Marteria: „Wenn 50 Prozent Arschlöcher sind, denk an die anderen 50“

Der Rapper spricht über Hartz IV und die AfD, seinen Sohn, sein neues Album und neue Ängste

Foto: Lukas Baumgaertel. All rights reserved.
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Berlin-Pankow, eine ruhige Straße, Bänke, Blumentöpfe. Versteckt in einem Hinterhof fährt man mit dem Aufzug ganz nach oben und landet in einem der renommiertesten Studios Deutschlands, bei den Krauts: Goldplatten, Superhelden-Figuren, alte Tongeräte, Vintage-Schallplatten. Seeed waren hier, Peter Fox’ letztes Album entstand hier – und auch Marterias Platten.

Marten Laciny, so heißt der Rostocker mit bürgerlichem Namen, prägt seit mehr als einer Dekade den deutschen Rap. Mit Songs wie „Lila Wolken“ und „OMG!“ öffnete er das Genre, weg von Battlerap und Straßenrealismus, hin zu persönlicheren, poetischeren Lyrics.

Er kommt gerade aus Asien, braungebrannt. Kein Handschlag, eine feste Umarmung. „Lass uns noch eine rauchen, dann können wir loslegen.“ Gerade läuft die Promophase an. Interviewtermine, Social-Media-Postings. Marten macht das alles und redet gleichzeitig davon, wie sehr es ihn nervt. „Zu viel Marketing, das nicht mehr von den Künstlern entschieden wird.“ Entscheidungen treffe er nach Gefühl, nicht nach Strategie. „Es ist ja kein Marketing, es ist Musik.“

Sechs Jahre Hartz IV, was wir gegessen haben, das kann man keinem erzählen

Nicht anders bei seinem neuen Album. „Dritte Teile sind immer scheiße“, sagt Marten und verweist auf den Western-Teil von „Zurück in die Zukunft III.“, den Film, an den der Titel seiner Trilogie angelehnt ist. Einen dritten Teil wollte er nie machen. Doch irgendwann hatte Marteria einfach genug Songs, die zusammen- und in den Kontext der beiden Vorgängeralben passten.

„Zum Glück in die Zukunft III“ entstand quasi rückwärts. Am deutlichsten zeigt sich das in einer persönlichen Trilogie: den Songs über seinen Sohn. Es beginnt 2010 mit „Louis“, ein Lied über einen Vater, der einen Preis für seine Karriere bezahlt, den der ständigen Abwesenheit. Vier Jahre später „Gleich kommt Louis“, ein Song, den Marten im Krankenhaus schrieb, kurz bevor sein Sohn zur Welt kam. Und jetzt – rappt Louis, Künstlername Luzey, selbst. „Platz für uns beide“ heißt der gemeinsame Track und ist das einzige Feature auf dem neuen Album: „Good time daddy, aber Mama war auch im Winter da.“

„Ich find’s super“, kommentiert Marten. „Ich hätte genauso geschrieben, wenn ich er wäre.“

Der harte Weg nach oben

Dabei war der Anfang für Marteria nicht leicht. Nebenbei jobbte er als Party-MC im Matrix, einer der berüchtigten Berliner Großraumdiscos. Arafat und Bushido standen damals auf der Gästeliste. Er selbst verdiente 80 Euro die Nacht, mit erfundener Steuernummer und einem einzigen echten Skill: einer Speedrap-Strophe von Busta Rhymes, die er sich für den HipHop-Floor zurechtgelegt hatte. „Ich war kein guter Host. Aber es brachte ein bisschen Kohle“, erzählt er lachend. Davon leben konnte er nicht.

„Sechs Jahre Hartz IV, drei Wohnungen in Berlin verloren. Was wir gegessen haben, das kann man keinem erzählen“, erinnert sich Marten.

Vom Jobcenter in die Columbiahalle

Beim Jobcenter Mitte war eine Frau für ihn zuständig, Frau Frecke. „Ich habe gesagt: Ey, ich will Mucke machen.“ Sie hätte vieles sagen können, doch sie unterstützte ihn: „Zieh durch!“ Er spielte Konzerte vor einer Handvoll Menschen. Einmal in Halle an der Saale vor genau einem Gast. Der Veranstalter war sauer. Marteria spielte trotzdem. „Du hast nur negative Scheiße, kaum Lichtblicke, mal irgendwie eine gute Review in der Juice oder so. Jeden zweiten Tag eine Absage.“ Und dann: „Auf einmal kommt dieser Bamm-Moment, wo es klappt.“

Rapkultur war immer auch eine sehr politische Kultur

Jahre später steht er auf der Bühne der Columbiahalle. 3500 Besucher. Ausverkauft. Er schaut nach oben auf den Rang. Dort sitzt seine Mutter. Und neben ihr: Frau Frecke mit ihrer Familie. „Manchmal brauchst du einfach solche Leute in deinem Leben“, sagt Marteria. Anfangs sei es ihm um Anerkennung gegangen. Heute sei es die Musik selbst, die Kunst und Kreativität. Aber heute, glaubt er, sei ein Großteil der aktuellen Popkultur ziemlich belanglos.

„Pop- oder Rapkultur waren immer eine sehr politische Kultur“, erklärt Marten. Das sei verloren gegangen. Auf seinem Album erzählt er auch politische Geschichten: „Captain Europa“ ist ein Superheld, der allein vor einem Wasserwerfer steht. Oder „Babylonia“, entstanden auf Koh Phangan, als israelische Soldaten am Strand feierten und er wusste, wo sie herkamen. „Ich bin im Endeffekt ja auch ein Journalist. Ich beobachte die Welt und übersetze es in Reime.“

Das Album spiegelt seine Beobachtungen der Welt, aber auch seines eigenen Lebens. „Das ist meine Therapie“, sagt er. „Das ist meine Art, mit diesem Leben irgendwie klarzukommen.“ Der Song (und Single) „Sad Holiday“ handelt von einer Trennung im Urlaub, einer, die ihm selbst passiert ist. „Man hat noch diese eine geile Nacht, aber du weißt, es ist eigentlich schon alles zu spät“, sagt er. Im Song rappt Marteria: „Das‘ kein Holiday-Trip, das ist einma‘ Hölle und zurück“. Unwillkürlich denkt man an Martens kurzzeitige Festnahme vor drei Jahren in den USA wegen des Vorwurfs der häuslichen Gewalt. Das Verfahren war kurz darauf ohne Anklage eingestellt worden, und Marten möchte sich heute nicht mehr dazu äußern.

Die Angst geht um

Die Welt hat sich seit dem letzten „Zum Glück in die Zukunft“-Album verschoben. Nicht plötzlich, eher schleichend, aber spürbar. „Angst ist gerade der King dieser Welt“, sagt Marten. „Da gehen die ganzen Pfeile hin.“

Marterias Zustandsbeschreibung. Die Grundspannung sei größer geworden, die Reizbarkeit sowieso. Gespräche kippen schneller, Positionen verhärten sich schneller. Und manchmal werden die Gespräche gar nicht erst geführt. „Dass man gar keinen Bock hat, über Dinge zu sprechen, weil du überall Angst hast, irgendwo anzuecken.“

Das zeigt sich nicht nur in großen Debatten, sondern im Kleinen, im Privaten. An Weihnachten zum Beispiel, wenn nach ein paar Obstlern die politischen Gespräche losgehen und plötzlich mehr auf dem Spiel steht als nur ein Streit am Esstisch. Familien driften auseinander, manchmal dauerhaft. Bei ihm selbst auch. Seine Mutter spricht nicht mehr mit ihrem Bruder. „Die Menschen zerfleischen sich gerade, weil sie so viel Angst und Sorge haben, ihre Position in dieser Welt zu finden.“

Was Marten beschreibt, ist ein Klima der Unsicherheit, in dem schnell Abgrenzung entsteht. „In Ostdeutschland sind es 40 Prozent, nicht vier. Man kommt da nicht drum herum, die zu kennen. Die reflektieren das gar nicht wirklich, die machen dann einfach so ein AfD-Kreuzchen“, sagt Marten und holt kurz Luft. „Das ist wie ein Dreamcatcher, der fängt einfach die Ängste der Leute.“

Die Lehren aus Lichtenhagen

Er kommt, wie gesagt, aus Rostock. 1992 hatte ein Mob aus Tausenden Menschen tagelang ein Asylbewerberheim in Lichtenhagen belagert, Molotowcocktails geworfen, während Anwohner applaudierten und die Polizei versagte. Bilder, die eine ganze Generation geprägt haben. Marten war damals zehn Jahre alt. Oft habe er in seiner Schulzeit aufs Maul bekommen, weil Kids aus Vietnam oder der Ukraine neu in seine Klasse gekommen waren und er sich vor sie stellte. „Wenn irgendeiner irgendeinen anpisst, weil er irgendwo anders herkommt oder anders aussieht, dann pisst er ja auch mich an. Ich verteidige, was ich liebe. Das lasse ich mir nicht kaputtmachen.“

AfD ist wie ein Dreamcatcher, die fängt einfach die Ängste der Leute ein

Sein Gegenentwurf zur Angst: Sich auf das Gute konzentrieren, auf Gemeinsamkeiten statt auf Unterschiede. „Lass uns die geilen Sachen finden, lass uns die Gemeinsamkeiten finden. Das vergessen viele.“ Auch er selbst überlege manchmal – auswandern, wegziehen, einfach raus. „Nee, kein Bock. Ich will, dass es hier wieder geil wird. Wenn 50 Prozent Arschlöcher sind, dann denk an die anderen 50 Prozent. Und auch daran, dass man selbst nicht immer auf der richtigen Seite steht.“

Draußen fahren S-Bahnen vorbei. Drinnen sprechen wir über seinen Albumtitel. Der lasse sich auf zwei Arten lesen, erklärt Marten: Man will in der Zukunft Glück haben. Oder: Zum Glück gibt es überhaupt eine Zukunft. „Es ist alles so dark gerade“, sagt er. „Aber wir leben das krasseste Leben. Frei durch Berlin rennen, Uber fahren von Club zu Club und essen was wir wollen.“

Irgendwo in Berlin lebt Frau Frecke, die sich das vielleicht ungefähr so vorgestellt hat, als der junge Typ aus Rostock vor ihr im Jobcenter saß und sagte, er wolle Mucke machen.

Wie Marten heute auf diese Zeit blickt, warum er sich freiwillig zur Bundeswehr gemeldet hat und welche unerzählten Geschichten hinter Songs wie „Lila Wolken“ und „OMG!“ noch stecken, erzählt er im großen Video-Interview – ab Mittwoch auf dem ROLLING STONE-YouTube-Channel.

 

Lukas Baumgaertel
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