Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Rock in Tutzing

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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Rock in Tutzing

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Folge 146

Der Umstand, dass ich bei einem in München ansässigen Label unter Vertrag stehe, bringt es mit sich, dass ich des Öfteren für Konzerte in der bayrischen Provinz gebucht werde. So kam es, dass ich einmal in einem an der Grenze zu Österreich gelegenen sogenannten Naturhotel spielte, das sich in seiner Eigenwerbung auch als „Gesundheitsressort“ anpries. Im Konzertsaal saßen fast ausschließlich fastende Menschen, die den ganzen Tag lediglich ­eine dunkle Gesundheitstunke in sich hin­einschütten durften. Ich hingegen sprach auf der Bühne munter dem Weißwein zu. Im Publikum befand sich auch Berlinale-Intendant Dieter Kosslick, der während meines gesamten Vortrags seine Schläfen massierte, so als wäre er von irgendetwas nervlich stark angefasst. Ob das an der dunklen Gesundheitstunke oder an meinem Konzert lag, weiß ich nicht.

Unlängst konzertierte ich in Tutzing am Starnberger See. Hier wurde gottlob keine braune Tunke, sondern, der regionalen Vorliebe entsprechend, reichlich Bier getrunken. Allerdings wurde auch gegessen. Konzerte, bei denen gegessen wird, sind, zumindest für den Künstler, oft etwas problematisch: Man hat das Gefühl, man wird mitgegessen. Trotzdem, es war ein schöner Auftritt, sodass ich mich entschloss, am nächsten Tag noch im Ort zu verweilen.

Maffay und Mandoki

Obwohl Tutzing nur knapp 10.000 Einwohner zählt, kann die Gemeinde mit einigen popkulturellen Verbandelungen punkten. Mit Peter Maffay und dem ehemaligen Dschinghis-Khan-Musiker Leslie Mandoki wohnen gleich zwei Legenden der deutschen Popmusik im Ort. Mandoki unterhält hier sogar ein Studio, in dem bereits Phil Collins und Ian Anderson von Jethro Tull tätig waren. Auch Markus Söder kam schon vorbei, ließ sich in 70er-Jahre-Knöpfchenfummler-Manier mit Mandoki am Mischpult ablichten und befand, dass man die Suche nach neuen Talenten keineswegs nur den Berlinern überlassen dürfe. Da war er bei Mandoki freilich genau richtig: Für Audi komponierte der Musiker zum 100. Geburtstag eine Symphonie. 2013 schuf er den Wahlkampfsong für die CDU. Inzwischen ist er als Söders Parteigänger politisch aktiv.

An einer Informationstafel nahe dem Bahnhof stieß ich dann auf einen Flyer. Dar­auf wurde ein vielversprechendes Event namens Rock’n’Sail beworben: eine Schiffsreise von Hamburg ins südenglische South­ampton, Innenkabine ab 1090 Euro. Bei der Reise inklusive: ein Konzert mit Peter Maffay (aha!), „Dresscode: Jeans on“. So rührend anachronistisch der Dresscodewunsch auch sein mag, so sehr muss ich leider dringend davon absehen, die Reise als Gonzojournalist für den ROLLING ­STONE zu absolvieren.

Der Weg führte ins nahe Strandbad am See. Hier spielte eine großartige Band auf: The Yaks. Die stammen aus Starnberg, sind seit knapp 50 Jahren aktiv und müssen ab sofort als Deutschlands beste Oldies-­Cover-Band gerühmt werden. Von CCR und Bobbie Gentry über die Stones und die Kinks bis zu den Beach Boys und alten Soulbrechern reichte das Repertoire der „Bavarian supergroup of the Roaring Sixties“. Dass drei der vier Bandmitglieder aussahen wie der späte J. J. Cale und der Drummer das Konzept durch leichte Verschlepptheiten vom guten Nachspielen in den Bereich der brillanten Umdeutung überführte, sorgte für zusätzliche Begeisterung. Auch bei den Ansagen konnte man sich einiges bei der Band abschauen: „Danke für den Applaus – er ist absolut berechtigt!“

Würde ich sie mir leisten können, ich würde sofort mit den Yaks als Backingband ein Album aufnehmen. Mit den Yaks würde ich sogar auf eine Rock’n’Sail-Tour gehen (mit „Dresscode: Jeans on“). Ja, selbst in einem Naturhotel mit Gesundheitsressort würde ich mir diese tolle Band anschauen.

Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Bring mir keine Köpfe – auch nicht den von Phil Ramone

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