Gianni mit den Riesenhänden oder Wo ist eigentlich meine „Dark Side of the Moon“-Krawatte?

Gianni mit den Riesenhänden oder Wo ist eigentlich meine „Dark Side of the Moon“-Krawatte?

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Folge 51

Allzu oft ist der Mensch geneigt, einen Tag voreilig als vertan abzuschreiben. So ging es auch mir, als ich mich in der vergangenen Woche damit konfrontiert sah, zum Straßenverkehrsamt zu müssen. Weniger der Vorgang an sich schreckte mich, als die ganz und gar unerquickliche Aussicht, mit einem Nummernzettel in der Hand in einer großen Wartehalle zu sitzen und darüber zu kontemplieren, warum ich nichts zum Lesen eingepackt hatte. „Na super, Tag im Eimer, vielen Dank dafür, schöne Grüße ans Getriebe, Wiedersehn macht Freude“, dachte ich.

Doch es half nichts: Verlorene Papiere mussten neubeschafft werden und so fand ich mich bald in der gefürchteten Wartehalle, den gefürchteten Nummernzettel in der Hand, wieder. Und dann geschah es: Völlig unerwartet nahm mein Tag eine Wendung, die ich mir so niemals hätte ausmalen können. Es betrat nämlich – mit einem verbeulten Nummernschild unter dem Arm – ein Gentleman den Raum, der aussah wie eine exakte Mischung aus Tav Falco, dem Sänger von Tav Falco’s Panther Burns, und dem mexikanisch-amerikanischen Rock’n’Roll-Entertainer El Vez, den Fans auch gerne mit bebender Stimme als den „Thin Brown Dude“ bezeichnen. Wie gebannt saß ich da und starrte den Mann – wie ich fürchte: offenen Mundes – an: Endlich mal einer, der allen falschen Subtilitäten die Tür gewiesen und das beidseitige Brennen der Lebensfunzel zu seinem Ziel gemacht hatte. Respekt!

Ein köstliches Gefühl demütigen Glücks breitete sich in mir aus. Was hatte ich vorher geschimpft – und jetzt solch unerwartete Wonnen! Nein, ein Tag, an dem man einem Menschen begegnen darf, der aussieht wie eine Mischung aus Tav Falco und El Vez und ein Nummernschild unter dem Arm hat, kann kein verlorener Tag sein. Ich geriet so sehr außer mir vor Freude, dass der neben mir sitzende stark riechende Herr mich darauf aufmerksam machen musste, dass meine Nummer bereits vor langer Zeit aufgerufen worden war.

Zwei Tage später begegnete mir auf der Straße ein anderer schillernder Zeitgenosse. Er trug einen unförmigen grauen Anzug, wie er häufig im Milieu modisch schlecht beratener Firmen-Heinis anzutreffen ist. Allerdings gefiel es dem ansonsten völlig unauffälligen Mann, seine standardisierte Klamotte mit einer „Dark Side of the Moon“-Krawatte zu kombinieren, für die ich töten würde, wenn ich nur wüsste, wen. Was ich dann mit der Krawatte anstellen würde, weiß ich nicht. Vermutlich würde ich sie mir um den Kopf binden, alles bislang Erreichte aufgeben, nur noch debil lächelnd durch die Straßen laufen und lautstark dem „Thin Brown Duke vom Straßenverkehrsamt“ huldigen.

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Gestern unterhielt ich mich kurz mit dem Kellner meines Stamm-Italieners. Unser Gespräch kam auf den Sänger Gianni Morandi, der seit den Sechzigern in seinem Heimatland große Erfolge feiert. „Ja, Gianni Morandi“, schwärmte der Kellner, das sei schon ein Großer, un mito. In ganz Italien sei er auch wegen seines typischen Markenzeichens berühmt. Eine Kunstpause. Ob ich dieses Markenzeichen kenne? „Nein“, sagte ich wahrheitsgemäß und machte mich darauf gefasst, nun einen Vortrag über einen ganz bestimmten Sub-Dialekt aus der Emilia-Romagna, eine grell gepunktete Krawatte oder rote Lackschuhe mit Bommeln, in die der Cantautore vor Live-Konzerten seit Jahrzehnten seine bloßen Füße zu schieben pflegt, zu bekommen. Doch weit gefehlt! „Gianni Morandi“, informierte der Kellner mit aufgerissenen Augen, „ist in ganz Italien für seine riesigen Hände bekannt. Der Typ hat totale Schaufeln. Jedes Kind in Italien weiß das!“

Ich war verblüfft. Damit war nicht zu rechnen. Riesige Hände als Markenzeichen – das kannte ich noch nicht. Als ich einem guten Freund später am Abend von dem Sänger mit den großen Händen erzählte, fragte dieser: „Was heißt Hände auf italienisch?“ „Mani“, gab ich zur Antwort. Der Freund tippte „Gianni Morandi mani“ in sein Smartphone ein. Die Bilder, die uns präsentiert werden, sorgten noch Stunden später dafür, dass wir uns unter Tränen und irrem Augenrollen auf dem Fußboden umherwälzten. Falls Ihnen, liebe Leserin, mal im drucksig-stillen Wartezimmer ihres Ohrenarztes langweilig werden sollte, sollten Sie standhaft der Versuchung „Gianni Morandi mani“ in ihr Smartphone einzuhacken widerstehen. Allen anderen an Daseinsverdrossenheit leidenden Zeitgenossen aber rate ich sehr dazu,  die Information in einem besonders tristen Moment mal zu überprüfen.

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Ich habe ein neues Hass-Genre. Es heißt „Wohlfühl-Indie“. Als ich jüngst einem Spotify-Nutzer über die Schulter lugte, sah ich, dass dort eine ganze Playlist gleichen Namens mit diesem Satz beworben wird: „Ob alleine oder in einer gemütlichen Runde, im Wohnzimmer oder auf der Dachterrasse: Diese Songs sorgen für eine angenehme …“. Weiter kam ich nicht, da ich mich über des Nutzers Schulter direkt in die Playlist erbrechen musste. Das ist jetzt vielleicht nicht schön, aber die Wahrheit.

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In Gianni Morandis Wikipedia-Eintrag werden seine riesigen Hände leider nicht thematisiert. Dafür steht dort anderes Wissenswertes über den Sänger: „In den 70er Jahren begannen die Krisen des Gianni Morandi“ informiert der Beitrag. Noch besser finde ich aber diese Information: „Seine Karrierekrise wurde auch schnell zu einer Geldkrise.“ Tja, das kennt man vielleicht selbst von zu Hause. Man sieht: Selbst italienische Belcanto-Legenden mit Riesenhänden können der monetären Klammheit anheimfallen. Aber lassen Sie mich mit einem heiteren Sinnspruch enden, der uns alle gemeinsam durch die Woche zu tragen in der Lage ist: Lieber große Hände und Krise als reich und immer nur Wohlfühl-Indie.

Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Bizarrer Klatsch

Folge 159 Interessant, was für Dinge man sich als halbwegs musikversessener Mensch so merkt! Unlängst erzählte mir ein Freund, er habe in seiner Jugend mal ein Interview mit Michael Schenker gelesen, in dem der Gitarrist erzählte, dass er seit seinem 17. Lebensjahr ausschließlich seine eigene Musik höre. Er habe das so faszinierend gefunden, so mein Freund, dass er die Info trotz relativ geringen Interesses am Werk des Gitarrenzauberers aus dem niedersächsischen Sarstedt nie mehr habe vergessen können. Ihr ergebener Autor wiederum war trotz grundsätzlicher Sympathie für britische Stimmungsbands mit Drogenvordergrund nie ein großer Happy-Mondays-­Fan. Dennoch hat sich tief in meinem Hirn die…
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