Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Weihnachtsflucht mit Nick Cave


Folge 29

Als Autor einer wöchentlichen Kolumne kann man sich dem Saisonalen nur schwer entziehen. Vor allem dann nicht, wenn man sich gar nicht entziehen mag. Während ich diese Zeilen mit der Feder zu Papier bringe, läuft jedenfalls im Hintergrund Nick Lowes Weihnachtsalbum „Quality Street“ (Untertitel: „a Seasonal Selection For All The Family“) und selbsthergestelltes Gebäck krümelt aufs Papier hernieder. Vor allem aber kann ich nun endlich wieder meine liebste Weihnachtsplatte, den Phil-Spector-Sampler „A Christmas Gift For You“ auflegen, den ich nur jedem empfehlen kann, dem es bislang noch nicht gelungen ist, sein Herz für den Advent zu öffnen.

„Feiert Nick Cave Weihnachten?“, fragte, soweit ich mich recht erinnere, in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts mal eine identitätsstiftende Musikzeitschrift in einer Überschrift. Tatsächlich war ein Nick Cave in Weihnachtsbaumnähe damals ähnlich schwer vorstellbar wie ein Weihnachtsalbum von Anthrax. Doch wie sich die Zeiten ändern: Wenn es einen Musiker gibt, den ich mir ausgesprochen gut beim geschmacksicheren Weihnachtfeiern vorstellen kann, dann ist es Nick Cave. Na gut, Wayne Coyne kann ich mir noch besser beim Weihnachtfeiern vorstellen, aber wer will denn gleich wieder die ganze Idee verderben, indem er Wayne Coyne erwähnt?

Warum wird Nick Cave von Musikjournalisten eigentlich immer noch und immer wieder als „Düster-Rocker“ bezeichnet? Erst letzte Woche rutschte einem Deutschlandradio-Kultur-Menschen das Wort wieder heraus. Mir scheint das einigermaßen unpassend: Weder empfinde ich Cave als düster, noch als allzu rockend. Bei dem Wort „Düster-Rocker“ fallen mir eher bleichgeschminkte und in verwaschene dunkle Klamotten gewickelte Fetthaarträger mit albernen Mikrofonständern ein, denen Halloween-Shop-Grusel-Amulette um den Hals baumeln.

Kooperation

Ein Weihnachtsalbum von Nick Cave wäre übrigens etwas, was ich hier mal ganz groß auf meinen Wunschzettel für 2014 schreiben möchte. Ganz im Gegensatz übrigens zu einem Weihnachtsalben von Casper, Placebo, Muse oder Tony Marshall. Allesamt Künstler, von denen ich mir gar nichts auf den Wunschzettel schreiben möchte.

Das Gebäck rieselt weiter, die Feder tanzt immer flinker übers Papier und Nick Lowe singt soeben „I Was Born In Bethlehem“. Ach, was soll’s: Ich bastele jetzt mal eine Playlist mit meinen liebsten Weihnachtsliedern zusammen. Soviel Ranschmeiße an die Leserschaft muss sein. Wir befinden uns schließlich gerade in der gütigen Zeit des Jahres. Also, los geht’s:

The Chrystals – Santa Claus Is Coming To Town
Bob Dylan – Must Be Santa
The Flaming Lips – A Change At Christmas (Say It Isn’t So)

(Toll: Wayne Coyne verbringt gefühlt die Hälfte des Songs damit, alle anwesenden Musiker zu fragen, ob sie „ready“ seien. Danach wird herrlich schief der wahre Geist der Weihnacht beschworen: „If I could stop time / it would be a frozen moment just around Christmas“)

Belle & Sebastian – The Twelve Days Of Christmas

(Eine Peel Session, die klingt als hätte der Meister das Personal der Muppet’s Show zu Gast. Hier bleibt kein Auge trocken!)

Marvin Gaye – Purple Snowflakes

(Hm … gelten Lieder über Schnee? Mancher mag einwenden: „Nur, wenn der Schnee im Lied hörbar an Weihnachten herniederrieselt“. Mancher ist mir egal)

John Prine – Sweet Revenge

(Ein Lied über Weihnachten im Gefängnis)

Erdmöbel – Ding Dong (Jesus weint schon)
Brian Hyland – It’s Christmas Time Once Again

(„Wer ist Brian Hyland?“ mag sich womöglich die ein oder andere Leserin fragen. Nun, Hyland ist ein schmusiger Rock’n’Roll-Sänger, der einen seiner größten Hits mit „Itsy Bitsy Teenie Weenie Yellow Polka Dot Bikini“ hatte.  1962 sang er auf deutsch das Lied“ Wander mein Liebchen“ und formulierte damit einen Ratschlag, den man viel öfter erteilen sollte)

Adriano Celentano – Tu Scendi Dalle Stelle

(Celentanos Weihnachtsalbum „IL Forestiero“ ist so seltsam wie der Mann selbst. Alleine das Cover ist preiswürdig, stellt es doch eine der usseligsten Hüllen aller Zeiten dar: Es zeigt den Sänger, wie er mit fettigem Haar und einer Sack-artigen Tracht durch das winterliche Milano streift.)

Lee Perry & The Upsetters – The Perry Christmas Dub

(Nicht seine stärkste Zeit, aber immerhin: ein Weihnachts-Dub des Außerirdischen)

Seachange – Christmas Letters

(Ein sehr unweihnachtlich tönendes Stück, aber eine Erwähnung wert. Seachange waren eine sträflich unterbewertete englische Indie-Band, deren Album „On Fire, With Love“ ich sehr liebe. „Sträflich unterbewertet“ ist übrigens eine noch blödere Formulierung als „Düster-Rocker“)

Nick Lowe – Christmas At The Airport

Band Aid – Do They Know It’s Christmas

(Tut mir leid, aber ich habe eine schwache Stelle für diesen Song. Ich liebe ohnehin „Superstars-singen-für-den-guten-Zweck -Projekte“, weil es einfach Freude macht, namhaften Pop-Heinis dabei zuzuhören, wie sie sich in zwei Zeilen so zu produzieren versuchen wie sonst auf einem ganzen Album. Hier gewinnt für mich ganz klar Bono. Beim schwächeren US-Pendant „We Are The World“ ist es Springsteen)

Rufus Wainwright – Spotlight On Christmas

(Eines Tages werde ich die große TV-Gala „Weihnachten mit den Wainwrights“ produzieren, das wird ein Spaß!)

Elvis Presley – (There’ll Be) Peace In The Valley

Nat King Cole – The Christmas Song

Frankie Goes To Hollywood – The Power Of Love

(Epic!)

The Ronettes – I Saw Mommy Kissing Santa Claus

Yo La Tengo – It’s Christmas Time

(Ein guter Song, wenn man von all dem Zucker genug hat. Yo La Tengo reduzieren die Angelegenheit aufs Wesentliche)

So, jetzt muss es aber auch reichen. Vielleicht gibt es beim nächsten Mal ja die schlimmsten Weihnachtssongs als Liste. Für heute aber bin ich erschöpft: Ich fühle mich unerträglich satt gerade. Zitternd reicht die Hand zur Karaffe mit dem Eierpunsch herüber, die Feder fällt aufs Papier. Weihnachtsalben von Anthrax erscheinen plötzlich gar nicht mehr so unvorstellbar. Wenn ich mir all das so anhöre, erwäge ich erstmals Weihnachten in der Südsee zu verbringen. Da treffe ich dann auch sicher Nick Cave, der gerade ein Aloha-Album produziert.


Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Kreuzung des Lebens

Folge 176 Als ich gestern auf der Suche nach einer Anregung für meine Kolumne durch die Stadt lief, war da erst mal wenig mit Popmusik. Erstaunlich eigentlich, ist sie doch angeblich so enervierend allgegenwärtig. Ich ging dorthin, wo Popmusik nun wirklich nie lange auf sich warten lässt: in den Plattenladen. Hier war die Hölle los. Drei ältere Herren gruben stumm in irgendwelchen Fächern nach Ware. Der Besitzer des Geschäfts war mit der Reinigung alten Vinyls beschäftigt, wofür er ein höllisch lautes Gerät betätigte, das sich anhörte wie ein Hochdruck-Laubgebläse. Musik lief keine. Da haben wir’s: Auch  in Plattenläden läuft keine Musik…
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