Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Trommelfeuer

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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Trommelfeuer

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Folge 100

Warum nicht das neue Jahr mit etwas einlullender Rückwärtsgewandtheit beginnen? Mir jedenfalls erscheint der Jahres­beginn 2016 perfekt, um über das Jahr 1972 zu sprechen. Das schönste Rockalbum jenes an schönen Rockalben nicht eben armen Jahres war eindeutig das Debütalbum von Stephen Stills’ ein Jahr zuvor gegründeter Band Manassas: eine Platte, die ebenso virtuos wie lässig zwischen Rock, Folk, Bluegrass und Psychedelia hin und her tänzelt.

ManassasssIm Grunde klingt die Platte so, wie ihr Cover aussieht: Ein unscharfes Foto zeigt sieben langhaarige Typen in nachlässiger Frühsiebziger-Tracht am alten Bahnhof der Stadt Manassas in Virginia. Bis auf den breit grinsenden Bassisten Calvin „Fuzzy“ Samuels strahlen die Musiker eher eine Keinen-Bock-auf-Mucken-Haltung aus: So wie sie da stehen, könnten sie ebenso gut Outlaws aus einem Sam-Peckinpah-Film sein. Dazu passt, dass über den Köpfen der Musiker wie auf einem Filmplakat die Namen der Mitstreiter aufgelistet sind: Stephen Stills, Chris Hillman, Dallas Taylor, Paul Harris, Fuzzy Samuels, Al Perkins, Joe Lala – Moment, Joe Lala? Was für ein anmutiger und klangvoller Name! Wer so heißt, muss hier in der inoffiziellen Ehrerbietungskolumne für nahezu vergessene Musiker noch einmal ins Rampenlicht gezerrt werden.

Joseph Anthony Lala

Joseph Anthony Lala wurde im November 1947 in Tampa/Florida geboren und wirkte bis zu seinem Tod im Jahr 2014 als Percussionist und Schauspieler. Percussionist … hmm. Ich glaube, von allen Musikern genießt der Percussionist die geringste Wertschätzung. Leidenschaftliche Gespräche darüber, wer denn der beste Schlagzeuger, Bassist oder Keyboarder aller Zeiten sei, brechen ja an den Theken dieser Welt nahezu sekündlich aus. Ich bezweifle allerdings nachdrücklich, dass das von Percussionisten veranstaltete Geklöppel und Gerappel ähnlich engagierte Debatten auszulösen in der Lage ist – außer unter Percussionisten.

In Joe Lalas Fall muss man sagen: Die Platten, auf denen er mitwirkte, verlören ohne sein Getrommel deutlich an Reiz. Man höre etwa das Bee-Gees-Stück „You Should Be Dancing“: Ohne Lalas engagierten Conga­einsatz würde die Schlaghose hier nur halb so sehr flattern. Lala ist darüber hinaus auf Platten von Crosby, Stills & Nash, Rod Stewart und Barbra Streisand sowie auf Whitney Houstons Debüt zu hören. Nachdem ein Karpal­tunnelsyndrom seiner Percussionistenkarriere ein vorzeitiges Ende bereitete, verlegte Lala sich zunehmend auf die Schauspielerei.

Das mit den Percussionisten lässt mich jetzt nicht mehr los. Die letzte Stunde habe ich mit dem Recherchieren prominenter Vertreter dieser Zunft verbracht und bin dabei so schillernden Charakteren wie Jamey Haddad, Giovanni Hidalgo und Trilok Gurtu begegnet. Die Haupterkenntnis dieser Stunde im Reich der ewigen Trommeln lautet, dass der häufig vernommene Vorwurf gegen Sologitarristen, sie grimassierten beim Herumgniedeln schlimmer als flatulenzgeplagte Stummfilmkomiker, womöglich mit weitaus größerer Berechtigung Percussionisten entgegenzuschleudern ist. Vermutlich werde ich weite Teile des Jahres 2016 dazu nutzen, eine Ausstellung mit dem Titel „Porträts ekstatischer Bongotrommler“ zu kuratieren.

Sheila E.

Man mag bedauern, dass nicht alle Percussionisten so sind wie Sheila E. in den Achtzigern: glamourös und geheimnisvoll. Sheila E.s Auto­biografie ist zu entnehmen, dass sie sich im Alter von 18 Jahren mit Carlos Santana verlobte, der jedoch zu diesem Zeitpunkt verheiratet war. Diese Rockmusiker! Sheila E. ist die Patentochter von Tito Puente und die Tante von Lionel Richies Adoptivtochter, der Paris-Hilton-Freundin Nicole Richie. Das finden Sie verwirrend? Nun, was sagen sie hierzu: Sheila E. ist zudem die Tochter des Santana-Trommlers Pete Escovedo und die Nichte des Americana-Musikers Alejandro Escovedo. Ihr anderer Onkel war Joseph Thomas Escovedo, der ebenfalls bei Santana percussionierte und auf den schönen Spitznamen „Coke“ hörte. Lionel und Nicole Richie haben meines Wissens mit Percussion nichts zu tun.

Habe ich schon erwähnt, was für eine tolle Platte „Manas­sas“ ist?

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