Lissi: California Country Girl


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Aus Lissie könnte noch alles werden. Theoretisch. Es gibt auch schon sexy Fotos, na gut, nicht richtig sexy, eher: sinnlich, dotterblond, wie ein Girl mit Film-Ambition. Andere Möglichkeit: Lissie als feine Prinzessin aus Laurel Canyon, womöglich mit dem breiten Hut von Stevie Nicks und einer Sonnenbrille mit Kokainrand. Ein eso-feministisches Rock chick könnte sie auch sein, mit Liedern über den Unterleib der Erde, eigenem Label und Auftritt beim „Lilith Fair“-Festival.

Selbst sieht Lissie Maurus, 27, sich als sommersprossiges Naturmädchen, das – wie auf dem Foto in ihrem Plattencover – im Kleid durch die Wiese vor den kalifornischen Bergen läuft und danach – das muss man sich vorstellen – mit von Disteln zerstochenen Beinen bei einer schönen Stubenmusik sitzt und Lieder aus den Appalachen singt. „Das Ländliche hat mich immer am meisten angezogen“, sagt sie strahlend. „Ich bin in Illinois aufgewachsen, am Mississippi-Ufer. Ich fühle mich wohl, wenn nichts los ist.“

Vor dem plötzlichen Ruhm als Singer-Songwriterin musste sie noch nicht flüchten, denn der kommt erst jetzt so langsam. Von L.A., wo sie die eigene Karriere in den letzten Jahren anschieben konnte (unter anderem war sie Support-Act von Lenny Kravitz und mit einem Song in einigen großen TV-Serien vertreten), zog sie nun trotzdem ins weit vor den Stadttoren liegende Ojai, hat dort ihre Ruhe, backt Kuchen und nahm sogar an einem Chili-Kochwettbewerb teil, bei dem sie leider nichts gewann. Schnell mal zurück nach Hollywood kann Lissie ja jederzeit – wo der Bedarf an authentisch riechenden Entertainern immer größer wird, wie sie sagt: „Die albernen Countrystars mit den gefärbten Haaren will keiner mehr. Immer mehr junge Leute auf der Melrose hören Mumford & Sons und Avett Brothers, tragen statt Skinny-Jeans Flanellhemden und strähnige Mähnen.“

Naturverbundene Aufmüpfige, wie Lissie selbst, die als Kind in Musicals spielte, von Freundinnen „Ladonna“ genannt wurde, aber von der Schule flog, weil sie einem Lehrer ins Gesicht gespuckt hatte.

Ihr Album „Catching A Tiger“ klingt nicht rebellisch, dafür wie die Summe aus allen besagten California-Frauentypen. Die Schöne aus dem Heuschober, mit Glamour-Ehrgeiz und großer Rockzehe. Und Liebeskummer, der vielleicht dem Typen gilt, von dem sie beiläufig erzählt: Es habe ihrer Kar-riere sehr geholfen, sich von ihm zu trennen. „I will go gently/ Your arms around me/ You’ll be my man“, singt Lissie glockenklar – und meint doch nur den alten Papa Mississippi.
Joachim Hentschel