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„Hautnah Heiligabend“: Friede auf Erden

Am 5. September 2009 zeigte der Sender 3sat einen Tag lang eine einzige Sendung: „24 h Berlin“ – die Dokumentation des 5. September 2008 in der deutschen Hauptstadt. Der Tag, an dem dieses Mosaik ausgestrahlt wurde, war ein Samstag – und wir schämen uns nicht, zuzugeben, dass wir etwa 18 Stunden vor dem Fernseher aushielten und nur manchmal die Küche und das Badezimmer aufsuchten. 50 Kamerateams nebst Autoren hatten an dem Projekt mitgewirkt – und vom Müllfahrer bis zum HipHopper, vom Schulkind bis zur Greisin war der Berliner Alltag zu besichtigen; ein paar bekannte Menschen wie (natürlich!) Klaus Wowereit und Daniel Barenboim waren auch dabei.

So eine Echtzeit-Dokumentation hat auch der SWR gewagt – allerdings hat der Sender einen besonderen, ja den besondersten Tag des Jahres ausgesucht: „Hautnah Heiligabend“ dokumentiert neun Stunden am 24. Dezember 2010 im Südwesten. Mit der Arroganz des Großstädters könnte man sagen, dass es in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, in Rheinböllen und Schönbrunn-Haag doch nicht viel zu beobachten gebe – jedenfalls nicht im Vergleich mit dem Moloch, der Weltstadt Berlin!

Was etwa kann uns der Pelzhändler Alfredo Pauly in Bad Neuenahr-Ahrweiler wohl mitteilen, dass er bei seinen Auftritten in diversen Kreuzfahrt-Dokus nicht schon auf seine unnachahmlich einnehmende Weise in die Kamera gesprochen hat? Doch gerade dieser gebräunte Marketender des Luxus, stets ein Glas Champagner zur Hand und einen Zobel am Bügel, erweist sich in den Stunden bis zum Abend als ein Weihnachts-Skeptiker, ein Verteidiger des Schönen und Stillen. Sein Laden, sonst ein Hort des Trubels, wird ein Ort der Seelsorge, wenn alte Damen aus dem nahen Stift die Gesellschaft Alfredo Paulys suchen. Der Händler, der sich selbst als „barock“ bezeichnet, verlässt sein Geschäft bis zum Einbruch der Dunkelheit nicht – und dann besucht ihn seine Ehefrau. Auf ein Gläschen Champagner vor dem weißen Lädchen, jetzt in weißer Schneepracht! Und die beiden küssen sich einmal und noch einmal, so glücklich sind sie in derHeiligen Nacht.

Dieser Heiligabend 2010 war im Südwesten eine sogenannte Weiße Weihnacht, wie sie besungen wird und im Buche steht. Um zwölf Uhr mittags sehen wir die Rettungssanitäter in Ludwigshafen, die ihren Zivi den Schnee schippen lassen und erst mal zum Mittagessen in der Kantine des nahen Klinikums fahren. Es ist wahr: Ein Mann kann seine Hüfte nicht mehr aus dem Bett bewegen, eine Frau hat schlimme Kopfschmerzen nach einer Operation – aber „Bringing Out The Dead“ ist hier nicht zu beobachten. Die Kinderärztin in Stuttgart, die Hebamme in Germersheim, die Polizistin in Kaiserslautern, der Taxifahrer in Heidelberg bleiben bei ihren Arbeiten merkwürdig blass –  und leider auch Karl Kardinal Lehmann in Mainz und die Sängerin Joy Fleming in Hilsbach, denen zwischen weihnachtlicher Routine kaum Freude oder Einkehr anzumerken ist. Geschäftsmäßig schreibt der Kardinal seine frommen Wünsche in die Predigt zum ersten Feiertag, später watschelt er mit Gepränge aus der Messe im Dom. Und Joy Fleming gibt Joy Fleming, das Muttertier.

Ein wenig bitter stimmt es, dass der wegen versuchten Mordes inhaftierte Daniel in Diez und der Obdachlose Chris in Bingen die üblichen traurigen Eindrücke liefern: Der Gefangene ist gefangen und denkt an die Familie, der Obdachlose ist obdachlos, hat aber Zelt und Kochgelegenheit und bereitet den Freunden unter der Brücke einen Putenbraten. Immer wieder betont er, wie sehr er sich über den glücklichen Glanz in den Augen seiner Leidensgenossen freut – doch der Glanz in seinen eigenen Augen sind die Tränen beim Gedanken an die Familie, mit der er gebrochen hat.

Der Wanderschäfer Thomas stapft mit seinen Tieren fluchend über die karstige Flur, der tüchtige Tierarzt hilft auch am Heiligabend entschlossen, die Nachtclubbesitzerin Maria schmiert in ihrem Etablissement Brote und schwatzt und schwatzt. Der SWR-Radiomoderator Michael Spleth macht zu Hause bei seiner Freundin dieselben Witze wie auf Sendung und fährt dann zur einsamen Nachtschicht zum Funkhaus, wo er am Mikrofon eine veritable Weihnachts-Gaudi vorgaukelt. Die Terminal-Managerin Monika versucht am Flughafen Frankfurt-Hahn geduldig, die vom Schnee überraschten Reisenden aus dem Gebäude zu weisen. Die Zirkusfamilie Santos in Heilbronn macht zwischen den Vorstellungen im Winebago eine hektische Bescherung, und die italienische Großfamilie Bucci in Bad Canstatt ist groß, fröhlich und laut.

Es gibt aber auch ein paar richtige Weihnachtsmänner in diesem Reigen, die im Ausnahmezustand aufblühen: Da ist der schwarze katholische Pfarrer Achille Mutombo, ein gut gelaunter Hirte seiner Gemeinden, die ihn feiern wie den Obama von Pliezhausen. Und da ist der launige Feuerwehrmann Thomas Roth in Mannheim, der für seine Leute einen Pfälzer Spießbraten röstet und dann Dias von Übungseinsätzen zeigt: die Spaßspritze von der Feuerwache.

Der Bäckermeister Hörhammer sitzt mit Frau und Schwiegermutter in der biederen Wohnzimmergarnitur und isst Schweinemedaillons und Pommes, und später steht er feierlich auf, faltet die Hände vor der Plautze und singt mit heller Knabenstimme das „Vater unser“. Und die Frau von der Telefonseelsorge fährt zu ihrem Dienst mit der S-Bahn nach Stuttgart, geht durch dunkle, verschneite Straßen und fürchtet sich nicht.

Der Schnee fällt auf die Lebenden und die Toten. Und um 21 Uhr endet das Panorama, verklingt die wohltönende Stimme von Helmut Winkelmann, die uns neun Stunden begleitet hat. Wenn künftige Generationen wissen möchten, wie das Leben in Deutschland so war im Jahr 2010 – dann sollten sie nicht „Kokowäh“ gucken, sondern „Hautnah Heiligabend“: die große Erzählung vom Leben in diesem Land.

„Hautnah Heiligabend“. SWR, Samstag, 12 bis 21 Uhr

>>>> Hier geht’s zum Live-Stream der Sendung

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