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Graphic Novel „Ein Sommer am See“: Ein Meisterwerk wie von Proust

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Graphic Novel „Ein Sommer am See“: Ein Meisterwerk wie von Proust

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Nordamerikas Comic-Sensation des vergangenen Jahres heißt „This One Summer“ (in der deutschsprachigen Ausgabe: „Ein Sommer am See“). Der Comic von Jillian und Mariko Tamaki bekommt fast so viel Aufmerksamkeit wie zuletzt Chris Wares Baukasten „Building Stories“ und wurde völlig zu Recht als beste Graphic Novel mit einem Eisner und einem Ignatz Award ausgezeichnet.

Der Erfolg macht es schthis-one-summer-01wer, an die Tamakis heranzukommen. Autorin Mariko, die Ende November durch Deutschland tourt, ist auf Nachfrage erreichbar, Zeichnerin Jillian lässt sich entschuldigen; „Dauerstress“, so die Begründung des Verlags. Nach ihrem erneuten Erfolg mit der Kurzgeschichte „Sex Coven“ bei den diesjährigen Ignatz Awards und der doppelten Nominierung ihres neuen Comics, „SuperMutant Magic Academy“, will sie derzeit jeder haben.

„This One Summer“ ist ein Meisterwerk von fast proustscher Qualität, dessen Bilderwelten das eigene Erwachsenwerden in Erinnerung rufen. Die Geschichte handelt von dem einen Sommer, an den man sich noch Jahrzehnte später erinnert. Dem Sommer, als auf einmal wichtig war, wie man aussieht, wenn man aus dem Wasser steigt. Dem Sommer, in dem die Tage in besonders warme Farben getaucht schienen, weil die Liebe das erste Mal ins Herz einzog. Aber auch dem Sommer, in dem man begriff, dass die heile Welt, die einen umgab, so heil gar nicht war.

Der Sommer vor dem Ende der Kindheit

Die blonde Rose verschläft ihre ersten Momente auf dem Arm ihres Vaters, der sie durch die laue Sommernacht trägt. Das rhythmische Knirschen seiner Schuhe auf dem Kies gibt das akustische Signal für das Auslaufen ihrer Kindheit vor, die mit ein paar selbstvergessenen Traumtänzen einige Ehrenrunden dreht, bevor sie auf den letzten Seiten mit dem schweren Ticken einer Uhr zu Ende geht. Dazwischen liegt „Ein Sommer am See“ (so auch der Titel der deutschen Übersetzung, die im Reprodukt Verlag erschienen ist), in dem auf dramatische Weise eine langjährige Verbindung, junge Herzen und einige Teile des Familien-silbers brechen.

Im Zentrum stehen die Freundinnen Rose und Windy, die sich jedes Jahr in den Sommerferien in Awago Beach begegnen. Doch in diesem Jahr ist etwas anders. Rose ist, wie die Titel-seite des Comics zeigt, ihrer Freundin ins kalte Nass der Erwachsenenwelt voraus-gesprungen. Sie beginnt sich für die größeren Teenager zu interessieren und erkennt in ihren Eltern Menschen mit Sorgen und Nöten. All das löst in ihr Unbehagen aus, das sie mit Horrorfilmen zu überdecken versucht.

Der frech-fröhlichen Windy geht das irgendwann zu weit, sie hält sich lieber an Gummifüße und Limo. Mit ihr haben die Cousinen Rose ein quirliges Riot-Grrrl zur Seite gestellt, das in seiner Besonderheit noch die kindliche Leichtigkeit allen Seins in sich trägt. Ihrer Unbeschwertheit ist eine der schönsten Doppelseiten des Albums zu verdanken, die auch Mariko Tamaki begeisterte. „Als ich gesehen habe, wie Jillian Windy über die Seiten tanzen lässt, war ich vollkommen hin und weg.“

Selbstfindung als zentrales Thema

Bereits in ihrem preisgekrönten Comicdebüt, „Skim“, fingen die Kanadierinnen die existenzielle Selbstverlorenheit von Heranwachsenden facettenreich ein. „Da sind dieses ganze Potenzial, diese Kraft und dieser Drang, sich selbst zu finden. Zugleich ist man dünnhäutig, verletzlich und macht Fehler“, erklärt Mariko Tamaki die Faszination für ihr Lieblingsthema.

Über die Beobachtung der Erwachsenen durch die beiden Mädchen werden verschiedene
„Erfahrungen des Frauseins“ reflektiert und Themen wie Sexualität, Depression, Ausgrenzung oder Einsamkeit behandelt. Inspiriert von eigenen Sommererlebnissen hat die erfolgreiche Auto-rin und queere Aktivistin Mariko Tamaki auf diese Weise eine Comicvorlage geschrieben, die ihrem Vorbild, der für ihre Kurzgeschichten mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Autorin
Alice Munro, zur Ehre gereicht. Comics machen sei aber etwas vollkommen anderes als ein Buch zu schreiben, weil sie, Mariko, „nur den ersten Schritt in dem Prozess, eine Geschichte zu erzählen, tue“, erklärt sie.

Starke Bilder

Nach Übergabe des Skripts sollen die Cousinen ein paar Tage ins Sommerhaus von Marikos Familie gefahren sein, um sich auszutauschen und Atmosphäre zu schnuppern. Dann hat sich Jillian fast drei Jahre lang an die zeichnerische Umsetzung der Geschichte gemacht. Wegen der getrennten Produktionsprozesse hatte Mariko Tamaki nie Bedenken. „Mein vollkommenes Vertrauen in meine Cousine rührt vor allem daher, dass sie eine unglaublich tolle Künstlerin ist.“

Jillian Tamaki hat eine umwerfende, intuitive Bildsprache gefunden, die Dialoge fast überflüssig macht. Ihr Strich ist entschlossen und zugleich empfindsam, er fängt zwischen Naturalismus und Naivität die Sinnlichkeit des Sommers ein. Ein Stil, der durch das Wunderland der Adoleszenz schwebt, ohne dabei doch allzu perfekt zu sein.

Mit „This One Summer“ legen die Tamaki-Cousinen nicht nur eine grandiose Coming-of-Age-Erzählung vor, sondern sie werfen mit den Augen der beiden Teenager einen anthropologischen Blick auf die Welt der Erwachsenen, der die Widersprüche ihres Daseins geradezu greifbar macht.

(Thomas Hummitzsch, ROLLING STONE 11/2015)

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