Schorsch Kamerun über die Frage: Was ist heute links?


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Onkel Berner ist der neuralgische Punkt unserer Weihnachtsfeierlichkeiten. Traditionell. Weil er die üblichen, diplomatischen Toleranzzonen bei solchen Familienversammlungen kompromisslos ignoriert. So dröhnt er am verlässlichsten rechtsaußen von allen in unserer Sippe. Jedenfalls am offensten – wer weiß, was wäre, wenn alle Tacheles reden würden?

Immerhin gestalten sich seine Anwandlungen über die Jahre deutlich altersmilder, aber mitunter lässt er noch mal ordentlich einen vom Stapel. Mein Cousin Sid Hansen, ich selbst und vielleicht noch Cousine Wiebo ducken uns mittlerweile – um des lieben Friedens willen – meistens weg, wenn Berner (Bauernhofbetreiber und passionierter Waidmann mit eigenem Revier in Meck-Pomm) zum Heiligen Fest konkret wird. Wir halten still, weil der wackere Onkel zweifelsfrei auch warme, gar sehr großzügige Seiten bereithält. Ungenommen. Also, mal ein Auge zudrücken, weil Rechthaben sich im fragilen Family Business ja auch lohnen muss, finde ich.

Früher kam es regelmäßig zu bitteren Szenen am Fonduetopf. Aber da waren Onkel Berners Blitzattacken gegen „die Russen“, „euch Gammler und Kommunisten“ oder gar „den Itzig“ auch von anderem Ausmaß. Dieses Jahr dagegen: gerade mal eine schlappe Abwatschung über seinen eher als läppisch eingestuften Restfeind, die Linkspartei. „Jetzt haben diese Affen doch allen Ernstes vorgeschlagen, dass wenn ein Feiertag auf einen Sonntag fällt, dass der dann nachgeholt wird! Mann, Mann, Mann! Armes Deutschland!“ Mehr nicht!

Also wenn das jetzt die heftigsten Schläge vom real existierenden Konservatismus sind, dann wird es in naher Zukunft keine rebellische Jugendbewegung mehr geben, wie sie nötig war, als die Onkel Berners dieser Welt noch für krasse autoritär-repressive Lebensraumverletzung berühmt waren. Aber das war noch nicht alles, dieses Jahr. Es kam gar noch unerwartet umgekehrter: In einem authentisch nachdenklichen Exkurs über „die Verhältnisse“ verstieg sich jener Gatte meiner frohgemuten Tante Berner zu einem ausdrücklichen Wertewechsel, wie ich empfand. Darin beschrieb er – natürlich in etwas anderen Worten – nicht weniger als eine Umkehrnotwendigkeit im sonst so unangefochten freien Marktwirtschaftsglauben: Es gehe nämlich nicht mehr länger „nur noch nach vorn“ mit der Ausdehnung und der Profitmaximierung. Wie bitte? Mein alter Onkel Berner – wenn auch über 40 Jahre nach Gründung – ein neues Vollmitglied des Club of Rome, jenes visionären Gremiums, das bereits 1972 präzise das „Ende des Wachstums“ vorhersagte?

Was ist in euch gefahren, Schönschreiblehrer, Gesinnungsprüfer, Stramm-FAZ-ler und Langhaarabschneider? Frank Schirrmacher, bist du weich geworden (in deinem großen Artikel über das Sich-Bewahrheiten linker Prophezeiungen)? Manche waren natürlich noch früher dran, wenn man genauer hinschaut: Schon zu Beginn der Davos-Gipfel Anfang der 70er-Jahre beschrieben einige Wirtschaftskonservative die Kehrseiten der Globalisierung. Nun sind solche Einsichten nicht unbedingt als schöner Linksdreh zu werten – vielmehr zeigt sich bei derartigen Umkehrern einfach nur die pure Panik der Handlungsunfähigkeit an einer vor Langem überschrittenen Grenze der Gier. Den Antreibern der Marktentfesselungen sind in der Tat die Zügel aus der Hand geflutscht, und nun (im Katzenjammer) bleibt die schlichte Feststellung, dass die linken Miesmacher anscheinend sauber richtig lagen – schon immer.

Tja. Nun seid ihr aber zu spät dran, liebste Bürger-Antikapitalisten, verehrte Pfeffersack-Gegenmaterialisten! Euer Zug ist abgefahren, in Richtung Tiger- oder Jasmin-Staaten. Dort „regiert“ und maximiert jetzt das (behauptete) Volk zur fabulösen Konjunkturrendite. Für Spott bleibt dennoch kaum Spiel, denn eure Niederlage habt ihr zwar euch, aber gleichzeitig auch allen beigebracht. Und so ist durch eure eigenen Verluste leider nichts gewonnen: Die Welt bleibt die ungerechteste seit ihrer ersten Drehung, nie war mehr Krieg, Hunger, Krankheit, Ausbeutung, Zerstörung und so weiter. 

Einige linke Forderungen sind heute gängig und akzeptiert, die Marx-Grundkritik bleibt zeitrichtig, die größeren Ideologiemodelle wirken allerdings eher als Manifeste denkbar, weniger in ihrer breiten Anwendung. Ein richtig strahlendes Update fällt also nicht leicht, weil die globalen wie unmittelbarsten Verstrickungen so ultrakomplex erscheinen. Das Wort des Jahres 2011 hieß „Demonstrant“. Ein Demonstrant, der am modernsten kämpfte und am wenigsten Gesicht zeigte. Als „aggressives Schweigen“ beschreibt der slowenische Philosoph und Star-Kulturkritiker Slavoj Žižek das Vorgehen der Occupy-Bewegung, die sich folgerichtig nicht sofort mit Führungspersönlichkeiten, Thesenkatalogen oder Richtungsposen vermedialisiert (und sich damit nicht zeitgleich wieder abschaffen lässt). Die nordafrikanischen „Facebook-Revolutionen“ waren als kommunizierend verbreitendes Phänomen tatsächlich (Internet-)heutiger als alles zuvor, aber auf die Stadtplätze, die Agora, kamen immer noch echte Menschen, mit konsequenten Körpern. Eine der außergewöhnlich vielen Teilnehmerinnen bei einem Theaterprojekt über heutige Protestmöglichkeiten antwortete mir neulich, als ich sie (sehr allgemein) zu ihrer Einschätzung zum Überbegriff Utopie befragte: „Ich glaube, unsere Utopie ist bereits das hier, jetzt, wo wir mit so vielen überhaupt erst einmal zusammengekommen sind, um gemeinsam etwas zu beginnen, woran offensichtlich allen wirklich etwas zu liegen scheint.“

Ich empfinde die (erst auf den zweiten Blick zusammengehörenden) Empörungen 2011 in Tel Aviv, London, Madrid, den USA, in Frankfurt und anderswo, die Aktionen der Frauenrechtlerinnengruppe Femen, das Manifest der Gaza Youth, die chinesischen Proteste, das neue russische Dagegenhalten etc. und auch den Arabischen Frühling als Beginn. Das Schnittzentrum ist dabei eine große Sehnsucht nach verlorener, direkter Teilnahme an politischen Prozessen. Das macht Hoffnung auf wieder viel mehr aktive Verabredung. Und, keine Angst: Onkel Berner ist da, wo wir uns immer am liebsten getroffen haben, früher auch schon nicht hingekommen.

Schorsch Kamerun, 48, bürgerlich Thomas Sehl, wurde als Sänger der Hamburger Punk- und Avantgarde-Rockband Die Goldenen Zitronen mit Alben wie „Das bisschen Totschlag“ und Songs wie „Alles was ich will (ist die Regierung stürzen)“ bekannt. Daneben machte er sich auch als Theaterautor und -regisseur einen Namen.

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