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Gespräch mit Bill Murray: “Wie ist es, ich zu sein? Fragen Sie sich selbst!”

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Gespräch mit Bill Murray: “Wie ist es, ich zu sein? Fragen Sie sich selbst!”

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Viele Menschen haben spontane Eingebungen, aber Bill Murray ist derjenige, der ihnen nachgibt – für uns alle. Zum Beispiel als er vor ein paar Jahren in Oak-land ein Taxi anhielt. Um sich während der langen Fahrt quer durch die Bay Area nach Sausalito die Zeit zu vertreiben, suchte er das Gespräch mit dem Fahrer und fand heraus, dass dieser ein frustrierter Saxofonist war, der keine Zeit zum Üben hatte, weil er jeden Tag 14 Stunden hinterm Steuer saß. Murray bat ihn, anzuhalten und das Saxofon aus dem Kofferraum zu holen: Der Fahrer konnte auf dem Rücksitz üben, während Murray ihn chauffierte.

Der Schauspieler sitzt auf einem Hotelsofa in Toronto, als er diese Anekdote erzählt. In seinem leicht knitterigen, lila gestreiften Polohemd sieht er eher nach einer Runde Golf als nach Interview aus. Mit glänzenden Augen erinnert er sich an das Geräusch des sich öffnenden Kofferraums: „Das wird klasse“, dachte er bei sich. „Wir werden beide einen Riesenspaß haben.“ Dann beschloss er, „die Sache durchzuziehen“, und fragte den Saxofonisten auf dem Rücksitz, ob er hungrig sei. Der Taxifahrer kannte einen beliebten BBQ-Grill, der bis spät in die Nacht geöffnet hatte, zeigte sich aber besorgt, weil der Imbiss in einer zwielichtigen Gegend lag. „Ich beruhigte ihn: Keine Angst, du hast doch dein Instrument“, erzählt Murray. So kam es, dass Murray nachts um Viertel nach zwei lokale Grillspezialitäten schlemmte, während sein Taxifahrer für die überraschten Gäste musizierte. „Es war großartig“, erinnert sich Murray. „Ich finde, so etwas sollten wir alle sehr viel öfter machen.“

Vermutlich hat er recht. Doch die meisten von uns würden sich wohl anders verhalten. Sie würden sich nicht selbst zu Karaoke-Partys wildfremder Menschen einladen oder sich hinter eine Bar in Austin stellen, um die Getränkewünsche der Gäste zu erfüllen, bis die Flaschen leer sind. Oder aber einem Kind fünf Dollar zustecken, damit es mit seinem Fahrrad in einen Swimmingpool fährt. Murray hat all das getan – und noch viel mehr. Offenbar können wir uns einfach nicht satthören an Geschichten über Bill Murray, der das Leben von Menschen, denen er nie zuvor begegnet ist, ein wenig durcheinanderwirbelt. Und er erfüllt uns diesen Wunsch bereitwillig – egal ob er einen Golfwagen klaut, um damit einen Nachtclub in Stockholm zu besuchen, oder Lyriklesungen für Bauarbeiter abhält. Er macht unsere Welt ein wenig wunderlicher, unseren banalen Alltag ein wenig aufregender – oder, wie Naomi Watts es formuliert hat: Er „hinterlässt eine Spur der Hysterie, egal wo er auftaucht“.

Als „Lost In Translation“ 2003 in die Kinos kam – für seine Rolle als alternder Filmstar, der in Tokio im selben Luxushotel strandet wie Scarlett Johansson, wurde Murray für den Oscar nominiert –, fragte ich die Regisseurin, Sophia Coppola, was sie sich für die Zukunft erträumt. Sie wirkte völlig perplex. „Mein Traum hat sich erfüllt“, sagte sie. „Bill Murray hat in meinem Film mitgespielt.“

Murray macht es einem nicht leicht, ihn für einen Film zu gewinnen. Anders als jeder andere Schauspieler seines Formats hat er keinen Agenten, keinen Manager, keinen Presseagenten. Will man ihn besetzen, bittet man einen seiner Freunde, den 64-Jährigen zu überzeugen. Oder man wählt seine Geheimnummer und spricht ihm den Plot auf Voicemail. Wenn er seine Nachrichten abhört, ruft er unter Umständen zurück. Sollte er zusagen, hört man möglicherweise erst zu Drehbeginn wieder von ihm, wenn er in der Maske auftaucht, Witze reißt und Schultern massiert. Weil er so schwer zu erreichen ist, entgehen ihm gelegentlich Filme, in denen er vermutlich geglänzt hätte – „Little Miss Sunshine“, „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“, „Die Monster AG“ –, aber das bereitet ihm wenig Kopfzerbrechen. Die Freiheit, die er dadurch gewinnt, ist ihm das allemal wert.

„Bill lebt ganz im Hier und Jetzt“, weiß Regisseur Ted Melfi, in dessen neuestem Film, „St. Vincent“, der am 8. Januar in den deutschen Kinos anläuft, Murray mitspielt. „Was gewesen ist, interessiert ihn nicht. Und er macht sich keine Gedanken über das, was kommt. Er bucht nicht einmal Rückflug-Tickets. Er kauft sich bloß ein Ticket für den Hinflug und entscheidet später, wann er nach Hause fliegt.“

Um Murray zu überzeugen, in seinem Film mitzuspielen, hat Melfi ein Dutzend Nachrichten auf dessen Mailbox hinterlassen, ihm einen Brief geschrieben, Drehbücher an Postfächer im ganzen Land geschickt und eines Sonntagmorgens schließlich eine SMS bekommen, in der er eingeladen wurde, sich eine Stunde später mit Murray am Flughafen von Los Angeles zu treffen. Sie fuhren drei Stunden lang durch die Wüste, hielten an einem Schnellimbiss, um gegrillte Käse-Sandwiches zu essen, und am Ende ihres Ausflugs war Murray an Bord. Melfi hatte nur noch einen Wunsch: Weil ihm sonst niemand glauben würde, bat er Murray, irgendjemand davon zu erzählen.

Murray spielt die Hauptrolle in „St. Vincent“, einen Vietnam-Veteranen mit einer Schwäche für Glücksspiel und Alkohol. Die Nachbarin bittet den griesgrämigen Alten, in ihrer Abwesenheit auf ihren Sohn aufzupassen. Das Verhältnis zwischen dem Jungen und seinem Babysitter weckt Erinnerungen an Murrays Auftritt in dem Film „Babyspeck und Fleischklößchen“ von 1979 – hätte Tripper Harrison, die Figur, die er darin spielt, ein paar harte Jahre mehr auf dem Buckel gehabt. Obwohl sich der Film an der Grenze zur Rührseligkeit bewegt, funktioniert er – nicht zuletzt dank Murrays unsentimentalem Spiel.

Wie alle seine besten Leistungen gründet auch diese auf seiner unverkrampften Mentalität. „Mir hat schon sehr früh jemand ein paar Geheimnisse über das Leben verraten“, verrät Murray einem Haufen kanadischer Filmfans, die sich am selben Wochenende versammelt haben, um den Bill Murray Day zu feiern. „Wenn man sein Allerbestes geben will, hilft es, sehr, sehr entspannt zu sein.“ Diese Erkenntnis habe ihn auch zur Schauspielerei geführt: „Mir wurde klar: Je mehr Spaß ich hatte, desto besser war ich.“ Auch am Set endet seine Freude an der Schauspielerei nicht, wenn die Kameras nicht mehr laufen. „Manchmal war es gar nicht so einfach, Bill vor die Kamera zu bekommen“, sagt Melfi. „Nicht weil er eine Diva wäre – sondern weil wir ihn nicht finden konnten.“ Es kam vor, dass er einfach davonspazierte, auf einen Scooter stieg oder kurz bei einem Rekrutierungsbüro der Army reinschaute. Die Produktionsfirma stellte eine Assistentin ein, deren einzige Aufgabe es war, Murray im Auge zu behalten, aber er hängte sie immer wieder ab.

Melissa McCarthy, die in „St. Vincent“ an Murrays Seite spielt, vertraut mir an, dass „Murray anderen Leuten buchstäblich Bananenschalen vor die Füße wirft“. Ich nahm an, dass sie das Wort „buchstäblich“ im Sinne von „metaphorisch“ verwendete, wie viele Menschen es tun, aber das Ganze stellte sich als wahre Geschichte heraus: Während einer Drehpause, als das Licht neu eingerichtet wurde, hatte Murray vorbeikommenden Mitgliedern der Filmcrew echte Bananenschalen in den Weg geworfen. „Nicht damit sie darauf ausrutschten“, stellt McCarthy klar, „sondern wegen ihres Gesichtsausdrucks, wenn sie sich fragen würden, ob dass wirklich eine Bananenschale war, die da vor ihnen lag.“

Murray nutzt noch die profansten Interaktionen als Gelegenheit zur komödiantischen Improvisation. Peter Chatzky, ein Software-Entwickler aus Briarcliff Manor im Bundesstaat New York, erinnert sich, wie seine Kinder, beide im Grundschulalter, im Florida-Urlaub Bill Murray erspähten, der am Pool ihres Hotels in Naples gerade einen Drink nahm, und ihr Idol um Autogramme baten. Der Schauspieler erklärte sich mürrisch bereit, ihnen den Unterarm zu signieren, steckte ihnen aber letztlich ein paar beschriftete Servietten zu. Jake, ein dünnes Kerlchen, bekam eine, auf der stand: „Vielleicht solltest du ein wenig abnehmen, Kumpel“, unterschrieben mit „Jim Belushi“. Die kleine Julia erhielt eine mit „Du siehst gut aus, Prinzessin. Ruf mich doch mal an“, unterschrieben mit „Rob Lowe“.

Aufgewachsen ist Murray in einem Vorort von Chicago als eins von fünf Kindern. Sein Vater, ein Holzhändler, starb, als Bill 17 war. Seinen 20. Geburtstag verbrachte er im Knast, weil er am Flughafen von Chicago mit vier Kilo Gras erwischt worden war. Nachdem er auf Bewährung freigekommen war, begann er mit der Schauspielerei. Sechs Jahre später gelang ihm in der zweiten Staffel von „Saturday Night Live“ der Durchbruch. Dieser Tage verbringt Murray viel Zeit in Charleston/North Carolina, wo er Mitinhaber der Charleston RiverDogs ist, eines Minor-League-Baseballteams. Als „Director of Fun“ fühlt er sich hier so zu Hause, dass er sich gern mal in ein Hotdog-Kostüm zwängt oder während einer regenbedingten Unterbrechung einen Sprint über das abgedeckte Spielfeld absolviert, den er beendet, indem er bäuchlings über die nassen Schutzplanen schlittert. In Charleston haben so viele Menschen Anekdoten über Bill Murray oder über Begegnungen mit ihm zu erzählen, dass ein örtlicher Radiosender die Rubrik „Where’s Bill?“ fest ins Programm aufnahm.

Kürzlich besuchte Murray auf Einladung des Kochs Brett McKee ein Geburtstagsessen in Jedburg/South Carolina. „Meine jüngste Tochter ist mit seinem jüngsten Sohn ausgegangen“, berichtet McKee. „Die Party war in der tiefsten Pampa, und Bill kannte dort kein Schwein, aber er mischte sich einfach unter die Leute. Einige der Gäste waren ältere Herrschaften vom Land, und sie führten ihm ihre Elch-Lockrufe vor.“ Nach dem Essen wurde getanzt, Murray schnappte sich die Fernbedienung für die Stereoanlage und wählte unter anderem „867-5309/Jenny“ von Tommy Tutone und „Turn Down For What“ von DJ Snake und Lil Jon aus. Es gibt Videos, in denen man sieht, wie er zu den Songs tanzt.

Im April posierten Ashley Donald und ihr Verlobter, Erik Rogers, vor einem historischen Haus in der Altstadt von Charleston für ihr Verlobungsfoto. „Als unser Fotograf das Bild machte“, erinnert sie sich, „fiel mir ein Typ auf, der hinter ihm stand, sein T-Shirt übers Gesicht gezogen hatte und sich den Bauch rieb.“ Als der Zaungast das Shirt wieder runterzog, entpuppte er sich als Bill Murray. Das Paar war baff, aber geistesgegenwärtig genug, ihn zu bitten, sich mit ihnen fotografieren zu lassen. Murray posierte mit den beiden, gratulierte ihnen und ging weiter.

 Murray machte weltweit Schlagzeilen, als er beim Junggesellenabschied des Tech-Start-up-Managers EJ Rumpke in einem Steakhouse in Charleston einen Trinkspruch ausbrachte. Diesmal war er nicht einmal ungeladen erschienen: Einer von Rumpkes Freunden hatte ihn im Restaurant erblickt und ihn dazugebeten. Murray nutzte die Chance, einige persönliche Erkenntnisse mit den Anwesenden zu teilen, indem er ihnen eröffnete, dass, genau wie Beerdigungen eigentlich für die Lebenden sind, Junggesellenpartys vor allem den unverheirateten Freunden gelten. Er riet den Gästen, sollten sie jemand gefunden haben, von dem sie glauben, ihr Leben mit ihm verbringen zu wollen, noch keine Hochzeit zu planen und einen Cateringservice zu buchen, sondern besser mit ihm rund um die Welt zu reisen und, sollten sie bei ihrer Rückkehr immer noch ineinander verliebt sein, „am Flugplatz zu heiraten“.

„Er nahm mein Bein und warf mich in die Luft“, erzählt Rumpke. „Dann machte er sich aus dem Staub.“ Rumpke heiratete, ohne auf Weltreise gewesen zu sein, aber laut Murray hat einer seiner eigenen Freunde seinen Ratschlag beherzigt – mit durchschlagendem Ergebnis. „Als ich ihn das nächste Mal sah, fiel er mir um den Hals, denn er hatte eingesehen, dass er sich geradewegs ins Verderben stürzte“, sagt Murray mit breitem Grinsen. „Er war mir sehr dankbar.“

Die Internetseite Urban Dictionary definiert „Bill Murray Story“ als eine „haarsträubende (aber plausible) Geschichte, bei der jemand Zeuge wird, wie Bill Murray etwas absolut Außergewöhnliches tut, worauf dieser einem häufig zuflüstert: ,Das wird dir kein Mensch glauben.‘“

Auf seinen Ruf als Großmeister im Zelebrieren surrealistischer Begegnungen angesprochen, zeigt Murray sich in der Regel wenig begierig, seine Motivation zu erläutern, wird aber vermutlich einräumen, dass er sich sehr wohl im Klaren darüber ist, wie sein Auftreten wahrgenommen wird. „Niemand hat ein leichtes Leben“, sagt er. „Deshalb machen wir lieber gute Miene zum bösen Spiel. Aber ich versuche nicht darüber nachzudenken, auf wie viele Menschen mein Verhalten überhaupt eine Wirkung hat. Ob man dadurch auch nur einen Menschen ändern kann oder ob ich wenigstens drei nette Begegnungen hatte. So darf man nicht denken, denn man hat garantiert Begegnungen, nach denen man sich fragt: Was habe ich gerade getan? Man läuft unweigerlich Gefahr, sich selbst und andere zu enttäuschen. Jederzeit.“

Der Filmemacher Ivan Reitman sitzt an einem Tisch des Edelrestaurants Montecito in Toronto, dessen Mitinhaber er ist, und lacht, als er sich einen Tag vor 40 Jahren ins Gedächtnis ruft. Damals – noch vor „Saturday Night Live“ – produzierte er eine Off-Broadway-Comedy-Revue mit dem Titel „The National Lampoon Show“, in der neben John Belushi, Gilda Radner und Harold Ramis auch Bill Murray und sein Bruder Brian­ auftraten. Einmal ging Reitman mit Bill, der noch völlig unbekannt war, aber die Welt bereits als seinen privaten Spielplatz betrachtete, die Straße entlang. Mit verstellter Stimme – dieser fiesen Stimme, die er „Knollennasen-Stimme“ nannte und die er später in „Wahnsinn ohne Handicap“ zum Besten gab – alberte Murray herum. „Als wir die Straße überquerten“, erzählt Reitman, „brüllte er aus vollem Hals: ,Vorsicht! Hier läuft ein Hummer frei herum!‘ X-beliebigen Fremden rief er zu: ,He, ihr! Holt schnell heiße Butter, nur damit lassen sich die Viecher einfangen.‘ Und die Leute lachten. Sie wussten nicht, wer dieser Verrückte war, aber sie wussten, dass er lustig war.“

1978, während der Vorbereitungen zu „Babyspeck und Fleischklößchen“, verbrachte Reitman einen ganzen Monat damit, Murray zu überreden, in seinem Film mitzuspielen. Der damals 27-jährige Schauspieler besaß zu dieser Zeit noch eine Telefonnummer, unter der er tatsächlich erreichbar war. Murray wollte in jenem Sommer seine „Saturday Night Live“-freie Zeit eigentlich damit verbringen, Baseball und Golf zu spielen, aber Reitman bekniete ihn, und Belushi verklickerte Murray schließlich, dass es völlig egal sei, um was für einen Film es sich handele, solange dieser darin die Hauptrolle habe. „Babyspeck und Fleischklößchen“ wurde zur Blaupause für Murrays Arbeitsweise: Er unterzeichnete den Vertrag einen Tag vor Drehbeginn und ignorierte konsequent das Drehbuch. Bereits am ersten Tag improvisierte er sich durch eine Szene, in der er die anderen Betreuer des Sommercamps vorstellt: Er kam am Set an, las die entsprechenden Seiten des Skripts, warf sie fort und sagte: „Ich mach das schon.“

Als er zum ersten Mal den Rohschnitt einer Action-Szene aus „Ghostbusters“ sah, sagt Murray, „wusste ich, dass ich reich und berühmt werden würde. Als ich danach wieder zur Arbeit ging, machte ich nicht nur einen auf dicke Hose, ich kam auch gleich zu spät. Es war mir egal – ich wusste, wir würden den Rest unseres Lebens zu spät kommen können.“

Reitman lehnt sich zurück. „Er lebt sein Leben nach seinen ganz eigenen Maßstäben, und auch  wenn er manchmal faul und manchmal exzentrisch ist, wenn er andere kreative Menschen frustriert und, ehrlich gesagt, unfair ihnen gegenüber ist, weil immer alles nach seiner Pfeife tanzen muss, so ist er das alles wert.“

Melfi zufolge gibt es keinen Unterschied zwischen Murray als öffentlicher Person und dem privaten Murray: „Wo Murray draufsteht, ist auch Murray drin. Er schmeißt in aller Öffentlichkeit Menschen in den Pool, und er schmeißt im Privatleben Menschen in den Pool.“

Murray sitzt in seinem Hotelzimmer und widerspricht sanft. „Mein nicht öffentliches Ich stromert bloß ziellos umher, verläuft sich auch mal und ist aufgrund seiner sinnfreien Träumereien sehr viel leichter angreifbar oder zu Fall zu bringen. Das öffentliche Ich reagiert ein wenig emotionaler, wenn es gereizt wird. Aber wann hole ich wirklich das Beste aus mir heraus? Wenn ich arbeite. Dann kriege ich viel mehr getan. Wenn man ganz in seiner Arbeit aufgeht, erledigt sich der unwesentliche Kram von selbst.“ So gesehen lassen sich Murrays ständige abenteuerliche Flirts mit der Öffentlichkeit als Versuch deuten, dem Alltag einen Hauch von Kino zu verleihen.

2011 drehte Murray einen Werbeclip für die Trident Academy – einer seiner sechs Söhne (Murray war zweimal verheiratet) besuchte die unweit von Charleston gelegene Schule. David W. Smith führte bei dem Dreh Regie. „Als er kam, war er angespannt und ein wenig grantig“, berichtet Smith. „Er war etwa 30 Minuten zu spät dran und beschwerte sich über die vielen Scheinwerfer. Er hatte ein Skript, setzte sich aber in die Schulbücherei und improvisierte ein Gespräch mit einem Haufen Teddybären. Wir anderen sahen einander an und dachten, der Typ ist völlig durchgeknallt – aber der Wahnsinn hatte bei ihm Methode.“

Murray machte sich locker, indem er mit den Schülern Basketball spielte und zu Mittag aß (sein Menüwunsch: ein Thunfisch-Sandwich ohne Rinde), ihnen Autogramme gab und mit ihnen für Fotos posierte. „Als der Dreh weiterging“, erinnert sich Smith, „wurde er mehr und mehr zu dem Bill Murray, den jeder zu kennen glaubt und der, wie ich vermute, seinem wahren Ich wohl am nächsten kommt.“ Smith bat Murray, mit einigen Mitgliedern der Filmcrew den Flur entlangzulaufen, weil er einen kurzen Film daraus machen wollte. Murray zeigte sich verwirrt, willigte aber ein – nach dem „Cut!“ für die Kamera ging er einfach weiter zu seinem Auto, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Smith ließ die Bilder in Zeitlupe laufen, legte einen alten Kinks-Song darunter, und schon hatte er einen Bill-Murray-Kurzfilm, der wirkte wie ein Outtake aus einem Wes-Anderson-Streifen. Am Ende schauten rund zwei Millionen Menschen sich einen Film an, in dem Bill Murray und vier andere Typen in Zeitlupe einen Flur entlanglaufen. Smith hatte einen von Murrays Grundsätzen verinnerlicht: Akzeptiere die Welt nicht, wie sie ist, sondern finde einen Weg, noch ihre banalsten Momente mit Leben zu erfüllen. Ein weiterer wesentlicher Murray-Leitsatz: Wenn du mit deinen Weisheiten nicht inflationär um dich wirfst, haben sie mehr Gewicht. Auf beharrliche Nachfrage räumt Murray ein, dass seine öffentlichen Interaktionen mit der Allgemeinheit ein Stück weit „eigennützig“ seien. Murray rutscht unruhig auf dem Sofa hin und her und erklärt: „Ich erhoffe mir stets, dass es mich wachrüttelt. Manchmal bin ich nur ein paar Sekunden oder Minuten am Tag bei mir. Und plötzlich fällt mir auf: Heiliges Kanonenrohr, ich habe zwei ganze Tage verpennt; ich habe zwar Sachen gemacht, aber ich war gar nicht bei mir! Wenn ich jemanden sehe, dem es genauso geht, versuche ich diese Person wachzurütteln. Weil ich mir in so einer Situation wünschen würde, dass jemand für mich dasselbe täte: Mich verdammt noch mal zu wecken und auf diesen Planeten zurückzuholen.“

Während eines PR-Termins in einem Kino in Toronto wird Murray gefragt: „Wie ist es, Bill Murray zu sein?“ – und er nimmt diese Hyper-Meta-Frage so ernst, dass er das Publikum daraufhin auffordert, sich ins Gedächtnis zu rufen, wie es sich anfühlt, sich seiner selbst bewusst zu sein: „Da ist so ein wundervolles Gefühl des Wohlbefindens, es zirkuliert … das Rückgrat entlang“, beschreibt er es. „Und man spürt etwas, das einen fast zum Lächeln bringt. Wie ist es also, ich zu sein? Fragen Sie sich selbst: ,Wie ist es, ich zu sein?‘ Die einzige Möglichkeit, je zu erfahren, wie es ist, Sie zu sein, ist die, Ihr Bestes zu geben, um so oft wie möglich Sie selbst zu sein, und sich immer wieder klarzumachen: Das ist mein Zuhause.“ Das Publikum applaudiert, Bill Murray lächelt unergründlich, allein in dem vollen Saal – zu Hause.    

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