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K’naan: „Wavin‘ Flag“. Die Metarmorphosen einer WM-Hymne.


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Nun, wo „Wavin‘ Flag“ offiziell als CD-Single veröffentlich wurde, wird man diesem Lied noch weniger entkommen können. Schon seit ein paar Wochen flimmert es mehrere Dutzend mal täglich über den Bildschirm, bald wird man es in den Vorberichten zur Fußballweltmeisterschaft hören, man wird es vor, auf und nach der WM-Eröffnung hören, man wird es vor, während und nach den Spielen hören, und wenn der Song auch bei den Fußball- und Musikfans ankommt, wird man ihn vielleicht sogar in den Stadion hören, von den Tribünen wehend, „just like a waving flag“ – und dann alle so: „oooohoooohoooohoooo“. Im Idealfall sieht das dann so aus:

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Der Song „Wavin‘ Flag“ des somalischstämmigen Kanadiers K’naan ist mal ausnahmsweise eine WM-Hymne, die einen tatsächlich packen kann, die zwar auch an niedere Mitgröhlinstinkte appelliert, aber dies auf eine Weise tut, die Ligen über dem typisch dummdeutschen Beiträgen von Sportfreunden, Revolerhelden und Pocher-Pennern spielt. Zudem hat der Song nicht nur diese eine Geschichte, die ihn sicherlich endgültig in die Musikgeschichte spielen wird, nein, neben seiner WM-Funktion existierte er schon vorher in zwei Versionen, die beide für Aufsehen sorgten – und im direkten Vergleich eigentilch die interessanteren sind.

Schon die Ursprungsversion chartete in seinem Heimatland Kanada auf Platz eins. Und das obwohl „Wavin‘ Flag“ in der Version, die auf dem unlängst erschienenen zweiten Album „Troubadour“ zu finden ist, ein Schwanken zwischen Grimmigkeit und Hoffnung ist und mit harten Textzeilen wie diesen daher kommt: „So many wars, settling scores / Bringing us promises, leaving us poor / I heard them say, love is the way / Love is the answer, that’s what they say, / But look how they treat us, make us believers / We fight their battles, then they deceive us / Try to control us, they couldn’t hold us / Cause we just move forward like Buffalo Soldiers / But we struggling, fighting to eat / And we wondering, when we’ll be free / So we patiently wait, for that faithful day / It’s not far away, but for now we say.“ Es braucht nicht viel Phantasie um darin eine Anklage der Ausbeutung von K’naans Heimatkontinent zu lesen. Oder gar – im heutigen Kontext – Parallelen zu den oft kritisierten Geschäftspraktiken der Fifa hereinzuinterpretieren.

Für eine Kampagne zur Haiti-Hilfe erfuhr der Song dann seinen zweiten Höhenflug, als K’naan ihn gemeinsam mit Avril Lavigne, Nelly Furtado, Sum 41, Simple Plan und anderen kanadischen Künstlern mit neuen Lyrics versah.

Und nun eben der sogenannte „Coca-Cola Celebration Mix“, der die politische Komponente des Songs eintauscht gegen einen nationenübergreifenden Spirit, den man sich von der Weltmeisterschaft in Südafrika erhofft. Vom „struggling“ und vom „fighting to eat“ hört man nichts mehr, stattdessen geht es um das „beautiful game“ und dessen ja tatsächlich im Ideallfall vorhandenes Gemeinschaftsgefühl, das es auslösen kann.

K’naan selbst ist sich durchaus bewusst, was er da tut. Und – das konnte man unlängst bei einem exklusiven Konzert in der Bar Tausend in Berlin sehen – er will nicht auf diese Hymne reduziert werden. In Anwesenheit zahlreicher Werbeagentursangestellten, die für Coca-Cola tätig sind, lieferte er eben nicht den „Celebration Mix“, sondern zunächst eine komplett neue Version, mit improvisierten Lyrics, die seine Immigrationsgeschichte erzählten. Vom Weggang des Vaters aus Somalia, von seiner Mutter, die die Kinder alleine aufzog, von ihrem Kampf um ein Reisevisum gen New York zum Vater, von der Reise nach dort, den ersten Jahren in Harlem, der Flucht nach Kanada, als die Einwanderungsbehörde Ärger machte.

Im Interview einen Tag später, erklärte er dann, wie er die Sache sieht: „Für mich ist es eine große Chance, und ich mag die neue Version, mit den Trommeln, den Chören, dieser umarmenden Wirkung, die der Song hat. Ich habe mich schon immer als einen Mittler zwischen den verschiedenen Welten gesehen. Und dieses Lied wird mich und meine Geschichten sicher vielen Menschen näher bringen. Es wird nicht allen so ergehen, aber der ein oder andere wird sicher wissen wollen, wer ich bin, wo ich herkomme – und was ich zu erzählen habe.“ Die Tatsache, dass ihm treue Fans Rückgratlosigkeit unterstellen könnten, spricht er nicht direkt an.

Man kauft ihm seine Sicht als „Mittler“ oder als Künstler, der eben Pop und Politik kann – gerade beim Hören von „Troubadour“ – ab, weil nämlich auch seine Musik ganz offensichtlich so funktioniert: Er kann massentaugliche Pop-Songs schreiben, wie „Bang Bang“ (bei dem, Gott bewahre, Maroon 5-Sänger Adam Levine mit singt), beherrscht souveränen Dicke-Eier-Crossover-Rap wie „If Rap Gets Jealous“ (bei dem Kirk Hammett Gitarrenriffs beisteuert), aber er hat auch Hochpolitisches im Angebot, wie z. B. den Song „Somalia“, den er momentan als Free Download anbietet (siehe unten) und der versucht, die durch all die Piratendramen und Bürgerkriegsbilder aus Mogadischu verzerrte Sicht auf sein Geburtsland zu korrigieren.

Und K’naan besitzt auch die Chuzpe auf der zur WM erscheinenden „Champion Edition“ neben der neuen „Wavin‘ Flag“-Version noch einen weiteren Bonustrack zu liefern: „Does It Really Matter?“ Ein munteres „Fuck You!“ an die Reißbrettkarrieren der Mainstream-Popwelt: „They say it wont be long, keep on singing your song / But ayo you need a single, single to make a mingle / Something that’s kinda simple, I’d hate to call it jingle / A single is a missile, takes you right to the middle of 106 and park and maybe Jimmy Kimmel / You’ll need somebody famous co-signing for your anus / Who you got on the album I don’t see where the name is / But I do it my own way I do it my own way I do, if you do what you do your own way you could be famous too.“

Eigentlich ein schönes Schlusswort für diese epischen Ausführungen über einen Künstler, über den bald die ganze Welt reden wird. Ab heute ist „Wavin‘ Flag“ offiziell als 2-Track-Maxi erhältlich. Zahllose Internetblogs nannten den Song auch bereits „offizielle Fifa-Hymne“, was allerdings nicht zu stimmen scheint, da Shakira nun anscheinend mit „Waka Waka (This Is Africa)“ die offizielle Hmyne stellt.

Daniel Koch


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