Güner Yasemin Balcı über die Frage: Was ist heute links?



Es gab einmal eine Zeit, da bedeutete Linkssein in Deutschland noch, den Idealen des Marxismus nachzustreben. Man war politisch engagiert, trug bunte Kleidung, ließ sich die Haare wachsen und pfiff auf preußische Sekundärtugenden. Die Konservativen, das waren die alten und die anderen, denen der Geist der Nazijahre noch in den Knochen und Köpfen steckte. Und die es galt, zu bekämpfen.

Die 68er-Zeit war eine Phase der großen Auf- und Umbrüche, in der die Jugend sich politisch auflehnte und man im Dunst von Kräutertee und Marihuana den Zusammenhalt einer verschworenen Gemeinschaft zelebrierte. Sich in besetzten Häusern, Studentengruppen und sonstigen Kommunen zusammenfand, um spirituell, politisch und sexuell auf Identitätssuche zu gehen. Man kämpfte für Palästina und Afrika und übernahm selbstverständlich die Vormundschaft für alle unterdrückten Völker der Erde, ohne darum gebeten worden zu sein. Die Welt war geteilt in Gut und Böse, Arm und Reich, es gab einen Klassenfeind, und das Leben hatte seine Ordnung, in der es eigentlich nur darum ging, sich für eine Seite zu entscheiden, auf der Suche nach Sinn.

Für die 68er-Rebellen war Krieg nur dann schlecht, wenn er nicht die eigenen Interessen verfolgte. Gewalt war damals nicht nur für die Terroristen der RAF ein legitimes Mittel, um bestimmte Anliegen durchzusetzen. Die Linke empfand sich als eine Art Rächer der Enterbten oder Heilsbringer der Armen und Unterdrückten und hatte neben vielen kleinen vor allem immer einen großen Feind: den Kapitalismus.

In diese Zeit der Auf- und Umbrüche fiel auch die Geburtsstunde der Grünen-Partei. Und während RAF und Hippiekommunen heute der Vergangenheit angehören, haben die Grünen tapfer die vergangenen Jahrzehnte des politischen und gesellschaftlichen Wandels überstanden und sogar mitbestimmt – und sind vom Rand in die Mitte der Gesellschaft gerückt. Eine steile Karriere, in deren Verlauf sich zum Beispiel der anfangs wollsockentragende und polizistenprügelnde Joschka Fischer nicht nur zu einem der obersten Staatsrepräsentanten mausern konnte, sondern selbst dann noch anstandslos von sich selbst behauptet, „links“ zu sein, wenn er als Lobbyist für milliardenschwere Konzerne das große Geld verdient. Nicht zu vergessen sei da auch Daniel Cohn-Bendit, einer der Gründungsväter der grünen Partei, der ihnen heute noch als Ko-Vorsitzender im Europäischen Parlament die Treue hält und den selbst seine mehr als fragwürdigen Ausführungen über erotische Vorfälle mit Kindern aus den 70er-Jahren nicht vom Sessel fegen konnten.

Die grünen Möchtegern-Weltverbesserer sind geblieben – doch die Zeiten des großen Klassenkampfes sind vorbei, und nur noch ewig gestrige Randgruppen, die sich politisch entweder linksaußen oder rechts im Abseits tummeln, plädieren heute noch ernsthaft – aber nie wirklich ernst zu nehmend – für eine Abschaffung des Kapitalismus. Selbst die Partei Die Linke verzeichnete in den vergangenen Jahren neben einem steten Mitgliederschwund eher bescheidene Wahlergebnisse und muss sich eingestehen, ihre gewichtigste Waffe, die Kapitalismuskritik, nicht mehr für sich allein beanspruchen zu können. Spätestens seit sich auch etablierte konservative Parteien im Zuge der globalen Finanzkrise gegen eine Allmacht der Wirtschaft ausgesprochen haben.

Was also ist geblieben von den ehemals linken Werten? Nicht viel, wenn man bedenkt, dass die Ungleichheit in der Gesellschaft fortbesteht, der Aufschrei gegen sie aber längst verstummt ist.

Und trotzdem, im Jahr 2012 dürfen wir alle ein bisschen links sein. Wir behaupten es zumindest, denn es kostet uns nichts. Wir sind links und müssen auf nichts verzichten. Links sein bedeutet heute, den Wohlstand zu sichern und sich eben dadurch die Sache des Volkes zu eigen zu machen. Ob CDU oder SPD, man setzt sich ein – für soziale Gerechtigkeit, für ein egalitäres Menschenbild, und auch Forderungen nach Gender Mainstreaming und Homoehen sorgten selbst in der CDU nur für den überfälligen Abschuss einer Handvoll rechtskonservativer Hinterwäldler, die sich wie Schiffbrüchige auf der Suche nach einem untergegangenen Deutschland um ihren greisen Kapitän Friedrich-Wilhelm Siebeke scharen.

Links sein ist heute zu einer Attitüde verkümmert, die mit echter Einsatzbereitschaft für Gerechtigkeit wenig zu tun hat. Auch, weil es insgesamt komplizierter geworden ist, zu erkennen, für wen oder was eigentlich noch gekämpft werden muss. Man konzentriert sich auf das Durchsetzen von Rauchverboten und Tempo-30-Zonen, glaubt die Chancengleichheit in der Gründung der Einheitsschule verwirklichen zu können und nimmt sich halbherzig der Arbeitnehmerrechte an, indem man sich auf eine Lohnuntergrenze einigt – wohl wissend, dass den Geringverdienern damit nicht geholfen ist. Die ehemals so wilden, freiheitsliebenden Grünen stehen für einen neuen Konservativismus, der ständig nach Sanktionen schreit, Bioladen und Biedermeier konfliktfrei vereint, und für dessen Wähler die Alliteration von Kinder, Küche und Kirche (in grünem Licht betrachtet) doch gleich ganz annehmbar erscheint: als frei gewählte Alternative und sentimentale Rückbesinnung auf alte Werte.

So schieben die neuen, jungen, sich als Linke empfindenden Konservativen in Scharen ihre Bugaboos mit dem Nachwuchs durchs Land, empören sich über Biosiegel-Pfusch und Hundekot in der Stadt und sind ansonsten angekommen, in einem Leben voller Annehmlichkeiten. Man muss kein schlechtes Gewissen haben, denn man hat es sich verdient.

Das alles wäre auch gar nicht so schlimm, der Wandel in den Parteiprogrammen ein normaler Prozess, vielleicht ein Zeichen dafür, dass man sogar dazugelernt hat. Doch der letzte Armutsbericht hat gezeigt, dass die Armut in Deutschland – trotz guter wirtschaftlicher Entwicklung – zugenommen hat. Die Politik scheint ihre Aufgabe, den Wohlstand gerecht umzuverteilen, in den vergangenen Jahren verfehlt zu haben. Und auch der aktuelle UNICEF-Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland zeigt, dass Chancengleichheit mehr voraussetzt, als Hunger und Durst zu stillen.

Ein Recht auf Bildung allein reicht zwar nicht aus, um zu verhindern, dass die soziale Schere immer weiter aufgeht. Doch Bildung bleibt der einzige Weg, um soziale Benachteiligung zu überwinden. Wem der Sinn nach einer gerechteren Welt steht, der hat in Deutschland also immer noch genug zu tun – und wie verhalten sich die Linken dazu? Sie fordern höhere Hartz-IV-Sätze, Ganztags- und Gemeinschaftsschulen, eine kostenlose Kinderbetreuung, kleinere Schulklassen und so weiter. Was sie nicht fordern, ist eine gesunde soziale Mischung in Kindergärten und Schulen, eine Quotenregelung, die es ermöglicht, dass Menschen unterschiedlicher sozialer und ethnischer Herkunft das Miteinander lernen und Kindern aus sozial schwachen Familien die Teilhabe an einem Leben ermöglicht wird, das sonst nur der bürgerlichen Schicht vorbehalten ist.

Der Trend ist in Deutschland ein anderer. Wer es im Leben zu etwas bringen soll, geht schon früh in den richtigen Kindergarten und hat damit auch gleich den Grundstein für wichtige soziale Kontakte gelegt, die für eine spätere Karriere genauso entscheidend sind wie das Studium. Ganz wichtig ist bei der Auswahl des Kindergartens, dass wenige bis keine Migrantenkinder dort sind, und auch in der Grundschule ist ein hoher Anteil von Kindern mit arabischen und türkischen Wurzeln für viele Eltern ein Grund, um im schlimmsten Fall doch lieber eine Privatschule zu finanzieren. Dass es heute sogenannte „Resteschulen“ gibt, in die all jene gehen, die von zu Hause aus nicht gefördert werden, ist ein Skandal, den kaum jemand thematisiert. Denn die Betroffenen schweigen, weil sie es nicht besser wissen. Und alle anderen leben ein besseres Leben, eines, in dem man gerne politisch korrekt bleibt, Missstände beschönigt oder gar verschweigt. Denn egal, wie links man auch ist: Die eigenen Kinder werden bestimmt in keiner Bildungseinrichtung landen, die man Problemschule nennt. Wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand.

Besonders an den großstädtischen Kindergärten und Schulen wird deutlich, wo die Grenzlinien in der deutschen Gesellschaft verlaufen. Und wer später mal die Zukunft des Landes mitgestalten wird – oder eben Zuschauer des schönen Lebens bleibt, auf Geringverdiener-Niveau, im schlimmsten Fall als Hartz-IV-Empfänger.

Der schöne Satz „Jeder ist seines Glückes Schmied“ mag seine Berechtigung haben. Doch in den Ohren all derer, die wissen, worauf es ankommt, wenn man allen Kindern gleiche Chancen auf ein gutes Leben einräumen möchte, muss er wie eine schlechte Ausrede klingen. Vielleicht ist es an der Zeit, dass gerade die politische Linke sich wieder auf ihren Ursprung zurückbesinnt, auf die Idee, dass alle Menschen, egal welchen Geschlechts, welcher Herkunft und welcher Hautfarbe, gleich sind. Und sich für alle gleichermaßen verantwortlich fühlt, so als ginge es bei der Förderung des Nachwuchses in diesem Land um die eigenen Kinder. Erst aus dieser Haltung heraus wird man es wagen, die notwendigen Konflikte im Kampf für eine gerechtere Gesellschaft einzugehen. Und es nicht mehr in Kauf nehmen, dass es Kinder in Deutschland gibt, die quasi ab Geburt dazu verdammt sind, ihr Leben lang ganz unten zu bleiben.

GÜNER YASEMIN BALCI, 36, ist Schriftstellerin und Journalistin in Berlin. Die Tochter türkischer Eltern engagierte sich als Sozialarbeiterin, arbeitet für Printmedien und TV-Magazine, veröffentlichte die Romane „Arabboy“ und „ArabQueen“. 2011 machte ihre Filmdokumentation über Thilo Sarrazin Schlagzeilen, die nie geziegt wurde, nachdem der Sender RBB ihr den Auftrag überraschend entzog.

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