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David Bowies Coming-Out 1972 – „I’m Gay“


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„He’s gay, he says. Mmmmmmmm“. Gleich im zweiten Absatz des Porträts, das der britische Melody Maker am 22. Januar 1972 veröffentlichte, wird auf David Bowies sexuelles Bekenntnis hingewiesen. Das nachfolgende „Mmmmmmmm“ des Journalisten Michael Watts wirkt da fast etwas unschlüssig. Als wüsste der Autor zunächst nicht, was das „Gay“ bedeuten könnte. Auch für die Musikwelt.

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Erst gegen Ende des Melody-Maker-Stücks wird David Bowie mit den Worten zitiert, die die Popmusik verändern sollten: „I’m gay, and always have been, even when I was David Jones.“ Jones ist der Geburtsname Bowies, und damit wollte der Sänger wohl sagen: Gay hat nichts mit meinem Image als Popstar zu tun, gay war ich schon vorher. Aber Watts erkennt die „sexuelle Ambivalenz“ des Sängers, das wird im Verlauf des Textes deutlich, auch als „faszinierendes Spiel“ mit „Identitäten“ – und mit dem Image.

Gewitzte Arbeit am Image

1972 war Bowie mit diesem Coming Out der prominenteste Bisexuelle unter den Popstars. Unzählige machten es ihm nach. Heute ist es völlig normal, dass Musiker nicht mehr auf den ersten Blick zu kategorisieren sind: Mann? Frau? hetero, homo? Die Musik wurde freier.

In späteren Interviews bekannte Bowie sich immer wieder zu seiner Bisexualität, aber er nahm bei anderen Gelegenheiten auch wieder Abstand davon. Einmal bezeichnete er sein Coming Out als „größten Fehler, den ich je gemacht hatte“. Heute sind es vor allem seine Biografen, die Bowie vorwerfen, die Bisexualität sei eine Marketingmasche gewesen.

34 Jahre nach seinem Artikel, in einem Interview von 2006, erinnert Melody-Maker-Autor Watts an sein Treffen mit Bowie. Der Sänger, so Watts, habe halt gewitzt an seinem Image gearbeitet. Aber er hätte auch einen ehrlichen Eindruck gemacht. Und „manchmal, sogar im Pop, zahlt Ehrlichkeit sich aus.“


Die meistunterschätzten Alben aller Zeiten: David Bowie – „Lodger“

Der Produzent Tony Visconti war der einzige Mitstreiter, der – erst nach Bowies Tod! – ein Sakrileg beging: Er bezeichnete Teil 3 der „Berlin­-Trilogie“ als den besten, besser ­somit als die Heiligtümer „Low“ und „Heroes“ (bei­de 1977). Das ist er natürlich nicht, auch in Viscon­tis prächtiger Abmischung von 2017 nicht. „Lodger“ wurde im Gegensatz zu den Vorgängern auch kein Erfolg. Aber: Es ist Bowies fiebrigstes Werk, der starke Abschluss seiner stärksten Dekade. David Bowie und der maskuline Wille zur Macht Er macht männliches Streben nach Weltdominanz lächerlich („Boys Keep Swinging“) und parodiert den messianischen Status der kommenden Generation von Turntable-­Popstars:…
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