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Jenni Zylkas Typewriter: Blähublä

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Jenni Zylkas Typewriter: Blähublä

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Ein Suffix ist keine dem Alkohol zugeneigte Figur aus dem Gallier-Universum von Uderzo und Goscinny. Sondern eine Nachsilbe, die zusammen mit einem Wortstamm z. B. ein neues Substantiv ergibt. Beispiel: „Flüchtling“. Gebildet aus dem Wortstamm „Flucht“ und dem Suffix „-ling“, wobei „Flucht“ laut Duden „das unerlaubte und heimliche Verlassen eines Landes, Ortes“ oder auch „das Ausweichen aus einer als unangenehm empfundenen oder nicht zu bewältigenden (Lebens-)Situation“ bedeutet.

Vielleicht ist das schon ein Teil des Problems. Der Duden konnotiert somit „Flucht“ und subtil auch „Flüchtling“ mit den negativ besetzten Adjektiven „unerlaubt“ und „heimlich“. Auch die „als unangenehm empfundene Lebenssituation“ klingt fragwürdig. Denn wenn eine Situation nur „als unangenehm empfunden“ wird, so landläufige Stammtischmeinungen und Argumentesammler für mehr „sichere Herkunftsländer“, dann muss sie es ja noch lange nicht sein.

Die Briten haben es theoretisch besser: „Refugee“ wird aus dem Wort „refuge“, „Zuflucht“, gebildet, und das ist eine klare Aussage – der Duden definiert den Begriff mit „Ort, den man in der Not aufsucht, um Schutz, Hilfe zu bekommen; Sicherheit (für einen Verfolgten, in Not Geratenen)“. „Not“, „Verfolgung“, „Schutz“ und „Hilfe“ sind Stichwörter, gegen die kein Stammtisch anstinken kann, weil sie wuchtig von Kirchenkanzeln klingen, im Grundgesetz stehen und überhaupt bestens zur Selbstdefinition der Menschen passen. Die französische Sprache hat linguistisch einen Mittelweg aus den negativen deutschen und den positiven englischen Konnotationen gewählt: Der Flüchtling ist der „réfugié“, doch man ist „en fuite“, wenn man flüchtet –„fuite“ nennt man auch das „Leck“, aus dem etwas austritt.

Aber die Kacke dampft eh überall. Weder die refugees, die nach England wollen oder geschickt werden, noch die réfugiés im zögernden Frankreich noch die qua Definition „unerlaubt aus der als unangenehm empfundenen Situation“ geflüchteten Flüchtlinge in Deutschland sind willkommen. Stattdessen stecken mit dem Begriff „Asylkritiker“ nur notdürftig getarnte Nazis ihre Notunterkünfte in Brand und verlangen dann, dass die Flüchtlinge die Feuerwehr selbst anrufen, sie hätten ja schließlich iPhones. „Asylkritiker“ wiederum ist, genau wie „Asylgegner“, ein unzulässiger Begriff, der das Grundrecht auf Asyl zu einer Meinungsverschiedenheit zwischen Kritikern und Befürwortern herunterstuft – als ob es verhandelbar wäre wie die Diskussion um verkaufsoffene Sonntage oder die Anwendung von Psychopharmaka.

Was also tun? Flüchtlinge umbenennen in „Zufluchtsuchende“? In „Schützlinge“? In „designierte Freunde/Partner“, so wie das kleine, menschen- und feenfreundliche Island es vorschlug? Für jeden Flüchtling, der über die Grenze kommt, einen Nazi abgeben, wie es als Idee durch das Internet geistert? Mal einen Tag lang die ziemlich sicher „als unangenehm empfundenen“ Situationen in angeblich sicheren Herkunftsländern nachspielen, inklusive Minenfelder und Blutfehden, und die „Asylgegner“ einmal dort durchlaufen lassen?

Vielleicht ist es effektiver, sofort mit den Flüchtlingen zu arbeiten, als zu versuchen, die ungastlichen Gastgeber zu erziehen. Die viel diskutierten Sprachkurse, die die Ankommenden mit der deutschen Mundart vertraut machen müssen, ließen sich hervorragend auf die gegebenen Verhältnisse und Überzeugungen zuschneiden. Auf unangenehme genauso wie auf ungewohnte. Sogar mit den eingangs erwähnten Suffixen lassen sich zum Beispiel wunderbar Sätze bilden, durch die Flüchtlinge lernen, wo sie ihr Leben demnächst verbringen werden. Hier sind drei mögliche Beispiele für einen solchen Kurs:

  1. Petra ist lesbisch. Gemeinsam mit ihrer Freundin Susanne hat sie einen Sohn. Die Familie ist glücklich. (Adjektivierendes Suffix zum Wort „Glück“.)
  2. Fritz zündet ein Haus an. Dort sollen Menschen einziehen, die Fritz nicht kennt. Fritz ist ein Widerling. (Derivation von Eigenschaft „widerlich“ plus männliche Wortform.)
  3. Horst hat Angst, dass neue Haut- und Haarfarben sein (Bundes-)Land kaputtmachen. Horst ist ein Blähublä. (Bayerisch für „blöder Hund, blöder“. Kein Suffix, passt aber trotzdem gut.)
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