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Hören Sie auf mich: Authentizität ist des Teufels!


von

Folge 54

Ja, es stimmt, die Popmusik ist eine einigermaßen fade Angelegenheit geworden. Bezüglich dieser These herrscht ein Konsens, der nur noch von jenem übertroffen wird, demzufolge es sich nicht gehört, alten Damen die Handtasche anzuzünden. Bevor jetzt wieder jemand kräht, das sei doch nur Greisen-Gezeter: Nein, es sind mitnichten nur ältliche Zausel mit überdimensionierter Plattensammlung, die über langweiligen Gegenwartspop klagen; auch mehr und mehr rotwangigen Buben und Mädchen schlafen langsam die Füße ein.

Der Revival-Wahn ist, anders als häufig behauptet, nicht schuld an der Misere. Revivals gab es immer, bloß waren früher sogar die Revivals besser. Das Problem liegt vielmehr darin, dass es – egal ob im Versuch, neu zu sein, oder beim Nachstellen der Vergangenheit – derzeit immer am selben mangelt: dem Fehler. Nichts fürchtet die durchschnittliche Wald-und-Wiesen-Indieband so sehr wie den kreativen Missgriff. Statt Fehlerfreude regiert triste Authentizitätsgeilheit, weshalb uns heute jeder zweite Songwriter als ehemaliger Herumtreiber mit Schlafsackerfahrung verkauft wird und von jeder Fiedel-Kapelle behauptet werden muss, sie sei von einem strengen Baptisten-Vater zum täglichen Gospel-Gesang in die kleine Dorfkirche in South Irgendwas gezwungen worden. Aber hören Sie auf mich: Authentizität ist des Teufels! Mir ist hier in meinem kulturpessimistischen Pfeifenrauchersalon heute nach einfachen Slogans, darum rufe ich: Musiker, steckt euch eure Authentizität dahin, wo auch eure Mandolinen und Fiedeln auf ewig schlummern mögen, und langt mal wieder so richtig schön daneben!

Wie schlimm die Angelegenheit ist, zeigt ein Blick auf ein paar Fotos zeitgenössischer Newcomer-Indiebands. Wie sehen diese Bands aus? Richtig: homogen bis in die Haarspitzen! Sie werden nirgendwo mehr eine Band auftreiben können, bei der nicht alle vier Musiker über die dem nachgestellten Sound angemessenen Frisuren gebieten. Das war nicht immer so. Betrachten Sie nun mal ein paar Fotos von Gruppen, die dem Psychedelic-Revival der Achtziger zuzurechnen sind. Die Bands sehen in der Regel so aus: Einer trägt ein Paisley-Hemd, hat aber eine Flock-Of-Seagulls-Frisur. Ein anderer steht mit Mod-Helm und Fransenjacke herum, und ein weiterer versucht auszusehen wie Lou Reeds Sonnenbrille. Entscheidend aber ist der vierte Musiker: Der schaut nämlich mit seiner Richard-Marx-Matte und den Cowboystiefeln aus, als wäre er vorrangig daran interessiert, Kicker-Duelle in Kneipen zu gewinnen. What’s wrong with this picture? Nun, eine Menge, und das macht es so toll! Der Sound spiegelte den optischen Fehler wider: Während heute jeder Vintage-Klang in makelloser Genauigkeit nachgestellt wird, hatten alle Sixties-Revival-Bands der 80er-Jahre einen komplett falschen – weil unauthentischen – Schlagzeugsound. Glorreiche Zeiten!

Für Freunde steiler Thesen möchte ich mich zu der folgenden versteigen: Popmusik braucht Fehler und Missverständnisse, um Spaß zu machen. Ein falscher Schlagzeugsound etwa kann etwas ganz Ergötzliches sein. Die reine Lehre aber, die exakte Nachstellung und die Perfektion sind der Tod. Womit wir beim nächsten Problem wären: denn nicht nur der sich selbst ad absurdum führende Authentizitätswahn sorgt für Freudlosigkeit. Mindestens ebenso frustrierend ist, dass jede Indie-Gurkentruppe heute professioneller wirkt als drei Siebziger-Rockbands zusammen. Ich wüsste nicht, wann ich das letzte Mal auf einem Konzert einer jungen Band gewesen und den Eindruck gehabt hätte, gleich könnte oben auf der Bühne alles auseinanderkrachen. Schon beim ersten Album scheint heute alles durchprofessionalisiert, ausgecheckt und abgesichert.

Was nun ist zu tun? Die Antwort fällt leicht: Keine Ahnung. Ich plädiere für diese Zwischenlösung: einfach mal wieder vorsätzlich Fehler machen. Richtig dumme Fehler. Zum Beispiel Sixties-Revival-Musik mit Achtziger-Schlagzeug spielen. Oder, noch besser: aus jeder Band das stilsicherste Mitglied rauswerfen und durch einen oder zwei Typen mit Richard-Marx-Frisuren ersetzen.


Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Ironische HipHop-Moves

Folge 224 An jedem letzten Donnerstag des Monats treffen sich seit gut einem Jahr Guido, Jens und Bernd, drei Freunde um die fünfzig, via Zoom-Konferenz zum Musik-Stammtisch. Zuletzt waren die monatlichen Pop-Konferenzen mit Bierbegleitung allen drei Teilnehmern ein wenig fad geworden. Für das diesmalige Distanztreffen haben sich die Freunde um neue Impulse bemüht und beschlossen, die gegenwärtigen Lieblingslieder ihrer 18-jährigen Töchter zum Diskussionsgegenstand zu machen. GUIDO: Also wir hatten ja gesagt, dass wir diesmal nicht über Bruce Springsteen oder Neunziger-Alternativeock sprechen. JENS: Hatten wir. BERND: Wobei Bob Dylan ja diesen Monat ja achtzig wird. JENS: Trotzdem, Bernd! Also ich habe…
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