SWR-Delegation beim ESC: Tina Sikorski im Interview: „Sarah weiß, was sie will“
SWR-Delegationsleiterin Tina Sikorski spricht über Deutschlands ESC-Strategie, die Sicherheitslage in Wien und die Zusammenarbeit mit Sarah Engels.
In einem Interview mit der „Augsburger Allgemeinen“ erklärte Staatsminister Wolfram Weimer, dass er am heutigen Mittwoch (12.05.) nach Wien reisen werde. Zuvor hatte auch die „Süddeutsche Zeitung“ am Rande einer Bilanz seines teils eratischen Wirkens darauf hingewiesen.
Er wolle auf diesem Trip Israel unterstützen und der deutschen Delegation, angeführt von der ehemaligen Initiative-Musik-Chefin Tina Sikorski, sowie Kandidatin Sarah Engels die Daumen drücken, so Weimer. Er bedauere die No-Show-Beschlüsse mehrerer europäischer Sendeanstalten zur 70. Ausgabe des ESC: „Es ist der umfassendste Boykott in der Geschichte des Wettbewerbs.“ Das schmerze. Deshalb habe er das Anliegen „auf die höchste politische Ebene gebracht, dass Israel singen darf“.
Damit stellt sich nicht zuletzt die Frage, ob an der schönen blauen Donau eine ganze Nation vor das Mikrofon tritt – oder doch Sänger Noam Bettan.
Tina Sikorski zur Sicherheitslage in Wien
Im Gespräch mit ROLLING STONE Online äußerte sich Sikorski in einem kurzen Update zu den angekündigten Pro-Palästina-Protesten, die sich gegen die Teilnahme des israelischen Kandidaten richten. Die erfahrene Musikmanagerin verantwortet für den Südwestrundfunk die deutschen ESC-Geschicke.
„Wir sind schon einige Tage vor Ort und haben bislang noch keine Proteste mitbekommen. Aber klar, wir beobachten die Entwicklungen genau und informieren uns über die Sicherheitssituation in der Stadt. Wir werden sehen, was in den Tagen vor dem Grand Final des ESC noch passieren wird, und werden das als SWR bzw. ARD nicht ausblenden.“
Frischer Wind: Der SWR übernimmt die deutschen ESC-Geschicke
Mit dem Wechsel der deutschen ESC-Organisation nach 30 Jahren vom NDR zum SWR soll frischer Wind in den Wettbewerb und die künstlerische Ausrichtung gebracht werden. Mit welchen Zielen und Maßnahmen sind Sie in das erste SWR-Jahr gegangen?
Tina Sikorski: „Zunächst möchte ich sagen, dass der NDR drei Jahrzehnte lang einen sehr guten Job gemacht hat und auch bei den Ergebnissen einige Erfolge einfahren konnte. Das Klischee, dass Deutschland immer schlecht abschneidet, stimmt meines Erachtens nicht – es ist eben ein Klischee, das die Deutschen teils geradezu lustvoll zelebrieren. Leider wird das von vielen Medien immer wieder aufgewärmt.
Mich persönlich langweilt das. Deshalb ist es eines unserer Ziele, dieses Klischee zu widerlegen und zu zeigen, welche künstlerische Qualität aus Deutschland kommt. Beim Deutschen ESC-Finale wollen wir Artists präsentieren, die das Zeug haben, beim ESC erfolgreich zu sein. Dafür braucht es künstlerische Authentizität, hohe musikalische Qualität unabhängig von Genres sowie mentale Festigkeit als Musikschaffender und Performer – auf der Bühne wie in den Medien. Um das zu erreichen, wollen wir ESC und Musikbranche wieder enger zusammenführen.
Unser Eindruck ist, dass beides lange Zeit parallel lief und der ESC von vielen Musikschaffenden eher skeptisch beäugt wurde. Deshalb führen wir viele Gespräche mit Labels, Musikverlagen und Managements, um Vertrauen aufzubauen. Das Deutsche ESC-Finale wollen wir als relevante Musikplattform für etablierte Acts und hochtalentierte Newcomer aufbauen und dafür als SWR hochwertige Inszenierungen sowie große Medienpräsenz auf diversen Kanälen bieten. Entscheidendes Argument angesichts des häufigen Wandels der Vorentscheid-Formate ist Konstanz im Angebot, damit die Musikbranche und Artists verlässliche Planungsgrundlagen erhalten.
Dass die Stelle der Head of Delegation mit meiner Person erstmals mit jemandem aus der Musikbranche besetzt wurde und nicht mit einer Person aus dem Rundfunkbereich, ist kein Zufall, sondern ein Pfeiler der ESC-Strategie des SWR. Daran allein sieht man, wie ernst der SWR das Thema Musik nimmt. Nach dem ersten – bereits sehr erfolgreichen – Jahr mit der höchsten Einschaltquote in einem ESC-Vorentscheid seit 24 Jahren ist es nun entscheidend, dass wir diesen Weg gemeinsam weitergehen können.“
Schwachstellen und Veränderungen
Wo lagen aus Ihrer Sicht die Schwachstellen in den deutschen ESC-Strukturen, und was konnte bereits konkret geändert werden?
Tina Sikorski: „Ich weiß nicht, ob ich von Schwachstellen sprechen würde. Und ganz ehrlich gesagt fehlen mir auch tiefere Einblicke in die Arbeit der Vergangenheit. Ich weiß aber mittlerweile, dass der ESC ein Thema ist, bei dem sehr viele verschiedene Interessen aufeinandertreffen. Kompromisse sind oft nicht die besten Lösungen. Mehr Mut und Vertrauen an den entscheidenden Stellen bieten meines Erachtens Potenzial für Erfolg.“
Atmosphäre in Wien und Zusammenarbeit mit Sarah Engels
Wie empfinden Sie bislang den Spirit und die Atmosphäre rund um die Wiener Stadthalle?
Tina Sikorski: „Wir sind seit dem 6. Mai in der Stadt, da am 7. Mai bereits die erste Bühnenprobe in der Halle stattfand. Bereits am Flughafen wurden wir sehr herzlich von unseren Delegation Hosts empfangen. Wir spüren überall die Freude über unser Kommen – ob im Hotel, im Restaurant, beim Einkaufen oder auf der Straße. Die Leute freuen sich und wünschen uns beim ESC viel Glück. Wir fühlen uns in Wien sehr willkommen.“
Wie gestaltet sich die konkrete Zusammenarbeit mit dem Team von Sarah Engels? Findet da ein Dialog statt, oder können die Künstler machen, was sie wollen?
Tina Sikorski: „Sarah weiß genau, was sie will – auch musikalisch. Letztlich gibt sie den Ton an bei allen relevanten künstlerischen Entscheidungen. Natürlich stehen wir mit ihr, ihren Labels und ihrem Songwriting- und Producer-Team im Austausch. Alle wollen sie optimal unterstützen und geben ihr Bestes für ihren Erfolg und damit den Erfolg Deutschlands. Dabei möchte ich betonen, dass Erfolg für uns als Delegation in erster Linie bedeutet, dass Sarah eine beeindruckende Performance darbieten wird und wir sowie alle Fans in Deutschland stolz auf sie sein können. Ich bin sicher, dass das gelingen wird.“