Hans-Christian Schmid im Interview zu „Wir sind dann wohl die Angehörigen“: „Wir müssen jetzt ein Abenteuer bestehen“


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Hamburg, März 1996: Jan-Philipp Reemtsma, Philologe und Millionenerbe, wird entführt. Die Täter fordern 20 Millionen D-Mark, 33 Tage dauert es, bis er wieder auf freiem Fuß ist. Im neuen Film des Regisseurs Hans-Christian Schmidt geht es aber, wie der Titel „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ schon sagt, weniger um die Tat um sich, sondern um die Wellen, die sie in der plötzlich auseinandergerissenen Familie schlägt.

Der Film beruht auf dem gleichnamigen Buch aus dem Jahr 2018 von Reemtsmas Sohn Johann Scheerer. Der ist heute vor allem als Musikproduzent bekannt, in seinem Studio in Hamburg arbeitete er schon mit Bands und Künstler*innen wie Peter Doherty und At the Drive-In zusammen. 2021 ist von ihm außerdem der Roman „Unheimlich nah“ erschienen, indem er sich in fiktionalisierter Form mit der Zeit nach der Entführung beschäftigt.

Schmidt wollte ganz explizit keinen Thriller oder Krimi drehen, wie in Scheerers Buch bleibt der Fokus stets auf dem Teenager Johann (Claude Heinrich, bekannt etwa aus „Dark“), dessen pubertäre Rebellion jäh vom Verschwinden des Vaters unterbrochen wird, und seiner Mutter Ann-Kathrin Scheerer (Adina Vetter). „Für uns war vor allem die Erzählperspektive des 13-jährigen Jungen spannend“, sagt Schmid. Der Film sei die Chance, etwas über „die Dynamiken einer Familie, wenn einer aus dieser Familie in Lebensgefahr ist, und die anderen sich dazu verhalten müssen“, zu erzählen.

Aber auch die Polizeiarbeit steht im Fokus: Die lief in der Realität nicht immer glatt, nachdem mehrere versuchte Geldübergaben scheiterten, wandte sich die Familie an private Vermittler. Die auf engstem Raum zwischen den im Wohnzimmer schlafenden Angehörigenbetreuern und der Familie entstehenden Konflikte beobachtet der Film akribisch. „Wir zeigen deutlicher als in Johanns Buch, warum die Vorgehensweise der Polizei für die Angehörigen überhaupt nicht funktioniert hat“, sagt Schmid.

Hans-Christian Schmid im Interview: