Matt Johnson von The The: „Cancel Culture ist wie Faschismus“


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Schön zu hören, dass es Ihnen wieder gut geht! Auf Ihren letzten privaten Fotos auf Facebook waren Sie im Krankenbett zu sehen – eine Racheninfektion hätte Ihnen fast das Leben gekostet.
Ja, das war eine ernste Angelegenheit. Das Timing war sehr unglücklich. Als ich ins Krankenhaus kam, hatten die Ärzte alle Hände voll zu tun mit Covid-Patienten – es war eine Hochphase der Pandemie, Frühjahr 2020. I had a close shave with the grim reaper. Ich kämpfte um mein Leben, oder eher: Die Ärzte kämpften um mein Leben. Der Hals musste aufgeschnitten werden. Und ich hatte Angst, nach der Operation nie wieder singen zu können.

Umso besser, dass Sie wieder da sind. Mit „The Comeback Special“ veröffentlichen Sie einen Live-Mitschnitt von 2018 aus der Londoner Royal Albert Hall, von ihrer ersten Tour seit 2003. Songs wie „Global Eyes“ oder „Sweet Bird of Truth“ sind noch immer aktuell: Kritik an der Globalisierung und an militärischen Interventionen im Nahen Osten.
Sie sind noch deshalb aktuell, weil sich das Wesen eines jeden Menschen nicht allzu sehr verändert. Der Mensch tut sich schwer seine Haltung zu ändern, und in meinem Fall finde ich das auch ganz gut. Geld, Krieg, Politik Religion, Liebe, Sex und Tod, alles bleibt gleich. Das Einzige, was sich ändert, ist die Technologie. Unsere Ängste, Hoffnungen, Träume stellen sich dem entgegen – sie haben sich auch nie verändert. Warum bleibt das alles gleich? Weil Gewalt einen Kreislauf schafft, weil es eine Tyrannei der Wenigen über die Vielen gibt. Schauen Sie allein auf das Corona-Jahr 2020. Die Reichen wurden noch reicher. Wenn ich die Zahlen richtig im Kopf habe, betrug das Vermögen aller Milliardäre vor der Pandemie kombiniert 690 Milliarden Dollar. Inzwischen ist es auf 1,3 Billiarden angewachsen. Mal eben das Doppelte. Vergleichen Sie das mit den etlichen Menschen, die wegen Covid in die Armut abgerutscht sind. Es sind also stets dieselben Horror-Storys, die sich Jahr für Jahr, Jahrzehnt für Jahrzehnt abspielen. Dafür habe ich von manchen Fans das Feedback erhalten, dass die Lieder aktueller wirken denn je.

2022 wollen Sie ihr erstes Song-Album seit dem Jahr 2000 veröffentlichen. Die Welt hat sich verändert, eben durch Corona, aber auch den Brexit und neue Kriege im Nahen Osten. Werden Sie darauf eingehen?
Ich verspüre jedenfalls keinen Druck. Ich mache meine Musik nicht dahingehend, was die Leute von mir erwarten könnten. Ob ich Lieder schreibe, die die Pandemie direkt adressieren, weiß ich noch nicht. Aber die Atmosphäre der Isolation und Panik könnte in die Platte einfließen. Nach meiner Beobachtung erlebt der Totalitarismus weltweit einen Aufschwung, das sollte man nicht ignorieren. Eindämmung von Free Speech. Zensur. Ich meine, ich bin ein großer Anhänger der Free Speech. Gerade, weil sie für Leute gelten sollte, deren Meinung wir nicht teilen. Dafür ist Free Speech gemacht – Austausch mit Menschen, die nicht so denken wie wir. Ich fürchte, wir bewegen uns auf ein dunkles Zeitalter zu. Ich freue mich darauf, Songs zu schreiben. Ich hoffe, die Leute halten mich dann nicht für einen Prediger, sondern sie singen mit.

In den 1980ern, so kommt es einem vor, gab es sehr viel mehr britische Protest-Bands als heute.
Das könnte sein. Allerdings bin ich über heutige, jüngere Bands nicht mehr so gut informiert. Aber vielleicht bekommt man sie auch nicht mit, weil sie gleich verbannt werden würden, wenn sie Probleme ansprechen? Wer sich kritisch zu Corona äußert und den Maßnahmen, der wird durch gleich aus den sozialen Netzwerken, YouTube, Twitter, verbannt. Deshalb dreht sich all die Musik, die zu uns durchdringt, vor allem um sich selbst – um Gefühle, nicht mehr um Meinungen. Meinungen öffentlich zu äußern, das traut sich kaum einer mehr. Dazu die Cancel Culture und die Woke Culture. Leute werden regelrecht verfolgt, wenn sie nicht ins Muster passen. Sagt man auch nur eine falsche Sache, wird gleich die Karriere zerstört. Diese Bewegungen sind für mich wie Faschismus. Sie schüchtern ein, keiner traut sich mehr zur Gegenwehr.

Dabei können doch zumindest Sie nahezu unentdeckt und unbeschwert ein öffentliches Leben führen. Der Bandname „The The“ bietet sich nicht gerade dafür an, Sie mit Google-Suchergebnissen auszuspionieren.
Unabhängig davon ist das „Goldene Zeitalter“ des Internet doch vorbei. Es geht nicht mehr darum, woher man sich sein Wissen bezieht, und wie viel zur Verfügung steht. Sondern darum, wie man bloß aus der Fülle an Informationen das Fünkchen Wahrheit gewinnt.

Sie sprechen vom Unterschied zwischen „Mainstream-Medien“ und „alternativen Medien“. Welches ist für Sie denn ein gutes Medium?
Ich schaue mir die Sendungen der BBC oder lese den „Guardian“ – um zu sehen, woraus die Propaganda des jeweiligen Tages besteht.

Sie finden, beide Medien verbreiten Propaganda?
Im Grunde verbreiten sie Regierungspropaganda. Ich bin einfach neugierig und schaue nach: „Okay, was ist der heutige ‚Unsinn des Tages‘“? Das ist Corporate Mainstream Media – es ist doch interessant zu sehen, welche Agenda unbedingt durchgesetzt werden soll. Dann recherchiere ich selbst im Netz, bei vielen anderen Quellen. Unabhängigen Journalisten. Und doch hat man am Ende nur ein unvollständiges Bild von dem, was in der Welt vor sich geht. Wer hat welche Agenda. Follow the money. Man muss auch seine Intuition einschalten, um sich ein Bild machen zu können. Ich lese, was die Linke schreibt, ich lese, was die Rechte schreibt, was die Mitte schreibt. Es geht darum, eine Balance herzustellen, was Informationen angeht.

Warum haben Sie seit dem Jahr 2000 kein Album mehr mit Songs veröffentlicht, warum sind Sie seit 2002 nicht mehr getourt?Ich werde bald eine Doku veröffentlichen, die „Inertia Variations“, in der ich über mein damaliges Verschwinden Auskunft gebe. Ich lebte in New York, dann zog ich nach Schweden. Ich wurde Vater. Es ging zurück nach England. Ich verlor viel Geld. Sieben Jahre lang nahm ich keine Gitarre in die Hand. Ich war aus der Musik ganz raus.

Davor entstanden einige unveröffentlichte Alben – die entweder Sie nicht herausbringen wollten, oder die Plattenfirma nicht, wie „Gun Sluts“. Was wird aus denen?
Tatsächlich befinde ich mich derzeit im Studio, um gemeinsam mit meinem Assistenten das Archiv zu digitalisieren. Also, ja: Da ist vieles geplant.

Ihr Box-Set „The Comeback Special“ erscheint in vielen Formaten, darunter Deluxe-Versionen, Audio und Video. Diese Produktdichte kennt man eigentlich nur von Künstlern, die bei Major-Labeln unter Vertrag stehen. Sie bringen die Editionen als unabhängiger Künstler heraus. Welche Herausforderungen gab es da?
Normalerweise veröffentliche ich meine Musik über mein eigenes „Radio Cineola“-Label, aber für eine Produktion dieser Größe bin ich eine Partnerschaft mit EarMUSIC (Musiklabel des Medienunternehmens Edel) eingegangen, habe jedoch meine Unabhängigkeit behalten. Meine Situation als Mensch, der Musik veröffentlichen will, ist viel besser als vor 30 Jahren. Und das ist nur das erste von einigen Projekten, die ich mit EarMUSIC plane!

Mir wäre es dennoch lieber gewesen, Sie hätten im Audio-Talk zum Konzert gar nicht erst darüber gesprochen, welch gute Songs geprobt und dann doch nicht aufgeführt wurden: „Giant“, „Deep Down Truth“, „Weather Belle“ …
Ich bin nicht Bruce Springsteen oder The Cure. Ich kann keine vier Stunden auftreten und so viele Lieder spielen wie sie. Und Sie hätten sich doch irgendwann gelangweilt. Meine Gigs sollten maximal zwei Stunden dauern. Die Tournee sollte, gerade nach meiner langen Live-Pause, einen Karriereüberblick bieten. Ich musste also aus meinen Alben „Burning Blue Soul“, „Soul Mining“, „Infected“, „Mind Bomb“, „Dusk“ und „NakedSelf“ die richtige Balance finden. Songs wie „Infected“, „This Is The Day“ oder „Love Is Stronger Than Death“ mussten einfach ins Set, das erwarten auch die Leute. Andere, wie „Bugle Boy“,fallen in den Bereich der Kuriositäten, die ich gerne singe.

Regisseur ihres Konzertfilms ist Tim Pope, der in den 1980er-Jahren mit Musikvideos für Sie und The Cure Aufsehen erregte.
Er ist ein guter Freund, und ich bin froh, ihn wieder an Bord zu haben. Er hat das Bühnenbild in der Royal Albert Hall perfekt eingefangen, es sieht im Film aus wie eine Mischung aus Kathedrale und Bordell. Und das Set gliederte ich als Theaterstück in drei Akten. Es beginnt „Political“, mit Songs wie „Sweet Bird Of Truth“, wird „Personal“ bzw. „Emotional“, mit Songs wie „Dogs of Lust“ und geht dann über in „Metaphorical“, mit Sachen wie „Bugle Boy“. Danach der Zugaben-Block. Die Lightshow stellen wir entsprechend darauf ein. Im politischen Teil nutzten wir sehr harte Lichter und Kontraste, viel schwarz und weiß. Meine Band setzt sich aus Musikern aller meiner Schaffensphasen zusammen, und sie klingt dennoch, hoffe ich, zeitgemäß. James Heller, Bass, von der „Mind Bomb“-Tour, Keyboarder DC Collard von „Dusk“, Earl Harvin, Drums, „NakedSelf“, und Barrie „Little Barrie“ Cadogan an der Gitarre, unser Neuling, empfohlen von Johnny Marr.

Dessen Gitarre hätte ich gerne in der Live-Version von „Beyond Love“ gehört.
Ja, den Song haben wir ziemlich verändert. Ich war nicht zu 100 Prozent zufrieden mit der Version auf „Mind Bomb“. Ich liebe die Lyrics, sie zählen zu meinen besten. Die Live-Version kommt einer meiner Frühfassungen sehr nahe. Ich sah nun eben die Gelegenheit jene Fassung aufzuführen, die mir lieber ist.

In der neuen Bühnenfassung von „True Happiness This Way Lies“ korrigieren Sie sich und den alten Songtext: „Well, I Did Find Peace Upon The Breast Of A Girl“ anstelle von „I Never Found … “. Inwieweit hat sich der junge Matt Johnson zum alten verändert?
Einen Song wie „This Is The Day“ zum Beispiel schrieb ich mit 21. Er hat für mich heute viel mehr Bedeutung als damals. „Reading old letters“, „smile how much you‘ve changed“ – ich habe heutzutage mehr Briefe, und ich habe viel mehr Erinnerungen. „True Happiness“ komponierte ich mit Ende 29, einer Zeit, in der ich sexuell sehr gierig war, ich wollte immer mehr mehr mehr. Ach, ich hatte einige glückliche Momente an der Brust einer Frau – Sie doch auch!

Äh … wo wir gerade bei solchen Themen sind: Was ist eigentlich die „Fist Fucking Fighting Machine“ aus Ihrem Song „Mrs. Mac“?
Sie ist keine „Fist Fucking Fighting Machine“, sie ist eine „Fear Fucking Fighting Machine“! Sie haben sich verhört. Das lässt ja tief blicken bei Ihnen. Mrs. Mac gab es wirklich, sie war meine Lehrerin. Eine Mischung aus Lehrerin und Dinnerlady. Ich war sechs, ein kleiner Junge, und ich hasste, hasste das Schulessen. Sie zwang mich, das Zeug zu essen. Ich übergab mich regelmäßig. Alles landete wieder im Teller. Sie stand vor mir und schrie. Ich war so jung, und unter einem Bully zu leiden, der kein Mitschüler ist, sondern eine Lehrerin, das ist wirklich nicht sehr schön. Eine Form der Kindesmisshandlung eher. So war das Schulsystem damals.

An eine Tour ist wegen Corona zurzeit vielleicht nicht zu denken. Aber haben Sie dennoch Live-Pläne?
Ach, wer zweifach geimpft ist, kann sich doch auch anstecken und flach liegen. Und die Impfstoffe sind ja auch mit verantwortlich dafür, dass immer neue Varianten entstehen. Die finden ihren Weg. Impfung allein reicht nicht – das Immunsystem muss gestärkt werden, durch Sport und Vitamin D, Sonne und frische Luft. Menschenmassen meiden. Es gibt, zumindest hier in Großbritannien, keine Versicherung gegen Tourausfälle wegen Covid. Denn ein solcher Tourausfall fiele unter eine „Force Majeure“-Klausel, „höhere Gewalt“. Wenn auch nur einer aus meiner Crew positiv getestet würde, und sei es falsch positiv, dann müssten wir die Tournee unterbrechen – für zehn Tage. Quarantäne. Konzerte fallen aus, wir verlieren Einnahmen. Das würde also für eine Tour, damit sie denn stattfindet, bedeuten, dass wir alle uns auf Tour nur in Blasen aufhalten dürften. Niemanden backstage treffen, auf Freunde verzichten und so weiter. Im Hotelzimmer bleiben. Nicht durch die Straßen jener Stadt laufen, in der man am Abend seinen Auftritt absolviert. Kein Sightseeing. Man sieht also niemanden und nichts. Wie könnte man dann noch Lust haben auf Tournee zu gehen?