Olympia: Die britische Popmusik als erster Gewinner


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Als popkulturinteressierter Mensch kann man fast neidisch werden auf das, was Danny Boyle da zur Eröffnung von Olympia 2012 auf die Beine gestellt hat. Man mag sich gar nicht ausmalen, wie so was bei uns ausgesehen hätte. Vielleicht so: Dieter Wedel hat die künstlerische Leitung, Xavier Naidoo singt „Dieser Weg“ in einer neuen Version, Dieter Bohlen präsentiert eine Auswahl der besten „Superstars“ und „Talente“ in einem Medley – und beim Entzünden des Olympischen Feuers spielen erst die Scorpions „Longing For Fire“ und dann Rammstein „Feuer Frei“, weil doch beide so erfolgreiche Musik-Exporte sind…

Aber wir wollen uns hier nicht mit Albträumen quälen: Die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London am vergangenen Freitag ist das Thema. Genauer: Die starke Nebenrolle britischer Popmusik in der vom „Trainspotting“- und “ Slumdog Millionaire“-Regisseur Danny Boyle konzipierten Zeremonie. Zuständig für den musikalischen Aspekt waren übrigens Karl Hyde und Rick Smith von Underworld.

Der Auftritt von Paul McCartney war dabei natürlich obligatorisch und wenig überraschend – ebenso wie die Entscheidung „Hey Jude“ zum großen Finale der Show zu singen. Dieser „nah-nah-nah“-Chor klingt ja seit jeher, als wäre es für genau diese Anlässe ersonnen worden.

Überraschender war da schon der Auftritt von Punk-Folk-Songwriter Frank Turner, der sich zu Beginn der „Isles Of Wonder“ betitelten Show dem Millionen-Publikum vor den Fernsehern präsentieren durfte. Turner spielte inmitten des Olympic Stadiums auf den grünen Hügeln eines nachgebauten alten englischen Dorfes seinen Song „I Still Believe“ – eine simple aber mitreißende Liebeserklärung an den Rock’n’Roll. Dem NME sagte Turner nach der Show: „Es war aufregend, eine Ehre und all das. Aber es war ein seltsamer Auftritt, weil vor uns keine Leute standen. Es waren natürlich tausende da, aber die waren sehr weit weg. Direkt vor uns war eine Wiese mit Schafen, Pferden und Darstellern, die so taten, als würden sie Cricket spielen. Das war schräg.“ Dass der international eher in Punk-Kreisen geschätzte Songwriter dort spielen durfte, gehe auf Boyle zurück, verriet Turner, da Boyle geradezu ein „Über-Fan“ seines Schaffens sei und ihn persönlich angesprochen hätte.

Eine weitere Live-Darbietung gab es von Mike Oldfield, der „Tubular Bells“ und Teile von „In Dulci Jubilo“ spielte, während National Health Service-Angestellte um Krankenbetten tanzten. Emili Sandé interpretierte „Abide With Me“ in einem Teil der Show, der den Opfern des Bombenanschlags auf die Londoner U-Bahn vom 07. Juli 2005 gewidmet war.

Die Arctic Monkeys versuchten sich an einem Beatles-Cover von „Come Together“, nachdem sie zu einem Feuerwerk „I Bet You Look Good On The Dancefloor“ spielen durften. Für die regionale Bindung sorgte Dizzee Rascal, der aus der East Lonon-Nachbarschaft Bow stammt und hier die Menge animierte „Bonkers“ zu gehen.

Den vielleicht größten Moment seiner Karriere hatte Alex Trimble, der zur Entzündung des olympischen Feuers sang. Wer sich nun fragt „Whothefuckis… Alex Trimble“, dem sei gesagt, dass es sich dabei um den Sänger des Two Door Cinema Clubs handelt, der hier zum Underworld-Song „Caliban’s Dream“ die Leadstimme sang.

Für die Freunde klassischer Musik gab es immerhin Sir Simon Rattle, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, der den den Vangelis-Klassiker „Chariots of Fire“ dirigierte. Fast perfekt – wenn da nicht Mr. Bean am Keyboard gewesen wäre, der sich herrlich langweilte und die Darbietung mit einem lauten Furz beendete (hier geht’s zum Video).

Neben den Live-Darbietungen war auch die Musik vom Band handverlesen und mehr als passend. Nach dem furiosen Beginn mit dem schon jetzt legendären „James Bond holt die Queen ab“-Einspieler lief  „God Save The Queen“ von den Sex Pistols und „London Calling“ von The Clash. Immer wieder tauchten später Songs aus allen Epochen auf. Unter den Klassikern gab es zum Beispiel The Who mit „Baba O’Riley“, The Jam mit „Going Underground“, die Stones mit „(I Can’t Get No) Satisfaction“, The Specials mit „A Message To you Rudi“, Bowie mit „Starman“, New Order mit „Blue Monday“, die Happy Mondays mit „Step On“, Blur mit „Song 2“, Underworld mit „Born Slippy“ und Pink Floyd mit „Eclipse“.

Eher überraschend geriet die Auswahl, als zum Beispiel „Surf Solar“ von den Experimental-Elektronikern der Fuck Buttons durch das Olympia-Stadion wummerte, Oder „I Heard Wonders“ von David Holmes, der heutzutage vielen als Filmmusikkomponist für Soderberghs „Oceans…“-Trilogie ein Begriff ist, aber seit seinem Solodebüt „Let’s Get Killed“ auch immer wieder für innovative elektronische Alben gut ist. Der in der Zeremonie gespielte Song war der Opener seines 2008er Albums „The Holy Pictures“.

Natürlich waren die Hauptrollen dieser Eröffnungsfeier für die Geschichte Englands, die Sportler und Olympia im Allgemeinen reserviert, dennoch ist es ein starkes Zeichen, wie Boyle und seine Musik-Kuratoren Karl Hyde und Rick Smith hier vor allem den Fokus auf die Popmusik des Landes gelegt haben und hier noch einmal einen Hauch von „Cool Britannia“ in die Welt schickten – auf eine feine britische Art, die auf sympathische Weltstars wie McCartney und charakterstarke, junge Künstler wie Dizzee Rascal und die Arctic Monkeys setzte.

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