‚Nicht mehr lamentieren!‘ So reagiert die Musikwelt auf den Deal von U2 mit Apple


von

>>> In der Galerie: Die 50 besten Songs von U2 – Teil 1

Beyoncé und ihr Ehemann Jay-Z haben es bereits getan – und nun haben auch U2 gleichgezogen: Ist die exklusive Veröffentlichung über Tech-Riesen wie Apple oder Samsung die Zukunft für die Veröffentlichung großer Bands und erfolgreicher Musiker?

Es ist kein Geheimnis, dass Apple die Iren (und vor allem auch ihre Plattenfirma) gut bezahlt haben dürfte. Offizielle Zahlen zu dem Deal werden höchstwahrscheinlich niemals ans Licht der Öffentlichkeit geraten , das „Wallstreet Journal“ schätzte aber, dass es sich möglicherweise um ein Finanzvolumen von 100 Millionen Dollar handeln könnte. Darüberhinaus unterstützt der Multimilliarden-Dollar-Konzern aus Cupertino das neue Album „Songs Of Innocence“ und höchstwahrscheinlich auch ein eventuelles Nachfolgewerk mit dem Namen „Songs Of Experience“ mit aufsehenerregenden Werbemaßnahmen, wie sie sich wohl in diesen Zeiten nur Apple leisten kann.

Inzwischen haben sich nicht nur Indie-Bands wie Bombay Bicycle Club zu der Aktion geäußert, sondern auch einige andere Schwergewichte der Branche. Lee Trink, der ehemalige Chef von Capitol Records und inzwischen Manager von Kid Rock, sieht in der Vereinbarung zwischen Apple und U2 weniger ein Business-Modell als vielmehr einen gewagten Stunt: „Die Art, wie Platten früher einmal veröffentlicht worden sind, scheinen vorbei zu sein. Ein neuer Weg muss jetzt aber erst einmal gefunden werden – und den begehen verschiedene Künstler auf verschiedene Weisen. Jay-Z hat es auf seine Weise gemacht, Beyoncé hat es auf ihre Weise gemacht und nun haben auch U2 ihre eigene Form gefunden.“

Insgesamt empfindet Trink den Marketing-Coup als gelungene Aktion, die auch in Zukunft eine Rolle spielen wird: „U2 haben ihren Big Bang. Zudem hat Apple einen monumentalen Hit als Unterstützung für die eigenen Produkte gelandet. Wir sollten jetzt aufhören, weiter zu lamentieren. Diese Tage sind einfach vorbei.“

Tim Smith, verantwortlich für Bands wie Skrillex, Zedd und andere Dance-Musik-Acts, ergänzt: „Es handelt sich nicht um eine komplette Neuorientierung – aber es ist ein Teil eines sich generell neu orientierenden Marktes.“ Skrillex hatten ihr neues Album als App unter dem Namen „Alien Ride“ veröffentlicht. „Ich würde jede Wette eingehen, dass Apple so etwas noch einmal durchzieht – und für andere Künstler wäre das, wenn sich Ähnliches ergäbe, natürlich auch eine wirklich praktikable Sache“, sagt Smith.

Am 09. September 2014 hatte Apple währende der Vorstellung neuer Produkte wie dem iPhone 6 und der Apple Watch in Cupertino den spektakulären Deal mit U2 angekündigt, wonach die neue LP der Band für mehr als vier Wochen exklusiv und kostenlos allen Nutzern von iTunes zur Verfügung steht. Bono freute sich in einem Statement auf der Website der Iren, dass damit bis zu 500 Millionen Menschen die Möglichkeit hätten, „Songs Of Innocence“ zu hören.

In schwierigen Zeiten für die Musikindustrie setzen vor allem auch die Dinosaurier der Branche, die mit jedem Album mehrere Millionen Einheiten verkaufen, auf für sie relativ risikolose Geschäftsmodelle, welche im Vorhinein bereits einen finanziellen Flop ausschließen. Die „Washington Post“ kritisierte in Anlehnung an die von vielen iTunes-Kunden als Frechheit empfundene direkte Einstellung von „Songs Of Innocence“ in ihre Playlist, dass es sich nun um „rock ’n‘ roll as dystopian junk mail“ handele.

„Billboard“ hatte allerdings auch schon angedeutet, dass sich der Marketing-Schachzug vor allem auf den vermeintlich konservativen Verkaufs-Ebenen negativ auswirken könnte. So käme die reguläre Veröffentlichung Mitte Herbst höchstwahrscheinlich nur auf 150.000 verkaufte Einheiten in der ersten Woche. Einer Hochrechnung „Billboards“ zufolge wären bei einem gewöhnlichen Release mit entsprechender Werbevorlaufzeit mehr als 450.000 Einheiten in den ersten sieben Tagen abgesetzt worden. Unterdessen weisen erste (inoffizielle) Zahlen auch darauf hin, dass „Songs Of Innocence“ auf weit weniger Download-Resonanz stieß, als von vielen Seiten angenommen wurde.