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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Sherlock Holmes und die ägyptischen Limericks

Folge 97

Als ich nach meinem Auftritt in der Hamburger Hasenschaukel am Samstag in der Wohnung eines Freundes aufwache, erreicht mich recht spät die Nachricht von den Ereignissen am Vorabend in Paris. Eigentlich hätte ich an diesem Abend weiter nach Berlin fahren sollen, um dort im Rahmen einer Radio-Eins-Veranstaltung zu spielen. Nach einigem stummen Herumsitzen wird mir klar, dass ich an diesem Tag nicht dazu in der Lage sein werde, von „Popcorn in Paris“, „Schüssen am Fluss“, Explosionen und letzten Zigaretten zu singen. Ich sage ab.
Im ungeschickten Bemühen darum, in der Hamburger Wohnung eine solidarische Stimmung aufkommen zu lassen, wandert die Amiga-Pressung einer Mireille-Mathieu-Platte auf den Teller. Wieder wird stumm herumgesessen, sinnlos an der Tischplatte herumgefummelt und gelauscht. Schon bemerkenswert: Das erste Lied auf der Platte heißt „Paris en colère“ (Paris im Zorn). Mein Schulfranzösisch ist mir im Laufe der Jahre zu großen Teilen abhanden gekommen, daher lese ich auf der Rückseite die deutsche Übersetzung des Textes. Der erste Satz lautet: „Wenn man seine Freiheit bedroht, gerät Paris in Zorn“. Am Ende singt Mireille: „Nach dem Kampf weint Paris und weint vor Freude.“

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Bob Dylan bei einer Pressekonferenz, 1966.

Sollte Bob Dylan zuletzt irgendwelche Mittel gegen fortgeschrittene Bobdylanhaftigkeit eingenommen haben, muss ganz klar konstatiert werden: Die Mittel wirken nicht. Zwar ist die Setlist seiner Europatournee beinahe verstörend konstant, zu überraschen weiß der Mann aber immer noch.
Was bei seinem Konzert in Düsseldorf überrascht, ist vor allem der Umstand, wie berührend seine abgerüsteten Versionen der Prä-Rock’n’Roll-Standards sind, die er kürzlich auf dem Album „Shadows In The Night“ versammelte. Meist von einer wimmernden Pedal Steel eingeleitet, lassen diese ebenso schönen wie zwingenden Interpretationen den dringenden Wunsch aufkommen, den seltsamen Mann bald mal in einer Kurmuschel konzertieren sehen zu wollen.
Zwischendurch sagt Dylan sogar einmal etwas. Es klingt wie: „Huuah Daaaang, grrrrrrrltzzztermischeriluongischens.“ Heißt aber vermutlich bloß so etwas wie: „Es gibt jetzt eine kurze Pause, bis gleich“. Denn was folgt, ist eine zwanzigminütige Unterbrechung, die dem einigermaßen fanatischen Zuschauer Gelegenheit gibt, mal ganz nach vorne zu latschen und sich Dylans Oscar anzugucken, den er wie immer in der Nähe seines Klaviers platziert und mit Ketten behängt hat.
Dass der Mann bei allem Wohlklang immer noch dazu in der Lage ist, seine Band auf offener Bühne herauszufordern, beweist die Version von „Spirit On The Water“, bei der Dylan recht ulkiges Zeug auf dem Klavier veranstaltet und das Stück so gehörig ins Kippeln bringt. Auch die zur Zugabe gereichte Version von „Blowin’ In The Wind“ muss als experimentell bezeichnet werden. Das Abenteuer geht weiter.

Fiona Adams Redferns


Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Keinerlei Anlass zur Güte

Folge 210 Wenn der Mensch vor lauter Gegenwart nicht mehr zum Atmen kommt, richtet er den Blick gerne in die Vergangenheit. Viele Leser dieser Kolumne dürften ihre popmusikalische Erweckung in den sogenannten Neunzigern erlebt haben und mit entsprechender Güte auf jene Ära zurückschauen. Dabei besteht zu solcher Güte keinerlei Anlass! Nehmen wir allein das Jahr 1995: gerade erst vorbei, so lange her, 25 Jahre. Zwar kamen 1995 einige Lieblingsalben Ihres Chronisten heraus (Guided By Voices’ „Alien Lanes“, Pavements „Wowee Zowee“, „Clouds Taste Metallic“ von den Flaming Lips und D’Angelos „Brown Sugar“), aber es gab eben auch den ganzen Rest, und…
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