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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Schreckliche Schneemänner beim Hairstylisten

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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Schreckliche Schneemänner beim Hairstylisten

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Folge 88

Vor ein paar Wochen habe ich im Wartezimmer meines Hairstylisten ein interessantes Gespräch zweier älterer Musikliebhaber aufgeschnappt. Ihnen, liebe Leserin, dieses Gespräch vorzuenthalten, käme einer Fahrlässigkeit gleich. Hier also mein geistiger Mitschnitt:

Mann 1: „Meine Frau meint, ich hätte unseren Söhnen das Leben versaut, indem ich sie nach meinen Lieblingsmusikern benannt habe. Dabei machen Simon und Garfunkel einen recht glücklichen Eindruck auf mich.“
Mann 2: „Auf mich auch. Mach dir da mal keine Gedanken. Aber etwas Anderes: Wie viele Nick –Lowe-Platten sollte ein Mensch tatsächlich besitzen?“
Mann 1: „Alle.“
Mann 2: „Alle. Wirklich?“
Mann 1: „Ja, alle.“
Mann 2: „Ich verbringe ja recht viel Zeit an Gebrauchtschallplattenständen auf dem Flohmarkt, und da fallen mir beim Durchwühlen der 2-Euro-Kisten immer wieder noch nie gesehene Werke dieses Mannes in die Hände. Den Hüllen nach zu urteilen, müsste es sich hier aber um ziemliches Grusel-Material handeln.“
Mann 1: „Ja, über die Cover lässt sich streiten. Welches findest du am schlimmsten?“
Mann 2: „Ganz klar „The Abominable Showman“!“
Mann 1: „Heißt die nicht „The Abdominable Snowman“?
Mann 2: „SHOWman“, nicht „SNOWman“. Und es heißt „ABOMinable“, nicht „ABDOMinable“.

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Mann 1: Das heißt, ich habe den Namen einer so unbekannten wie unbedeutenden Nick-Lowe-Übergangsplatte immer falsch ausgesprochen. Egal. Ich find die aber gar nicht so schlecht – da sind aber unter anderem „Ragin’ Eyes“ und „Time Wounds All Heels“ drauf.“
Mann 2: „Wir sprachen aber über die Cover, nicht über die Platten.“
Mann 1: „Stimmt. Aber das deutlich schlimmere Cover hat „Nick Lowe & His Cowboy Outfit“. Vorne drauf sieht man Nick Lowe, der aussieht wie ein fieser alternder Kneipen-Roadie, der eben vom Klo kommt. Die Rückseite ist noch schlimmer. Ich möchte soweit gehen, zu behaupten, dass es sich hier um die schlimmste Albumrückseite der Musikgeschichte handelt.“
Mann 2: „Wirklich? Warum?“
Mann 1: „Man sieht da ein paar gestandene Pubrock-Giganten, denen es gelingt so auszusehen, wie eine Bluesrock-Cover-Band aus Bad Hupfingen ob der Schnodder.“
Mann 2: „Bad Hupf …“
Mann 1: „Egal. Wie stehst du eigentlich zum Begriff „Americana“?
Mann 2: „Zum Begriff oder zu der Musik?“
Mann 1: „Na ja, ist ja ein Totschlag-Begriff für alles, was halbwegs amerikanisch tönt.“
Mann 2: „Ich denke bei „Americana“ immer an Lapsteel-Spieler, verhallte Männergesänge, komisches Handgemachtheitsgetue, Will Oldhams Bart, Jeff Tweedy und die Haare vom My-Morning-Jacket-Sänger.“
Mann 1: „Ich finde, „Americana“ ist wie „Pegida“: Ist halt ein Sammelbecken. Kann man nicht über einen Kamm scheren, man muss den Einzelfall sehen.“
Mann 2: „Hui, ob man das so sagen kann?“
Mann 1: „Ich lasse mir nicht den Mund verbieten.“
Mann 2: „Sag mal, was lässt du dir denn heute hier eigentlich für eine Frisur machen?“
Mann 1: „Besseres Thema. Bei mir wird’s „Kajagoogoo“ und bei dir?“
Mann 2: „Ich lass mir die Frisur vom Keyboarder von „Geier Sturzflug“ machen.“
Mann 1: „Hä? Kennt doch keiner.“
Mann 2: „Eben. Ich seh dann ja auch nicht aus wie ihr alle mit euren Kajagoogoo-Frisuren. Außerdem …“

Die Sprechstundenhilfe des Hairstylisten betritt das Wartezimmer. Herr Pfeil, gehen Sie bitte in Kabine 77, ziehen Sie den Mofahelm aus und legen sie alle Stirnbänder ab. Frau Dr. Sinistra kommt dann gleich.“

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