Michael McCartney: „Meine Bilder zeigen die Wahrheit über die Beatles“


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So wie der Rest der Welt steht auch Michael „Mike“ McCartney im Schatten seines zwei Jahre älteren Bruders Paul. Seinen Platz in der Musikgeschichte hat er sich trotzdem gesichert. Denn er war mit seiner Kamera dabei, als die Geschichte der Beatles begann. Durch seine Linse können wir sehen, wie die Quarrymen John Lennon, George Harrison und Paul McCartney bei der Hochzeit seines Cousins Ian im Esszimmer seiner Tante Gin erstmals öffentlich zusammenspielten, wie sie später als The Beatles im Casbah Coffee Club, im Cavern Club und im Tower Ballroom in New Brighton auftraten, wie sie ihre Idole Gene Vincent und Little Richard trafen und wie das berühmteste Songwriting-Duo des Pop im McCartney’schen Wohnzimmer an der Forthlin Road an eigenen Liedern arbeitete.

Darüber hinaus hat der jüngere McCartney-Bruder es später unter dem Pseudonym Mike McGear mit der Comedy-Truppe The Scaffold, zu der neben ihm der Dichter Roger McGough und der Komiker John Gorman gehörten, selbst ganz nach oben in die britischen Charts geschafft. Der Song „Thank U Very Much“, der ihm eingefallen war, als er sich bei seinem Bruder für ein Geburtstagsgeschenk, eine Nikon-Kamera, bedanken wollte, schaffte es Ende 1967 auf Platz vier der britischen Singles-Charts und wurde zudem der Lieblingssong von Queen Mum. Ein Jahr später erreichten The Scaffold mit „Lily The Pink“, auf dem unter anderem Elton John und Graham Nash mitsingen und Creams Jack Bruce den Bass spielt, sogar Platz eins der Charts. Auf dem Album, das McCartney als Mike McGear 1969 im Duo mit Roger McGough aufnahm, spielen und singen neben Bruder Paul auch noch Jimi Hendrix, John Mayall, Spencer Davis, Graham Nash, Traffics David Mason, Paul Samwell Smith von den Yardbirds und Viv Prince von den Pretty Things mit. In den Siebzigern veröffentliche McCartney/McGear zwei sehr schöne Soloalben: „Woman“ (1972), für das er wiederum mit McGough Songs schrieb, und „McGear“ (1974), auf dem ihm Paul und Linda McCartney beim Songwriting halfen und ihn mit den Wings auch musikalisch begleiteten.

Mike McCartney hat im Laufe der Zeit zahlreiche Fotobände veröffentlicht. Nun ist die bisher umfassendste Retrospektive seiner frühen Bilder ergänzt durch zusätzliche Artefakte signiert und limitiert unter dem Titel „Mike McCartney’s Early Liverpool“ bei Genesis Book erschienen. Ein prächtiges Sammelalbum mit beigelegten Briefen und Zeichnungen, das man sich leisten können muss. Die Deluxe Edition kostet 625 Pfund, die Collector Edition 325 Pfund.

McCartney lebt bei Heswall auf der Halbinsel Wirral südlich von Liverpool. „Wir sind gerade mitten in einem Sturm – Hurricane Eunice“, erklärt er am Telefon. „Ich schaue auf den River Dee. Davor ist normalerweise eine Pferdewiese, aber die Pferde sind nicht da. Hoffentlich in Sicherheit. Der Fluss dahinter ist sehr kabbelig, wie man sagt. Normalerweise ist auf der anderen Seite Wales zu sehen. Aber heute kann ich es nicht sehen. Muss jemand gestohlen haben.“

Haben Sie immer an der Merseyside gelebt oder sind Sie irgendwann mal – wie so viele – nach London gezogen?

Nein, da unten habe ich nie gewohnt. Mein Bruder ist da aus Businessgründen runtergezogen – er spielte in einer Band – und wollte, dass mein Vater und ich ihm folgen. Mein Vater hat im Baumwollhandel gearbeitet. Und alle seine Chefs lebten auf dem Wirral, daher war das für ihn die vornehmste Gegend, die er sich vorstellen konnte. Und als our kid ihn dann fragte, wo er gerne hinziehen würde, als wir aus der Forthlin Road in Allerton-Liverpool wegziehen mussten, weil das Haus immer von Fans belagert wurde, konnte es daher nur der Wirral sein. Our kid ist übrigens Liverpool-Slang für Bruder oder Schwester, wenn ich also our kid sage, meine ich meinen Bruder.

20 Forthlin Road, wo Sie zwischen 1955 bis 1963 mit ihrer Familie lebten, ist ja ein mythischer Ort geworden. Hier sind viele der frühen Beatles-Hits entstanden. Es ist einer von vielen solcher Orte, die in Ihrem neuen Buch „Early Liverpool“ eine große Rolle spielen. Der Buchtitel sagt es schon: Es ist mindestens so sehr ein Buch über eine Stadt wie über eine Band oder eine Szene.

Ich habe mal bei so einer Konferenz zum Thema „Merseybeat“ referiert, und nachdem ich meinen Vortrag beendet hatte, kam eine Zuhörerin auf mich zu und sagte: „Das war alles sehr unterhaltsam und interessant. Danke. Aber sie haben überhaupt nicht über die Musik gesprochen, sondern nur über Liverpool.“ (Lacht)

Wobei der Merseybeat natürlich nicht denkbar wäre ohne diese Stadt, die Mentalität und den sehr eigenen Humor der Menschen dort.

Das ist der Grund, warum der Merseybeat so stark war. Wegen des Humors, aber vor allem wegen des Sinns für die Realität. Denn wir kamen quasi aus dem. Bevor der Merseybeat nach London kam, galt alles nördlich von Watford als Hinterland, als Dschungel, als Nirgendwo – völlig unbedeutend also. Und die Leute sprachen mit seltsamen Akzenten – kein richtiges Englisch. Wir haben quasi gar nicht existiert. Erst als der Merseybeat explodierte, hat man uns zugehört, und unser Scouse-Akzent wurde auf einmal überall akzeptiert und nicht mehr sozial geächtet. Wir haben in England ja dieses fürchterliche Klassensystem, das die Reichen einfach wegen ihrer Herkunft bevorteilt und die Arbeiter klein hält. Aber der Erfolg des Merseybeat hat die unüberwindbar scheinenden Mauern, die die Klassen trennten, eingerissen. Plötzlich wurde man dafür geschätzt, wer man als Person war, und nicht dafür, wo man herkam und wie man sprach. Bis dann Margaret Thatcher die Uhr wieder zurückgedreht hat.

Wie sind Sie eigentlich zur Fotografie gekommen?

Meine Mutter ist gestorben, als ich zwölf war – 1956. Bis dahin gab es eigentlich keine Probleme, und alles lief glatt. Und dann hat sich alles verändert. Meiner Mutter war es immer wichtig gewesen, dass wir uns verbesserten, dass wir die soziale Leiter hochkletterten. Wir sind ein paar Mal umgezogen in meiner Kindheit – immer in eine bessere Wohnung. Und wir sollten eine gute Ausbildung bekommen und durften auf eine der besten Schulen der Stadt gehen – das Liverpool Institute High School for Boys, auch „the Innie“ genannt, denn in Liverpool wird alles abgekürzt. Jedenfalls war ich bereits auf dem Innie, als meine Mutter starb. Und irgendwas zog mich zur Fotokamera, so wie our kid sich von diesem Moment an immer häufiger mit seiner Gitarre zurückzog.

Es gibt nicht besonders viele Bilder, die Ihre Mutter zeigen. War das vielleicht ein Grund, zur Kamera zu greifen? Um endlich festzuhalten zu können, was Sie liebten?

Ich wünsche mir tatsächlich, ich hätte die Kamera vorher für mich entdeckt und viele Bilder von meiner Mutter gemacht. Auf dem Cover meines ersten Soloalbums, „Woman“, ist eines dieser seltenen Fotos von meiner Mutter drauf. Das wissen die wenigsten. Könnte also was dran sein an Ihrer Theorie. Die Anfänge der Beatles sind ja nur dokumentiert – sowohl durch meine Bilder als auch durch die wundervollen Aufnahmen von Astrid Kirchherr -, weil wir sie als Menschen und Musiker geliebt haben. Außer uns hat die niemand fotografiert. Sie waren ja Nobodys. Aber Astrid, Klaus (Voormann) und Jürgen (Vollmer) haben sie geliebt, und für mich ging es darum, meinen verdammten Bruder dabei zu unterstützen, dass die Beatles die beste Band in Liverpool, in England, in Europa, in Amerika und dann der ganzen Welt werden.

Sie haben auch das vermutlich erste Beatles-Konzertposter entworfen. Für ein Konzert im Casbah Coffee Club.

Ja. Dafür habe ich ein Foto verwendet, auf dem John zu sehen ist, wie er auf Elvis macht. Ich habe ihn aus dem Foto ausgeschnitten, auf ein großes Blatt Papier gelegt und es mit schwarzer Farbe besprüht, so dass man auf dem Plakat die Umrisse dieser Figur sehen konnte. Dasselbe habe ich mit den Buchstaben gemacht – B, E, A, T, L, E, S. Ich habe mal ein Interview mit dem Bruder von Pete Best gemacht, Roag Best. Der Casbah Club gehörte ja Petes und Roags Mutter, Mona. Als Roag mich fragte, was ich als Honorar haben wollte, habe ich ihn um eins dieser Poster gebeten. Aber es war keines mehr da. Alle weg. Jahre später war ich dann im Hard Rock Café in Tijuana in Mexiko. Und auf dem Weg zum Klo komme ich an Konzertplakaten von Elvis, Sinatra und den Stones vorbei – und in dieser Reihe hing tatsächlich auch mein handgemachtes Plakat.

Über den Cavern Club weiß man ja viel. Über den Casbah Coffee Club nicht ganz so viel. Was war das für ein Ort?

Der Casbah war ein großes alleinstehendes Haus in West Derby. Wir sind von der Forthlin Road aufgebrochen – mein Bruder mit Gitarre und Verstärker, ich mit Kamera und Blitz. Dann mit dem 86er Bus bis zur Allerton Library, wo ich mir übrigens alle möglichen Bücher zur Fotografie durchgelesen habe, um zu wissen, wie man Bilder macht und entwickelt. Dann zweimal umsteigen und von West Derby Village zu Fuß nach Hayman’s Green zu diesem großen Haus von Mona Best. Ein sehr nobles Haus. Aber wir durften nur in den Keller. Und mein Bruder probte da den ganzen Nachmittag bis in den Abend mit seiner Band. Ich machte Fotos und lief ein bisschen rum. Und ich kann mich an einen Abend erinnern, an dem wir da eine kleine Party gefeiert haben. Mrs. Best kam runter und sagte: „Feiert ruhig ein bisschen, aber bleibt hier unten. Oben ist mein Reich.“ Und alle sagten: „Natürlich, Mrs. Best.“ Aber irgendwann habe ich mich gelangweilt, und war wohl auch ein bisschen angetrunken. Und ich dachte, ich gehe nach oben und frage Mrs. Best nach einer Limonade oder Cola oder so. Also schlich ich mich die Stufen hoch ins Wohnzimmer. Das Licht war schön gelöscht, aber der Kamin glühte noch, und ich sah auf der Anrichte eine Flasche Limonade stehen. Ich dachte: „Perfekt.“ Sie war schon geöffnet, der Deckel lag nur drauf. Ich nahm ihn runter, nahm einen Schluck und „Aaaaaah, mein Gott!“ Da war keine Limonade drin, sondern Haarlack! Den Rest des Abends habe ich versucht, den Haarlack wieder aus mir rauszukriegen.

Sie sind dann trotzdem Friseur geworden später.

Ja. Zumindest kurzzeitig. In Andre Bernards Salon in Liverpool, gegenüber vom berühmten Adelphi Hotel. Eine der besten Adressen. Als ich dort in der Lehre war, arbeitete neben mir Lewis Collins, der später Schauspieler werden sollte. (Lewis wurde vor allem in seiner Rolle als ehemaliger Elitesoldat William Bodie in „Die Profis“ bekannt)

Apropos Haare. Eines meiner liebsten Bilder zeigt John mit Pomade oder so im Haar. Er sieht aus wie ein alter Scouser, Paul steht mit nacktem Oberkörper und Handtuch in der Hand daneben, George zeigt auf seine Brustwarzen und Pete steht mit aufgeknöpftem Hemd daneben.

Oh, das ist auch eines meiner liebsten Bilder. Aber das ist keine Pomade in Johns Haaren. Das ist Schweiß. Das ist nach einem Konzert im Tower Ballroom in New Brighton entstanden. Und sie haben ja immer in Lederklamotten gespielt und waren danach völlig durchnässt. Im Cavern, diesem stickigen Keller, war es noch schlimmer. Da tropfte die Suppe von der Decke. Das Foto, von dem sie sprechen, nenne ich „,Marcel Marceau’ John, ,Rambo’ Paul, ,Goon’ Pete und ,nipple-shooting’ George“. Man sieht den Humor und die enge Freundschaft zwischen ihnen. Es zeigt die Wahrheit über die Beatles. Das Handtuch, das Paul in der Hand hälft, kennt man übrigens noch von einem anderen Bild, dass ich von ihm durch die Tüllgardine meiner Mutter gemacht habe, als er mit seiner Gitarre auf einem Liegestuhl in unserem Garten saß.

Das berühmte Bild, das auf dem Cover seines Albums „Chaos And Creation In The Backyard“ zu sehen ist?

Genau das. Da hängt das Handtuch an der Wäscheleine über ihm. Meine Frau hat mich irgendwann drauf aufmerksam gemacht: „Das ist dasselbe Handtuch wie in der Garderobe des Tower Ballroom.“ John macht da in der Garderobe übrigens absichtlich ein etwas albernes Gesicht. Das ist das typische John-enjoying- himself-Gesicht. Es gibt noch ein anderes Bild in dem neuen Buch, auf dem man das auch sieht. Links steht mein Bruder mit einem Tamburin, neben ihm stehen Gene Vincent und (der Cavern Club-DJ) Bob Wooler, die über irgendwelche Platten sprechen. Und John steht rechts. Als das entstanden ist, drehte er sich zu mir und fragte: „Mike, bist du bereit? Aber bitte kein Blitz!“ Ich nickte mit der Kamera im Anschlag, und dann tat er so, als würde er seinem großen Idol Gene „Be-Bop A-Lula“ Vincent an den Arsch fassen – oder wie wir in Liverpool sagen „he goosed his bum“. Er war immer der naughty boy, der unanständige Junge. Ich habe eigentlich auf der Bühne immer nur auf ihn geachtet. Weil man nie wusste, was er als nächstes für einen Blödsinn machte. Er selbst wusste es meistens auch nicht. Faszinierender Typ. Und das Gesicht, das er auf dem Bild mit Vincent macht, ist unbezahlbar. Ich wünschte, man könnte es noch deutlicher sehen. Aber da ich ohne Blitz gearbeitet habe, ist das ein sehr dunkles Negativ. Ich habe es erst bei der Arbeit an „Early Liverpool“ belichtet. Ich sah nur dieses dunkle Negativ, und fragte mich, ob da wohl irgendwas drauf ist. Und dann war es dieser Schatz!

Haben Sie bei der Arbeit am Buch noch andere Bilder gefunden, von denen Sie nicht mehr wussten, dass sie existieren?

Es gibt ein Bild von our kid‘s 21. Geburtstag. Mein Sohn Josh hat mir beim Scannen der Negative geholfen. Und ich habe dieses Farbnegativ aus einer der Boxen geholt. Sah etwas seltsam aus. Und es war Pauls Geburtstagskuchen bei der Party im Haus von Tante Gin. In meiner Erinnerung war das ein weißer Kuchen, aber er war tatsächlich blau, wie man jetzt auf dem Foto sieht.

Im Haus von Auntie Gin ist doch auch das erste Foto entstanden, das John, Paul und George gemeinsam zeigt, oder? Auch in Farbe.

Ja, das war fünf Jahre davor. Die Hochzeit von meinem Cousin Ian. Auf dem Foto ist auch noch Dennis Little drauf, der beste Freund von Ian. Er hält ein halbvolles Glas Guinness in seiner Hand. Er war wohl nicht der einzige, der an diesem Abend ein bisschen was getrunken hat. Als ich Paul das Bild mal zeigte, sagte ich: „Guck mal, man sieht sogar Johns Rasurbrand.“ „Rasurbrand?“, hat er gelacht. „Der hat so rote Backen, weil er total betrunken ist.“ George sieht auf dem Bild sehr sehr jung aus. Er ist gerade 15 geworden. Ich war also 14, als ich das gemacht habe. Lange lange her. Was ich in all der Zeit vergessen hatte: Das war nicht das einzige Bild der drei, das ich an diesem Tag gemacht habe. Ich habe in dem Karton noch ein Negativ gefunden, das kurz davor entstanden sein muss. Bevor sie auf die Bühne gegangen sind. Also, eigentlich war es keine Bühne, sondern nur eine Ecke in Tante Gins Haus an der 147 Dinas Lane in Huyton, Liverpool. Paul sitzt und singt, George dreht uns den Rücken zu, und man sieht seine Segelohren, und rechts davon steht John, der auch singt. Das Bild hatte ich vorher noch nie gesehen.

 

Was mich an Ihren Fotoaufnahmen fasziniert, und das ist einzigartig: Dass man da erkennt, wie sich eine Zeitenwende ankündigt. Man sieht dieses dunkle dreckige Nachkriegsengland, die alten Möbel und Tapeten – und davor stehen und sitzen die jungen Leute mit ihren amerikanischen Haarschnitten und Klamotten und den Gitarren. Da ist das Alte und das Neue gleichzeitig im Bild.

Ja, das bekannteste Bild ist vermutlich das, das our kid und John zeigt, wie sie bei uns in der Forthlin Road in der Stube nebeneinandersitzen und Gitarre spielen. Und vor ihnen liegt our kids Schulheft, in das er einen Songtext geschrieben hat. „I Saw Her Standing There“ – beziehungsweise, wenn man genau hinschaut, sieht man, dass das erste Wort durchgestrichen ist. Der Song hieß also wohl ursprünglich „He Saw Her Standing There“ oder „She …“ oder „They …“. Sie arbeiteten noch dran, als das Foto entstanden ist. Und Paul sagte mir später: „Das ist so ein wichtiges Foto, weil es zeigt, wie es wirklich gewesen ist, wenn wir zusammen geschrieben haben.“ Auf einem anderen Bild in „Early Liverpool“ sieht man sogar, wie our kid im hinteren Schlafzimmer an der Forthlin Road sitzt und einen Songtext schreibt. Man sieht ihn mitten in seinem kreativen Prozess. Was für ein Glück ich und die ganze Welt hatten, dass ich das historisch festhalten konnte. Wie wir von den indischen Gurus wissen, gibt es keine Zufälle. Es sollte genauso passieren. Und dass die Negative bis heute überlebt haben, zeugt wohl davon, dass ich mir das Handwerk ganz gut angeeignet und technisch zufriedenstellend ausgeführt habe.

John, Paul, George und Pete Best sind auf vielen der Bilder drauf, von Stuart Sutcliffe haben Sie nicht so viele Fotos gemacht.

Es gab in der Schule diese Hierarchie, man sprach nicht mit den Schülern in den Klassen unter einem. Stuart und John sprachen nicht mit Paul, weil sie zwei Jahre älter waren und aufs Art College nebenan gingen. Paul sprach nicht mir George, weil der eine Klasse unter ihm war, George sprach nicht mit mir, weil ich in der Klasse unter ihm war, ich habe nicht mit Bill Kenwright gesprochen, dem späteren Londoner Theater- und Filmproduzenten, der wiederum nicht mit Derek Hatton, der später ein ultralinker Politiker wurde, der Liverpool ruinieren wollte. Also, John habe ich nur gesehen und mit ihm gesprochen, weil er zu uns nach Hause kam. Stuart habe ich nur an Orten wie dem Casbah Club getroffen, wenn our kid da mit seiner Band gespielt hat. Dann ging Stuart irgendwann nach Deutschland. Ich kannte ihn also nicht wirklich. Ein kleiner dünner Typ. So eine Art James-Dean-Figur. Cool, hat nicht viel geredet.

Sie haben aber noch Briefe mit ihm ausgetauscht.

Ich wollte in die Art School gehen und habe ich gefragt, wie man Wandgemälde macht. Und ich wusste das Stuart Sutcliffe zusammen mit John Lennon mal die Wände des Jacaranda Club in Liverpool bemalt hatte. Also habe ich ihm, der damals schon mit Astrid Kirchherr in Hamburg lebte, eine Postkarte geschrieben: „Hey Stu, wie malt man Wandgemälde?“ Und dann kam dieser blaue Briefumschlag an der Forthlin Road an. Da stand drauf: „To Mikeal McKartney“. Und darin waren neun vollgeschriebene Seiten, so ein surrealer Wortschwall wie bei James Joyce – es war kurz vor seinem Tod, könnte sein, dass er da auf irgendwelchen Medikamenten war oder einfach irgendwie weggetreten. Meinem neuen Buch ist ein Faksimile dieses Briefes beigelegt.

Das mit der Art School hat dann ja nicht geklappt.

Ich kann mich noch erinnern, wie ich an unserem kleinen Wohnzimmertisch gezeichnet habe und John und Cyn (Cynthia Powell, später Johns erste Frau) hereinkamen. Er fragte: „Was machst du?“ Und ich sagte: „Ich versuche, ins Art College zu kommen, aber ich habe ein Problem. Man muss neuerdings fünf GCEs vorweisen.“ Das waren so Tests, die man bestehen musste – und ich hatte nur einen bestanden. In Kunst. Das reichte nach einer neuen Verordnung nicht mehr. John hatte vier Jahre vorher keinen einzigen bestanden und war trotzdem aufgenommen worden. Und ich fragte ihn: „Wie hast du das gemacht?“ Und er nahm eine meiner Zeichnungen, drehte sie um und zeichnete auf die Rückseite einen kleinen Cartoon von Mr. und Mrs. Bum (dt. Herr und Frau Arsch). „So bin ich in die Art School gekommen, Michael.“ (Lacht) Diese Zeichnung kann man neben meinen Zeichnungen aus der Zeit übrigens auch in „Early Liverpool“ sehen.

Die Bilder, die Sie in der Zeit von Ihrem Bruder gemacht haben, sehen alle so aus, als würde er schon mal üben, ein großer Star zu sein. Da wurde viel posiert.

Das war der Grund, warum mein Bruder mir aus Hamburg eine Rollei Magic-Kamera mitgebracht hat. So eine, wie Astrid Kirchherr sie auch benutzte. Ich sollte ihn aussehen lassen wie Elvis. Einfach, weil wir keine Chance hatten. Wir waren arme Leute aus der Arbeiterklasse und hatten keine Möglichkeit, da rauszukommen. Außer in unseren Träumen und Rollenspielen. All die Bilder in meinem neuen Buch sind so wertvoll, weil sie in einer Zeit der Hoffnung, Träume und des Optimismus aufgenommen worden sind, für die es in der harten Realität des Klassensystems eigentlich gar keine Berechtigung gab. Es gab keinen Zauberstab, den man hätte schwingen können, um irgendwas zu ändern. Dass dieser Zauber dann doch irgendwie losging und diese magischen Dinge passierten – zuerst passierten sie meinen Bruder und später auch mir – konnte keiner ahnen. Wenn man uns damals gesagt hätte, dass mein Bruder größer werden würde als Elvis, die National Portrait Gallery of Great Britain elf meiner Fotografien kaufen, und eine Ausstellung meiner Bilder über die Arbeiterklasse in Liverpool ein Jahr lang in der Smithsonian Institution in Washington, DC zu sehen sein würde, hätten wir nur gelacht und gesagt: „Ja ja, klar.“ Deshalb finde ich diese Bilder so spannend. Spannender als die Beatlemanie, die ja exzessiv dokumentiert ist. Aber ich bin natürlich sehr glücklich darüber, dass ich dabei war.

Peter Jackson hat einige Ihrer Bilder für seine „Get Back“-Doku benutzt. Und nicht nur das. Sie sind selbst im Film zu sehen. Mit einer sehr coolen Jacke.

(Lacht) Ich bin tatsächlich im Januar 1969, als die Band im Keller des Apple-Gebäudes an der Saville Row in Mayfair an „Get Back“ arbeitete, dort vorbeigegangen, um den Jungs diese leuchtende orangefarbene Jacke zu zeigen, die ich mir gerade gekauft hatte. Aber man hat mich nicht zu ihnen reingelassen. „Bleiben Sie bitte draußen, hier wird gefilmt.“ „Okay“, hab ich gesagt und dann doch die Tür aufgemacht, um reinzugehen. Ich war immer ein Rebell. (Lacht) Als ich reinkam, spielten sie gerade „Get Back“ mit Billy Preston an der Orgel. Und da sah ich, wie eine große Filmkamera über Schienen auf mich zugefahren kam. Und ich dachte: „Ich sehe bestimmt total bescheuert aus, wenn ich hier einfach rumstehe. Auch wenn meine Jacke so schön leuchtet. Vielleicht setze ich mich einfach ans Klavier.“ Also habe ich mich hingesetzt, und als die verdammte Kamera an den Beatles und Billy Preston vorbei immer näher kam, dachte ich: „Dann muss ich wohl so tun, als ob ich mitspiele.“ Ich hatte aber keine Möglichkeit mehr, den Klavierdeckel rechtzeitig hochzuklappen, also habe ich eben auf dem Deckel gespielt. Was für ein surrealer Moment! Ich überlege, für ein angemessenes Honorar Stunden in Mit-geschlossenem-Deckel-Klavierspielen anzubieten. (Lacht)

Sie waren auch dafür verantwortlich, dass die Beatles bei den „Get Back“-Sessions „One After 909“ noch mal ausgegraben haben.

Stimmt. Ich war damals gerade in London und wohnte bei our kid in London. Als er eines Abends aus dem Filmstudio in Twickenham nach Hause kam, sagte er: „Wir sind in eine Sackgasse geraten, wir brauche Input. Kannst du dich noch an die Songs erinnern, die wir damals in Forthlin Road gespielt haben? Und ich sagte: Hm, der erste, an den ich mich erinnere, ging so und so (summt eine Melodie). Und er sagte: „Bloody hell. Das war, glaube ich, mein erster Song, und ich habe total vergessen, dass ich den geschrieben habe.“

War das „I Lost My Little Girl“?

Ja, genau. Und Jahre später sagte our kid zu mir: „Das erstaunliche ist, es gibt nur drei Menschen auf der Welt, die diesen Song kennen: Erstens ich, weil ich ihn geschrieben habe – aber ich hatte ihn vergessen. Dann John, der nicht mehr lebt, und du. Es ist wie in diesem Song aus dem Musical „Hamilton“, in dem es um das Unterzeichnen der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung geht, der heißt „No One Else Was In The Room“. Das könnte der Titel vieler meiner Bilder sein.

Und der zweite Song, an den Sie sich erinnert haben, war „One After 909“?

Stimmt, so kamen wir drauf. Das war der zweite Song, der mir an diesem Abend einfiel. Ich weiß gar nicht, ob es im Film zu sehen ist oder ob Peter Jackson mir das privat geschickt hat, aber nachdem sie den Song in Twickenham spielen, sagt Paul: „Our kid hat gesagt, wir müssen unbedingt ,One After 909’ spielen.“ Und John sagt sowas wie „Oh, hat er. Ja, den mochte er immer, oder?“ Und George sagt: „Ich mochte den auch immer.“ Da kann man mal sehen, wie wichtig ich für die Welt bin. (Lacht)

„Mike McCartney’s Early Liverpool“ erschien bei Genesis Publications
Michael McCartney
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