Dracula, Diplo, Barock-Spektakel: Das Olympia-Finale in Verona

Achille Lauro als Dracula, Major Lazer als DJ und Joan Thiele als Entdeckung – das Olympia-Finale im antiken Amphitheater Verona war eine Show für die Ewigkeit.

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Um es vorwegzunehmen: Aus popmusikalischer Perspektive bot die Abschlussfeier der Olympischen Winterspiele in Milano Cortina keine wesentlichen neuen Erkenntnisse.

Das römische Amphitheater aus dem 1. Jahrhundert in der Mainstream-Opern-Capitale Verona war vielmehr imposante Bühne für den letzten Akt. Ein italo-typisches Barock-Spektakel mit zig Detailschlenkern, das durch die finalen Medaillen-Ehrungen und die öde Funktionärsrede der maximal uncharmanten IOC-Präsidentin Kirsty Coventry etwas länglich geriet.

Aber wir wollen hier nicht meckern.

Major Lazer und die Thermomix-Party im Amphitheater

Als internationales Aushängeschild hatten sich die Organisatoren für den abschließenden Showblock die Gute-Laune-Profis von Major Lazer geangelt. Das US-Kollektiv um Multi-Macher Diplo steht seit den späten 2000ern für einen globalen Crossover-Sound zwischen Dancehall,

Reggae, Hip-Hop und EDM, der in historischer Kulisse zur Thermomix-Party mit Tänzerinnen und Pyroblitz im Jumbo-Format verarbeitet wurde.
Das offizielle Motto der Show lautete „Beauty in Action“, inszeniert von Eventschmiede „Filmmaster“, die eine Mischung aus Sport, Kultur und Pop aufs Parkett bretterten. Durch TV-Einspielungen wurden Opernfiguren von Rigoletto über Figaro bis zu einer aufwendig kostümierten Madame Butterfly wiederbelebt.

Auch ohne das obligatorische Feuerwerk (das in der Altstadt von Verona nicht erlaubt war) brachten Spezialeffekte, Videoinstallationen und Verkleidung galore die gewünschten großen Bilder fürs weltweite Fernsehen: Laut Kreativchef Alfredo Accatino sollte es „etwas sein, das man so noch nie gesehen hat“. Well done!

Roberto Bolle, Benedetta Porcaroli und geballte Kulturpower

Neben den internationalen Beats setzte es geballte italienische Kulturpower: Roberto Bolle, als kontemporärer Primaballerino an der Mailänder Scala einer der berühmtesten Tänzer der Welt, wirbelte im ukrainisch blau-gelben Dress durch mehrere Dimensionen. Schauspielerin Benedetta Porcaroli rahmte das Mega-Programm IT-Girl-mäßig ab, indem sie schön anzuschauen durch die einzelnen Programmpunkte wandelte – mit filmischem Flair.

Joan Thiele: Italiens Antwort auf St. Vincent

In einer Video- und Tänzer-generierten Meditation über die verschiedenen Formen des Wassers – Schnee, Eis, Dampf und auch der zentrale italienische Fluss Po, der als Delta bei Venedig (Gondeln! Maskenkarneval!) ins Mittelmeer mündet – gab es sogar eine Entdeckung. Die Musikerin Joan Thiele, die das Ganze mit Haargesteck und Elektro-Gitarre zusammenfügte, darf zweifellos als ebenbürtige italienische Antwort auf St. Vincent gesehen werden.

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Achille Lauro als Dracula: Arrivederci 2028

Als Wiedergänger von Dave Vanian (The Damned) kam Italo-Rapper Achille Lauro im Dracula-Outfit und kecker Schmalzlocke auf der Stirn „in aufreizender Extravaganz“, so der Kommentator im ZDF. Er machte nicht den wilden Watz, sondern intonierte eine Canzone hinaus in die olympische Abschlussnacht. Arrivederci 2028 dann in den französischen Alpen.

Paralympische Spiele und der nächste politische Ärger

Der veronesische Abschluss war übrigens kein endgültiges „Ciao“, sondern eher ein „A presto“. Am 6. März wird hier auch die Eröffnung der Paralympischen Spiele stattfinden, wo bereits der nächste politische Ärger droht. Die Teilnahme einer Sportler-Delegation aus Russland mit Fahne und Einmarsch-Pomp sorgt im Vorfeld für Alarmstimmung in den Gremien.

Und ja: Ab Dienstag (24. Februar) ist der Italo-Pop, der hier mit Klassikern wie Minas „Se Telefonando“ oder „Il Cielo in una Stanza“ (geschrieben vom großen Gino Paoli) im Medley gewürdigt wurde, wieder unter sich: Dann beginnt das Songfestival in San Remo.

Ralf Niemczyk schreibt freiberuflich unter anderem für ROLLING STONE. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.