Hurricane 2012, Tag 3: „Dort hinten wird’s hell!“


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Jetzt, in der sicheren Distanz unseres „Arbeitszimmers“ im lauschigen Landgasthof Roose, dürfen wir ihn ja sagen – bzw. schreiben – diesen Satz, der ab dem Auftritt von Kettcar auf dem gesamten Gelände die Runden machte: „Dort hinten wird’s hell!“. Man kennt die Zeile natürlich, aus dem Song „Nacht“, dieser wundervollen Kettcar-Hymne, die man vorzugsweise auf den letzten betrunkenen Metern zwischen HVV-Abladestelle und Haustür auf Kopfhörern hört. Kettcar hatten bei ihrem souveränen und wie immer munter von Wiebusch und Co. kommentierten Auftritt auf der Hauptbühne die Parole ausgesprochen: „Jedem, der jetzt ‚dort hinten wird’s hell‘ sagt, dürft ihr in die Fresse hauen.“ Sie sagten es, kurz bevor man „Der apokalyptische Reiter und das besorgte Pferd“ anspielte, in einem der raren Momenten, in dem der Himmel tatsächlich mal kurz aufbrach und Petrus das Gepladder mal für ein paar Minuten abstellte.

Aber diese Momente ließen sich am letzten Hurricane-Tag an der Hand eines betriebsverunfallten Tischlers abzählen: Es waren drei. Und genau das war der Grund, warum die ausharrenden Besucher des Hurricane immer wieder trotzig scherzten: „Dort hinten wird’s hell!“ Aber dann war es doch meist nur ein Änderung der Schwarz- und Grau-Nuancen der nächsten Wolkenarmada.

Tja, das Hurricane und das Wetter – das war ja schon immer ein Wechselbad der Gefühle. Da lagen Sonnenbrand und Nierenbeckenentzündung schon immer nur einen Tag oder ein paar Stunden entfernt. Aber man ist ja im stoischen Norden – und wer nicht zu jenen gehörte, die schon am frühen Mittag das Weite suchte (was dann doch einige taten), der erlebte noch mal einen Tag, der in Sachen Line-up fast zuviel gutes aufbrachte. Da suchte man die lästige Ska-Punks oder die überflüssigen Mainstream-Rock-Breitbeiner meist vergeblich.

 

Wer es zum Beispiel schon zur Mittagszeit auf das Gelände schaffte, der konnte sich an der Red Stage von Mutter den „Regenwurm“ und andere Lieder, bei denen man sich herrlichst an einem grauen Sonntag umbringen kann, vorspielen lassen. Nicht umsonst hat deren Sänger Max Müller ja ein Soloalbum namens „Endlich tot“, das zwar undurchhörbar aber ebenso schwarz wie gut ist. Zeitgleich spielten jedoch auch We Are Augustines aus New York, die uns später im Interview verrieten, dass sie immer noch nicht wissen, warum die deutschen Journos immer sagen, sie klängen wie The National. Aber es gibt ja auch schlechtere Vergleiche. Vermutlich liegt die oft gebrauchte Referenz in der gemeinsamen Heimat und einem Sänger, der ähnlich wie The Nationals Matt Berninger oft eher charismatisch grummelt als laut heraus singt. Aber Billy McCarthy und seine Bandkollegen sollte man sich merken: Ihr Debüt „Rise Ye Sunken Ships“ hat dann auch entscheidend einige erreicht, denn die ersten Reihen waren zwar schon matschig aber pickepackvoll. Für die Band, war es übrigens das erste Festival mit Regen, das sie jemals gespielt haben. Na, denn herzlich willkommen in Europa, meine Herren! Da werden noch einige kommen!

Mit guten Namen ging es weiter: Twin Shadow und Selah Sue (Foto) gleich hintereinander weg auf der Blue Stage – und so früh am Tag fast verheizt möchte man sagen. Gerade die quirlige Selah Sue hätte auch einen besseren Slot verdient. Gleiches gilt für Frank Turner und seine Band The Sleeping Souls, der ja inzwischen ein gern gesehener Gast in Deutschland und auch auf dem Hurricane ist, und der sich später am Stand des Rolling Stone rührend um seine für ein Autogramm anstehende Fans kümmerte. Frank Turners Sound zwischen Punkrock und Folk oder „teenage kicks and gramophones“ hat eben die Kraft, einen an so einem schlammigen, verkaterten Nachmittag auf die Beine zu bringen: „And who’d’ve thought that after all / Something as simple / As rock ’n‘ roll would save us all? / Who’d’ve thought that after all / It was rock n roll!“, singt er in diesem Song namens „I Believe“ – und die sich in die Luft reckenden Fäuste pflichteten ihm bei. Und wenn man da so den ein oder anderen schon um halb vier wankenden sah, wusste man auch, warum so viele bei „Photosynthesis“ mitsangen, obwohl sie den Titel schon nicht mehr aussprechen konnte: „And I won’t sit down / And I won’t shut up / And most of all I will not grow up“. Yeah! So muss das!

Die Epileptiker-Fraktion zappelte ungefähr zeitgleich vor der Red Stage mit dem Comedy- und/oder Rapper-Duo Die Antwoord aus Südafrika. Es kam dann auch genauso, wie wir es in unseren „Empfehlungen des Hauses“ in der vergangenen Woche angekündigt hatten: Jeder wusste, dass man niemals ein Album dieser Band am Stück durchhören kann, aber die Energie, der Gaga-Faktor (nicht zu verwechseln mit dem „Lady Gaga“-Faktor) von Zef Rap-Rave-Master Ninja und Rapperin Yo-Landi Visser und dieser Soundbastard aus HipHop und Eurodisco lassen einen einfach nicht stillstehen. Ganz zu schweigen von der schrägen Optik: Ninja, der sich als Chefmacker gibt und schon mal mit seinem angeblich eindrucksvollen Gemächt schlackert, und Yo-Landi, die vermutlich Mitte 20 ist, aber im Körper einer 14jährigen steckt und in ihrem Golddress die „Little Bitch“ gibt – das ist schon, ähm, ungewöhnlich. Die Kooks verrieten uns dann wenig später im Interview übrigens, dass sie auch völlig begeistert waren, aber Angst hatten, Zef backstage anzusprechen, weil der so grimmig guckte. Als man es sich dann aber traute, lächelte der breit und freundlich und freute sich wie ein Schuljunge – was mal wieder bewies, dass diese Band vor allem Show ist, und man weder Texte noch Biografie nicht zu ernst nehmen sollte.

Ähnlich ist es auch bei K.I.Z., die sich ja in der Rolle der Enfant Terribles der heimischen HipHop-Szene gefallen. Der provozierende Pimmel-Humor, der prollig-ironische Sexismus, das permanente Gefluche – eine Fassade, die einfach zu ihrem Konzept passt, das jedoch nix mit Kunst zu tun hat, sondern eher lautet: Kleine, große Jungs haben eine gute Zeit. Und die haben sie eben durch Fäkalhumor und der Freude, den Leuten ans Bein zu pissen. Aber man lässt sich doch zu gerne hinreißen, „Hölle, Hölle, Hurricane!“ zu skandieren oder, bevor man „Hurensohn“ anstimmt zu sagen: „Jetzt singen wir die deutsche Nationalhymne!“ Live funktionieren K.I.Z. auf einem Festival natürlich vorzüglich, was sich auch über Kraftklub sagen lässt, die die Kapazitäten der Red Stage an ihre Grenzen führte. Durch den schlauchartigen Zugang drängelte sich die Menge bis fast hin zur Blue Stage. Wer clever war, verließ das Gelände und guckte von der anderen Seite des Zaunes. „Gruß an die Zaungäste“, gab es dann von Sänger Felix, den man später noch wild tanzend auf der Terrasse vor unserer Rolling Stone-Lounge vorfand, wo er wild zu den Ärzten grölte, aber immer noch Zeit für ein Foto mit Fans hatte.

Auch die Shins bekamen, ähnlich wie die schon anfangs erwähnten Kettcar auf der Hauptbühne, auf der Blue Stage ihren Moment des Sonnenscheins, der laut bejubelt und von James Mercer perfekt beschallt wurde. Überhaupt schien der ja oft so schüchtern wirkende James Mercer guter Dinge zu sein. Oft lächelte er und scherzte: „Das Wetter hier erinnert uns ziemlich an unsere Heimat in Portland, Oregon. Und der Wald dahinten sieht aus, wie der Wald, in dem ich als Kind immer gespielt habe.“ Mercer hat bis zu seinem dritten Lebensjahr als Sohn eines G.I.s in Deutschland gewohnt – muss man wissen. Die zauberhafte Natasha von Bat For Lashes hatte auf der Red Stage leider nicht ganz so viel Publikum, wie ihre Stimme verdient hätte, ihre starke Ausdruckstanz-Performance tat das jedoch keinen Abbruch. Sie schlängelte sich zum Rhythmus ihrer geisterhaften Popsongs, sah dabei in ihrem Kleid fantastisch aus und schloß das Set mit ihrer traurigen Pophymne auf ihre erste Jugendliebe „Daniel“. Dass das dem Autor dieser Zeilen gefallen hat, dürfte bei einem Blick in die Autorenzeile klar sein.

The Temper Trap wärmten die Menge vor der Red Stage dann mit den ambitionierten Popsongs ihres gerade veröffentlichten Zweitwerks und natürlich mit „Love Lost“ und ähnlichem. Schönster Moment war, als die Securitys der Bühne plötzlich einen Clown verspeist hatten, sich gleichzeitig auf die Metalgitter stellten und die Menge dirigierten. Da dachte man: So muss man das machen mit dem Scheißwetter! Mit guter Laune dagegen halten!

Die Scheiß-Wetter/Super-Bands-Gleichung gab es dann zu den Headliner-Zeiten in seiner extremsten Ausprägung. Der Regen peitschte noch ein wenig fieser durch den stärker werdenden Wind und zu der eh schon schweren Frage, ob man sich nun die gute Abendunterhaltung der Ärzte abholt, den Nostalgie-Dance bei New Order mitmacht oder sich die wehmütigen Bläser von Beirut anschaut, kam noch das Angebot ein Elfmeterschießen der britischen Fußballmannschaft anzuschauen, was ja auch immer eine gewisse Dramatik mitbringt. Nun ja – wie das mit dem Elfmeterschießen ausgegangen ist, wird ja jeder mitbekommen haben. Ähnlich erwartbar, aber eben auch ähnlich mitreißend waren Die Ärzte. Die kamen mit 20 Minuten Verspätung auf die Bühne. Beziehungsweise, wie Farin klarstellte: „Wir standen hier auch frierend auf der Bühne. Aber es gab ein Problem. Ein Arschlochproblem. Ja, so kann man das nennen. Ein Arschlochproblem.“ Und Bela fügte hinzu: „Dafür lassen wir uns dann heute nicht vorschreiben, wann wir von der Bühne müssen!“ Und dann ging es schon los und die im Wind und Regen harrende Menge von Anfang bis Ende ab. „Hurra“ war da der perfekte Einstieg, selbst wenn die (Wetter-) „Wende“-Ausblieb. Das Set war dann die gewohnte Mischung aus neuen Songs, den Hits, Hits, Hits, einem Medley mit alten Quatschnummern und natürlich „Zu Spät“ im Zugabenteil. Schön war der kleine Diss gen Campino, als man bei „Arschloch“ die Zeile sang: „Du hast nie gelernt dich zu artikulieren / und selbst Campino hatte niemals für dich Zeit / Oh oh oh Arschloch“. Bela gab übrigens den Fanboy und spielte auf einem Drumkit, das mit dem Schriftzug von The Cure bedruckt war. Er hatte ja schon in unserem Interview gesagt (http://www.rollingstone.de/magazin/features/article290373/bela-b-von-die-aerzte-im-interview-kurz-vor-der-show-hoere-ich-bruellend-laut-musik.html): „Der Höhepunkt ist sicher, dass wir mit The Cure auf einem Festival spielen. Der Name meiner Band neben The Cure auf einem Festival-Shirt, ist für mich jetzt schon ein Höhepunkt des Jahres.“

New Order lieferten derweil auf der blauen Bühne ein Best of-Set, aufgehübscht mit satten Visuals, die aber auch nicht überspielen konnten, das „Hooky“, also Peter Hook, einfach eine Leerstehle hinterlassen hat, die der neue Basser nicht füllen kann. Er war stets bemüht, den so einzigartigen Bass-Sound hinzubekommen – aber man weiß ja, was diese Formulierung bedeutet. Konnte man aber dennoch drüber hinwegsehen, wenn man sich diesen Songs und ihrer mitschwingenden Bedeutung für die Popkultur einfach hingibt.

Der poetische Ausklang auf der Red Stage kam dann von Beirut, die zwar aufgrund der Soundüberschneidungen in den Songpausen die New Order Songs mitsingen konnten, wenn sie aber ihre Bläser erklingen ließen, war das alles vergessen und die paar Tausend Menschen, die sich dort zusammengefunden hatten, tanzten mit einer Hingabe zu den Balkan- und ja oft auch Walzer-inspirierten Bläsermelodien, dass es eine wahre Freude war. Da sah man schunkelnde Pärchen, eine Dame mit Kopftuch, die Salsa mit Balkan-Folk zusammentanzte, eine Mädchenriege, die verschiedene Choreographien ausprobierten und immer wieder sich zum wehmütigen Bläserklang wogende Hüften.

Tja, und dann war es auch schon vorbei mit dem Hurricane 2012 und man zieht den Hut vor all jenen, die sich nach dem letzten Gig noch in ihre hoffentlich nicht weggewehten, vermutlich aber nassen Zelte schleppen musste. Vielleicht halfen ihnen dabei ja auch ein paar Zeilen aus dem Kettcar-Song mit dem Satz, den man nicht sagen durfte: “ Und alles was ich brauche heut nacht / Eigentlich nicht viel / Nur einen Platz / Von dem aus ich / Deinen Schlaf beobachten kann / Das ist eigentlich nicht viel / Alles.“ Und das ist schließlich auch so, wenn der Platz eine feuchte Iso-Matte ist.

In diesem Sinne: Bis zum nächsten Jahr!