuzz!

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Neulich auf dem Flohmarkt.

Eine Mutter mit Kind bleibt vor einem Stand stehen, der unter anderem eine Kurt-Cobain-Biographie zum Verkauf anbietet. Das Kind deutet auf das Cobain-Cover und krächzt: „Guck mal Mama – David Garrett!“

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Noch eine Live-Empfehlung:

Das für mich beste Konzert des Jahres hat in der letzten Woche schon wieder Chuck Prophet in Köln gegeben.

Man könnte sein Foto zu Erläuterungszwecken im Lexikon neben dem Begriff „Rampensau“ abdrucken: Chuck Prophet steht, mit Hut, engem Jackett und heiter gemustertem Hemd, vorne am Bühnenrand und reckt im scheinbar selbstvergessenen Spiel seine geschundene Fender-Gitarre in die Luft. Was sich dazu mimisch auf seinem Gesicht abspielt, gehört ins Museum für experimentelle Gesichtsausdrücke: Wie in schlimmster Agonie verdreht er die Augen und verzieht den Mund zur grotesken Schnute: Eigentlich sind das gar keine Gesichtsausdrücke mehr, das sind Passionsspiele. Gottlob hat er aber auch die Songs zu den Posen. Und wie da ein funkensprühendes Stück nach dem anderen durchs sträflich leere Gebäude 9 brettert, könnte man dem Eindruck erliegen, der Mann hätte die Rockmusik ganz im Alleingang erfunden.

Wenn es jemandem gelingt, die verstaubt und drollig wirkende Kunstform namens Rock’n’Roll – also das romantische Darstellen einer ungezügelten Lebenshaltung mittels Gitarre, Bass und Schlagzeug – im Jahr 2014 wieder wie eine echte Option erscheinen zu lassen, dann muss er verdammt gut sein. Chuck Prophet ist mehr als das: In seinem Genre ist der Mann ein Genie: Der 51-jährige verfügt über die seltene Gabe, große Roots-informierte Songs voller cleverer Pop-Haken zu komponieren, diese aufregend zu arrangieren und mittels seines Gitarrenspiels in höhere Dimensionen zu überführen.

Die letzten beiden Alben „Temple Beautiful“ und „Night Surfer“ zeigen den einstigen Gitarristen von Green On Red auf dem Höhepunkt seines Schaffens: Prophet ist hier wie immer als Reisender durch amerikanische Rock-Traditionen auf derselben staubigen Straße unterwegs, die auch von Leuten wie Paul Westerberg oder Peter Wolf bevorzugt befahren wird (mit Dylan und den Stones im Autoradio, wenn man so will). Allerdings drückt der Kalifornier mächtig aufs Gaspedal. Stimmlich hängt er dabei irgendwo zwischen einem virilen Tom Petty und einer schlimmen Nebenhöhlenvereiterung.

Ich könnte jetzt hier noch lange schwärmen: davon, wie Prophet das komische Ding Rockmusik mit großem Show-Willen wirklich mal wie eine zeitlose Sache klingen lässt. Davon, wie wunderbar seine Band The Mission Express zusammenspielt. Davon, was für ein großer Sänger dieser Nicht-Sänger tatsächlich ist. Davon …

Aber wissen Sie was: Demnächst ist der Mann noch in einigen deutschen Städten zu sehen. Tun Sie sich einen Gefallen und gehen sie da hin! Ich muss jetzt leider auflegen. Neue Tanz-Moves wollen erlernt werden …

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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Die Klasse von ’89

Folge 191 1969, das Geburtsjahr Ihres Autors, war ein einigermaßen spektakuläres Jahr. Mon dieu, was da alles los war! Die einen flogen zum Mond, andere latschten ikonografisch über Zebrastreifen in der Abbey Road, wieder andere wälzten sich wirren Kopfes und halb nackt durch den Morast nordamerikanischer Festivalwiesen. Ihr Chronist war bei alledem nicht dabei und ist dar­über auch nicht sonderlich bekümmert, zumal an alle genannten Ereignisse in den letzten Monaten umfänglich erinnert wurde. Weitaus besser erinnere ich mich an das Jahr 1989. Es war mein letztes Schuljahr, und David Hasselhoff sang die Berliner Mauer in Schutt und Asche. Es erschien…
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