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Joan Baez im Interview: „Die Hymnen fehlen!“

Ihr glockenheller Sopran und ihre Interpretationen amerikanischen Liedguts sind unvergessen, für ihren unermüdlichen politischen Einsatz wurde sie bejubelt und belächelt,  ihre Liebesbeziehung zu Bob Dylan wird gerne als Tragödie dargestellt.

Die wohl bekannteste US-Folk-Sängerin Joan Baez blickt auf eine beachtliche Karriere und ein bewegtes Leben zurück.

Heute lebt die mittlerweile 70-Jährige zurückgezogen in Kalifornien, doch Ende Mai kommt die Grande-Dame des Folk für acht Konzerte nach Deutschland.

Ein Gespräch über Schuldgefühle, Therapiestunden und die Suche nach großen Songwritern.

Frau Baez, was darf man von ihrer kommenden Europa-Tournee erwarten?

Man darf mich, Joan Baez, erwarten! Man darf sich auf eine aufregende Mischung von Songs freuen, arrangiert mit einem Perkussionisten und einem wundervollen Musiker, der sieben Instrumente spielt. Und natürlich werde ich auch die alten Hits spielen, die alle hören möchten – niemand wird enttäuscht nach Hause gehen.

Haben Sie je daran gedacht „elektrisch“ zu spielen – als es modern wurde?

Nein, ich würde doch lächerlich klingen mit einer Rock’n’Roll Band im Rücken. Obwohl, ein wenig habe ich mich ja auf eine Modernisierung eingelassen – immerhin habe ich jetzt zwei Musiker auf der Bühne; die meiste Zeit meiner Karriere war ich ja ganz allein mit meiner Gitarre.

Sie litten früher unter fürchterlichem Lampenfieber, wie haben sie diese Ängste in den Griff bekommen?

Oh ja, ich hatte vor allen möglichen Dingen Angst. Ich weiß, in Europa ist das verpönt, aber es gibt nur eine einzige Möglichkeit – Therapie. Es hat mir geholfen und es hat Jahre gedauert.

Man nennt sie auch „die Stimme und das Gewissen der 60er“. Fühlen sie sich, trotz ihrer 50-jährigen Karriere, auf diese Zeit reduziert?

Naja, es gibt schlimmere Titel! Die Antwort ist einfach: Wenn ich nur als Legende abgestempelt werde, nervt mich das. Werde ich mit jener Zeit in Verbindung gebracht, aber trotzdem als lebendige, frische Künstlerin wahrgenommen und respektiert, ist es in Ordnung.

Was sagen sie jungen Leuten, die die 60er idealisieren?

Ich verstehe es zum Teil; es war ja auch eine tolle Zeit. Aber ein 18-jähriger Junge romantisiert die Mode, die Musik und vergisst dabei die Kehrseite der Medaille. Es gab beispielsweise die Wehrpflicht, und wenn dann das Telefon bei den jungen Männern klingelte, ging es auf nach Vietnam. Da konnten Musik und Mode sie auch nicht retten!

Den größten Teil ihres Vermögens haben sie stets gespendet. Standen ihr Engagement für eine bessere Welt und ihr privilegiertes Leben als wohlhabende Sängerin nicht im Gegensatz zueinander?

Ja, am Anfang konnte ich damit gar nicht umgehen. Ich habe mich geschämt und mich eine Zeit lang geweigert mit der Limousine zu Konzerten zu fahren. Eines Tages wurde ich dann mit einem alten, schäbigen Truck abgeholt. Das passte mir dann aber auch wieder nicht und ich rief verzweifelt: „Bringt mir meine Limo zurück!“

Es gibt derzeit viele junge Folkmusiker – allerdings ist dieser „Neo-Folk“ selten politisch. Ist es out Politik und Musik zu verbinden?

Vielleicht gibt es einfach zu viele politische Baustellen heutzutage. Die jungen Leute wissen ja gar nicht mehr wofür sie sich einsetzen sollen, weil überall alles schief läuft. Ich denke sie sind verwirrt und überfordert und sagen deshalb lieber gar nichts. Aber politisch interessiert sind die jungen Menschen durchaus noch – bei der Occupy-Bewegung zum Beispiel hat man nach unterstützenden Songs gesucht – aber die Hymnen fehlen. Ich frage mich dann immer: Wo bleibt ein „Imagine“ oder ein „Blowing In The Wind“?

Haben die jungen Künstler heutzutage weniger Talent?

Mir gefällt die Musik oft gut, allerdings lassen die Texte zu wünschen übrig. Viele Songwriter haben gute Absichten – aber ich würde schon sagen, dass das Talent fehlt. Es ist eine hohe Kunst einen guten politischen Song zu schreiben und ein Lennon oder Dylan kommt halt nicht alle zehn Jahre um die Ecke.

Ihre Beziehung mit Bob Dylan ging in die Brüche, sie haben trotzdem nie aufgehört seine Lieder zu singen. Wie konnten sie zwischen Dylan – dem Mann und Dylan – dem Musiker unterscheiden?

Ganz einfach; die Songs waren zu gut, um sie zu ignorieren. Ich konnte solche Songs dem Publikum nicht vorenthalten – auch wenn es noch so weh tat.

Die Arbeit als politische Aktivistin ist zeitaufwändig und oft auch gefährlich. So haben sie zum Beispiel Weihnachten ’72 in einem Bunker mitten im Vietnamkrieg verbracht. Wie konnten sie solche Aktionen mit ihrer Verantwortung als Mutter vereinbaren?

Ich wurde oft von Schuldgefühlen gegenüber meinem Sohn geplagt und ich weiß auch, dass er mir oft stille Vorwürfe machte. Aber als Gabriel ungefähr 30 Jahre alt war, sagte er zu mir: „Mama, niemand hätte zu der Zeit das tun können was du getan hast. Hör auf dich schuldig zu fühlen!“ Mir fiel ein großer Stein vom Herzen, aber seine Ansicht kam nicht von heute auf morgen – auch hier hat uns ein Familientherapeut geholfen.

Aktuell verbringen sie viel Zeit mit ihrer Familie – holen sie verlorene Momente nach?

Ja, ich genieße diesen Lebensabschnitt sehr. Gerade haben wir eine wunderschöne Geburtstagsparty meiner Mutter „Big Joan“ gefeiert – sie wurde 99! Ich engagiere mich nicht mehr so aktiv in politischen Angelegenheiten und möchte nicht mehr ständig reisen. Aber wenn es ein Projekt gäbe, wo genau ich den Unterschied machen würde – dann wäre ich immer dabei.

Stimmt es, dass sie nachts in einem Baumhaus übernachten?

Ja, das stimmt tatsächlich! Ich möchte so viel Zeit wie möglich in der Natur verbringen. Die Sterne wünschen mir eine gute Nacht und die Vögel einen guten Morgen.

An Evening with Joan Baez – präsentiert von ROLLING STONE:

31.05.2012 Fulda, Esperantohalle

02.06.2012 Köln, Philharmonie

03.06.2012 Frankfurt, Jahrhunderthalle

05.06.2012 Salem, Schloss

07.06.2012 Dresden, Junge Garde

08.06.2012 Benediktbeuern, Kloster

10.06.2012 Stuttgart, Freilichtbühne

11.06.2012 München, Philharmonie

12.07.2012 Nürnberg, Park des Bayerischen Rundfunks

13.07.2012 Mannheim, Rosengarten Mozartsaal


„Suspiria“-Regisseur Luca Guadagnino will Bob Dylans „Blood on the Tracks“ verfilmen

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