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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Was Tennis mit Trommeln zu tun hat

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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Was Tennis mit Trommeln zu tun hat

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Folge 85

Wie unreif erwachsene Menschen doch sein können! Neulich verlebte ich einen heiteren Abend im Kreis von Freunden. Anlass der Versammlung war der Geburtstag eines Kumpans, der gelernter Schlagzeuger ist und als solcher der Welt schon viel Freude bereitet hat. Vollblutmusiker, so sagt man wohl.

Als es auf 0 Uhr und somit auf den Geburtstag des Freundes zuging, kam in der Runde die Frage auf, mit welcher Musik der Jubilar denn wohl am besten ins neue Jahr zu geleiten sei. So hehr unsere Absicht auch war – wir benahmen uns wie Tölpel und ließen alle Sittlichkeit willentlich fahren. Dabei hätte es so gut werden können: Man hätte etwa der Liebe des Freundes zum Funk und Soul der Siebziger Rechnung tragen oder irgendein tolles Jazz-Album auflegen können. Doch was taten wir?

Höhö, Schlagzeuger!, dachten wir wohl und kramten erst einmal George Kranz’ Novelty-Song „Din Daa Daa (Trommeltanz)“ raus. Gefolgt wurde das Machwerk von „Rain In May“, dem einzigen Hit des holländischen Standschlagzeugers und Phil-Collins-Soundalikes Max Werner, von dem der bereits einigermaßen indignierte Jubilar recht überzeugend behauptete, es gar nicht zu kennen. Es war ein würdeloses Bild: Um den tapferen Freund herum saßen nun lauter rotgesichtige Luftschlagzeuger. Überflüssig zu erwähnen, dass es vornehmlich männliche Luftschlagzeuger waren, die Frauen waren zu einem Großteil mit Kopfschütteln beschäftigt oder ignorierten die Idiotie so gut es ging.

Noch beknackter: Schlagzeugsoli auf E-Drums

Nach „Rain In May“ waren dann endgültig alle Dämme gebrochen: Ich wünschte mir „A Brief Case“ von den schnurrbärtigen Synthie-Rockern Saga, ein knapp zweieinhalbminütiges Drumsolo, das sich auf dem Live-Album „In Transit“ befindet und zum Teil auf einem damals modischen Elektroschlagzeug exekutiert wird. Man muss an dieser Stelle festhalten: Schlagzeugsoli mögen schon einigermaßen beknackt sein. Es gibt jedoch etwas, was noch beknackter ist, nämlich Schlagzeugsoli, die auf E-Drums gespielt werden. Im Falle von Saga kommt erschwerend hinzu, dass sich besagtes E-Schlagzeug in einem kleinen Koffer (daher der doofe Titel „A Brief Case“) versteckte. Dieser wurde während der Konzerte der Band in den frühen Achtzigern von einem unter dem Schlagzeugpodest liegenden Roadie (!) auf die Bühne gereicht, unter allerlei Tamtam geöffnet und hernach effekthascherisch betrommelt. Ein Einfall, der erfreulicherweise wenige bis gar keine Nachahmer fand. Doch zurück zu dem unglücklichen Geburtstagskind.

Das sah sich genötigt, darauf hinzuweisen, dass die von uns ausgewählte Musik seinen Berufsstand in keiner Weise repräsentiere, mehr noch, ihn geradezu diffamiere und mit Dreck bewerfe. Doch da war schon alles zu spät. Irgendjemand hatte ein Solo des Queen-Trommlers, Roger Taylor, aufgelegt, das die Saga-Bedenklichkeit sogar noch toppte! Da kam mir ein Einfall: Es gebe auch gute Rock-Schlagzeugsoli (von Jazz ist hier ganz ausdrücklich nicht die Rede!), hörte ich mich sagen und verwies auf „The Mule“. Hierbei, so führte ich aus, handle es sich um ein Trommel-Spektakel, das der Deep-Purple-Schlagzeuger Ian Paice auf deren Album „Made In Japan“ veranstalte. Ein Kuriosum: ein Jazz-Solo im Hardrock-Kontext!

Die musikalische Kraft von Deep Purple

Da ließ sich die Stimme eines bislang im Hintergrund geblieben Freundes vernehmen: Sein älterer Bruder habe ihm, dem wissbegierigen Novizen, „Made In Japan“ vorgespielt und als Nonplusultra des Rock angepriesen. Die Folge sei gewesen, dass er sich lange Jahre komplett von der Musik ab- und dem Tennis zugewandt habe: „Wenn das Rockmusik war, dann wollte ich damit nichts mehr zu tun haben.“

Plötzlich ließen alle vom Luftgetrommel ab. Nachdenklichkeit und Demut legten sich über die Runde. Welche Kraft doch die Musik von Deep Purple in sich barg! Ob Andre Agassi auch „Made In Japan“ gehört hatte? Spielt Chris de Burgh eigentlich Tennis? Man weiß es nicht. Das aber weiß man: Der Saga-Schlagzeuger klöppelte 1982 auch auf de Burghs Millionseller „The Getaway“. Und John McEnroe spielt gelegentlich mit Sting Gitarre. Keine Ahnung, was, aber irgendetwas muss das bedeuten.

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