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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Wie man eine Platte mit einem Sphärenporno beginnt

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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Wie man eine Platte mit einem Sphärenporno beginnt

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Folge 93

Irgendwann verfasse ich mal eine Enzyklopädie zum Thema „Die beknacktesten Albumanfänge der Siebziger“. Faszinierend, was damals alles aufgefahren wurde, um eine Platte mit möglichst viel Trara, Tamtam und Firlefanz zu eröffnen: Es gab Bands, die ließen akustische Nebelschwaden, Feuersbrünste oder Wellengetöse vernehmen, andere fanfarisierten wüst drauflos, wieder andere luden gar Schauspieler ins Studio, um diese im knarzigen Burgschauspieler-Duktus einleitende Worte aufs Band brabbeln zu lassen. Prätention und Aufschneiderei standen in jenen Tagen noch hoch im Kurs. Wer gern selbst noch einmal nachhören möchte, wozu Musiker in jenen verschwenderischen Tagen fähig waren: Populäre Angeber-Anfänge finden sich etwa auf Pink Floyds „The Dark Side Of The Moon“ oder – nicht ganz so populär, dafür noch drastischer – zu Beginn von „Dawn“ von Eloy. Totaler Atmosphärenporno! Einfach nur mit einem Song loslegen: Das war offenkundig in diesen Glanztagen des Konzeptalbums nicht möglich.

Oft stelle ich mir vor, mal eine Collage aus allen überspreizten Album-Intros der Siebziger zu erstellen und in irgendwelchen Museumshallen dröhnend zur Aufführung zu bringen. Dafür brauche ich selbstverständlich Geld. Viel Geld. Man kann es mir überweisen. Nicht auszuschließen allerdings, dass ich das Geld dann für irgendwas anderes verjodele. Für die Wiedervereinigung von Bruce & Bongo oder ein anderes Herzensprojekt.

Die Schönheit von mittelgroßem Bombast

Am schönsten sind jene Schallplattenanfänge, die zwar großtun, in Wirklichkeit aber allenfalls mittelgroß ausfallen. Diese Intros sind quasi die musikalische Entsprechung zu italienischen Science-Fiction-Filmen. Sehr gut etwa ist der Beginn des Albums „Book Of Dreams“ der Steve Miller Band: Angestrengt atmosphärisiert oder salbungsvoll dahergeplaudert wird hier mal nicht; der amerikanischen Band gefällt es vielmehr, für die Eröffnung ihres Werks auf das der Klassik entlehnte Stilmittel der Ouvertüre zurückzugreifen.

https://vimeo.com/101398295

Ich möchte hier kurz einschieben, dass die Steve Miller Band entschieden zu wenig bejubelt wird. Das muss geändert werden. Mit irgendwelchen eilig errichteten Steve-Miller-Band-Monumenten in zwei, drei monumentarmen Kleinstädten oder gelegentlichem Lanzenbrechen in Thekengesprächen ist es dabei jedoch keineswegs getan. Nein, man sollte der Gruppe zu Ehren in allen großen Städten Monumente errichten, vor denen sich regelmäßig zum Zwecke der Live-Stream- Produktion Menschenmassen zum choreografierten Massenlanzenbrechen versammeln. Die Steve Miller Band waren Schluffis des Arenarock: Miller und seine Mitstreiter waren um keine große Geste verlegen, allerdings wurden diese großen Gesten meist aus der Hängematte heraus getätigt. Emphase mit Stirnband: Hierin lag die Faszination der mächtigen Steve Miller Band.

Das erwähnte Intro zu Beginn des „Book Of Dreams“-Albums klingt, als hätte jemand dem Electric Light Orchestra das Budget zusammengestrichen und das ursprünglich für die adäquate Orchestrierung des Einstiegs gebuchte Orchester durch einen schütterhaarigen Synthie-Zausel ersetzt. Eine akustische Papp-Pyramide. Aber gleich darauf lässt die Band das erhaben rockpoppende „Jet Airliner“ folgen, und niemand schert sich mehr darum, was davor passiert ist. Auf dem nächsten Album sollte es dann gar einen 16-minütigen Space-Blues namens „Macho City“ geben. Ob das Album auch so ein epochales Intro hat, weiß ich leider nicht.

Jedes Album sollte mit einem Streit anfangen

Platten müssen gut anfangen, auch heute noch, wo die Kunstform des Albums ähnlich antiquiert erscheint wie die Kunstform des selbst getöpferten Aschenbechers. Hören Sie zum Beispiel mal bei Kendrick Lamar rein! Ein Lieblingsanfang ist der von Ryan Adams’ „Heartbreaker“, das mit einem Streitgespräch darüber eröffnet, auf welchem Morrissey-Album sich das Stück „Suedehead“ befindet. Ich verkünde hiermit, jede Platte blind zu kaufen, die mit einem Streitgespräch der beteiligten Musiker darüber beginnt, welches Album das beste Intro hat. Auch und gerade wenn auf der Platte ein 16-minütiger Space-Blues namens „Macho City“ drauf ist.

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