Herrlich weicher Babykaschmir

So stylish war der Glücksbringer einer Fußballweltmeisterschaft selten: Der Pulli des Trainers wurde zum Hoffnungssymbol des jungen (und gar nicht so furchtbar deutschen) Teams

Bundestrainer Jogi Löw hat während der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika nach allem, was wir wissen, kein Tagebuch geschrieben. Falls doch, müsste sich folgender Eintrag darin finden: „Die Deutschen drehen völlig durch. Sie sprechen über meinen Pullover, als sei er das Geheimnis des Erfolgs, und deshalb darf ich ihn nicht mehr waschen. In Deutschland ist gerade der häufigste Satz: ‚Nein, der Löw-Pullover ist erst in einem Monat wieder verfügbar.'“ Ja, wir drehten völlig durch in diesen vier Wochen im Juni und Juli. Du, ich, meine Oma, mein Meerschweinchen. Wir alle guckten nach Südafrika, auf unsere Jungs, auf Jogi und auf seinen blauen Pullover aus „herrlichem weichem Babykaschmir“, wie der Hersteller Strenesse auf seiner Homepage schreibt.

Es war unmöglich, sich der Begeisterung zu entziehen, ohne sich lächerlich zu machen. Das Team spielte, als wäre es vor dem Turnier durch den FC Barcelona ersetzt worden. 4:0 gegen Australien, 4:1 gegen England, 4:0 gegen Argentinien. Plötzlich wurden wir nicht mehr um unsere Tugenden beneidet, sondern um unser System und unsere Spieler. Schweinsteiger schickte Ballack in den Vorruhestand, in Müller waren wir alle verliebt und Özil … ach, Özil. Wie er vor dem 4:1 gegen England über Linksaußen durchging, schon 30 Meter vorm Tor das Tempo rausnahm, wartete, bis Müller (Müller!) im Strafraum war und dann lässig rüberschob. Dass wir schließlich gegen Spanien, den Erfinder unseres Systems, aus dem Turnier flogen, war unvermeidbar. Jogi Löw hätte vor der Abreise in sein Tagebuch geschrieben: „Endlich ist der Wahnsinn vorüber. Endlich muss ich diesen Pullover nicht mehr tragen. Das Angebot, mich zum Bundespräsidenten wählen zu lassen, habe ich abgelehnt.“

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