Lisa Hannigan im Interview


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Wir stellten die Dame schon im September unter nseren Artist to Watch vor, und sie begeisterte uns bereits auf dem Eurosonic / Noorderslag Festival in Groningen.

Aufmerksame Ohren dürften diese Stimme bereits von Platten und Konzerten des irischen Sängers und Songschreibers Damien Rice kennen. Es ist das liebliche, raue Organ der 30-jährigen Lisa Hannigan, die Rice von Anfang seiner Karriere bis 2007 als Backgroundsängerin unterstützte. Hannigan lernte Rice, der damals noch in der Band Juniper sang, während ihres ersten Studienjahrs auf dem Trinity College kennen. Nachdem er sich von Juniper getrennt hatte, fragte er sie, ob sie nicht bei einigen seiner Songs singen wollte.

Das Kapitel Damien Rice ist nun seit seiner Tour im Jahr 2007 beendet – nach einem Streit trennten sich die Wege der Musiker und Hannigan kehrte in die irische Heimat zurück, um an ihrer Solokarriere zu feilen. „Sobald ich auf mich allein gestellt war“, erklärt Hannigan, „wusste ich, dass es an der Zeit war, an dem Album zu arbeiten, über das ich schon Jahre nachgedacht habe.“

Aus diesen Gedanken wurde schließlich das Album „Sea Sew„, das 2008 in Irland, Großbritannien und den USA veröffentlicht wurde. Auf ihrem Debüt schwelgt die Irin in nostalgischer Melancholie und bedient sich bei irisch-schottischen Liedtraditionen und ihren Vorbildern Joni Mitchell, Nina Simone und Janis Joplin. Die zarten Melodien würzt die Hannigan mit witzigen, metaphorischen Songtexten.

Nicht weniger schön, aber um einiges optimistischer klingt ihr zweites Album „Passenger„, das im Frühjahr 2012 bei uns in Deutschland herauskommen wird, schon jetzt aber auch via Import erhältlich ist. Noch immer spielen Ukuleke, Gitarre und Klavier die erste Geige, während Streicher-, Bläser- und Harmoniumklänge sanft im Hintergrund arrangiert sind, und Lisa Hannigan mit ihrer rauen Stimme ihre eloquenten Wortspielchen vorträgt. So gibt es das gutgelaunt-schlichte „What’ll I Do“, das von einem steten Wechselspiel aus Ukulele und Bass-Drum lebt und auch das fast episch arrangierte „Home“, das sich mit stampfenden Klavieren und klagenden Trompeten aufbauscht. Nicht zu vergessen die Singles „Little Bird“ – eine wunderschön tragende aber keineswegs kitschige Ballarde – und „Knots“ – ein fröhlicher und lebhafter Popsong, die auch noch originelle und sehr gelungene Musikvideos haben.


Du bist ja schon in deinen jungen Jahren viel gereist – heißt dein Album deswegen „Passenger“?

Teils, teils. Ich hab die meisten Songs geschrieben, als ich mit „Sea Sew“ auf Tour war und ich glaube, dass das Album ein Ergebnis meiner Grübeleien war.  Ich habe viel darüber nachgedacht, dass man so viel mitnimmt, egal wohin: Vorurteile, gebrochene Herzen, Freundschaften und Liebschaften. Außerdem bekommt man diese ganz bestimmte Nostalgie, die man – wie ich denke – nur empfindet, wenn man nicht zu Hause ist.

Was hat dir bei der Produktion von „Passenger“ am meisten bedeutet?

Ehrlich gesagt, ich fand alle Elemente sehr erfüllend – das Songschreiben, die Aufnahmen und das Abmischen im Studio und jetzt auch das Spielen der Songs auf Konzerten. Das tolle am Produzieren eines Albums ist, dass alles in Zyklen geschieht. Nach jahrelangem Touren und Reisen habe ich den Komfort eines Heims sehr vermisst und das Schreiben, Arrangieren und Abmischen von „Passenger“ hat mir diesen Komfort ermöglicht. Nach einem Jahr zu Hause jedoch vermisse ich das Reisen und die Konzerte – was ich dann tun kann, wenn ich mein Album fertig gestellt hab. Die Aufnahmen von „Passenger“ hat nur eine Woche gedauert, aber für mich war es eine der besten Wochen des Jahres!

Welche Atmosphäre wolltest du mit deinen Songs kreieren?

Ich denke, wir wollten dem Hörer das Gefühl geben, mit uns in einem Raum zu sein, in der Mitte des Spektakels. Die einzelnen Songs haben viele verschiedenen Klangfarben, aber dadurch, dass das Album so schnell aufgenommen wurde und nur an diesem einen Ort, hängt es vom Klang her zusammen.

Erzählst du mit deinen Texten fiktive Geschichten?

Nun ja, meine Songs sind eigentlich alle autobiografisch. Manche sind allerdings mehr von meiner Fantasie und Fiktion durchzogen als andere.

Gab es in deinem Leben einen Schlüsselmoment, in dem dir bewusst wurde, dass du Musikerin werden willst?

Ich kann mich nicht an einen Augenblick erinnern, an dem ich keine Sängerin sein wollte. Schon als Kind habe ich immer Songs über das Haus erfunden, in dem ich lebte. Ich erinnere mich noch ziemlich lebhaft an eine Zeit, in der ich Janet Jackson sein wollte.

Zu den Singles von „Passenger“ hast du sehr simple, aber auch sehr unterhaltsame Musikvideos gedreht. Wie schwer war es für dich, mit Farbe vollgespritzt zu werden oder vier Minuten unter Wasser zu bleiben?

Es hat so viel Spaß gemacht! Ich erinnere mich, als die Farbe mir zum ersten Mal ins Gesicht spritzte, dachte ich: ‚Oh, Moment mal…‘ Aber mir war bewusst, dass wir nur einen Take hatten und musste da einfach durch. Ich wollte dieses wunderschöne Kleid nicht umsonst ruiniert haben! Bei „Little Bird“ musste ich vorher viel trainieren und lernen mich zu entspannen und nicht panisch zu werden. Beide sind im Endeffekt wunderschön geworden, also waren sie es wert!

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Wenn du dir einen Künstler oder eine Band aussuchen könnest, mit der du auf Tour gehen könntest – wer wäre das?

Oh, da gibt es so viele! Ich hätte so gerne in der Ära von The Band, Janis Joplin und Patti Smith gelebt, das wäre unglaublich gewesen. Oh, wir hätten zusammen Fernseher aus Fenstern geschmissen! Heutzutage wären es dann wohl eher Wilco, Elbow, The National… Ich liebe es auf Tour zu sein.

Welches Geräusch hörst du am liebsten?

Tatsächlich liebe ich den Klang meines Harmoniums. Es klingt so satt und traurig und nostalgisch. Außerdem mag ich den Klang, wenn man Kartoffelchips in ein Sandwich bröselt.

Wenn du dir für deine Musik ein Genre aussuchen müsstest, wie würdest du es nennen?

Man sollte sich nie ein Genre ausdenken, da es dann für immer an der Musik hängen bleibt, ob es nun stimmt oder nicht!

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Wie sehen deine nächsten Schritte aus?

Hoffentlich werde ich „Passenger“ auf der ganzen Welt veröffentlichen und mit etwas Glück auch eine Tour durch die ganze Welt machen. Ich habe außerdem eine Menge Ideen für neue Videos, die ich unbedingt verwirklichen muss.

Wo siehst du dich in – sagen wir mal – zwei Jahren?

Hoffentlich bin ich gerade mit meiner Welttournee fertig und fange mit der Arbeit an meinem nächsten Album an.

Was würdest du niemals machen um deine Karriere nach vorne zu bringen?

Darüber mache ich mir keine Gedanken. Ich will einfach nur meine Musik, Videos und das Artwork und die Poster dazu selbst gestalten können, und dann geht’s mir gut.

Kennst du unbekannte Künstler oder Bands, die wir unbedingt im Auge behalten sollten?

Es gibt einen wunderbaren Dubliner Sänger und Songwriter namens Rhob Cunningham. Er ist schlichtweg brillant. Außerdem aus Dublin: Die Band Ambience Affair, die sind auch genial.

Und hier noch ein Clip von Ambience Affair: