Queens Of The Stone Age: der Klang der qualmenden Pfeifen


von

Josh Homme, Queens of the Stone Age

Das Amüsante, in diesem Genre sonst nicht zu Hause, sei vorausgeschickt: Kaum eine der im Folgenden erwähnten Bands nennt ihre Musik tatsächlich „Stoner Rock“. Die Musiker bezeichnen ihre Klänge vielmehr als „Desert Rock“ (Kyuss), „Drug Rock“ (Monster Magnet) oder ganz einfach „Rock’n’Roll“. Dennoch hat die amerikanische Presse dem dröhnend-groovenden Sound diesen Stempel aufgedrückt. Und dafür gibt es einen Grund, denn der Konsum mehr oder weniger harter Drogen spielt nicht nur im Lebensgefühl und in den Texten dieser Gruppen eine bedeutende Rolle – auch die Entstehung ihrer Musik hängt offenbar in nicht geringem Maße vom getrockneten Kraut in Pfeifen, Bongs und Joints ab.

Von anderen Substanzen zu schweigen! Gerade haben Queens Of The Stone Age mit einem Hymnus auf Kokain ihr Album „Rated R“ eröffnet. Der gegrölte Refrain besteht aus diesem einen Wort – ein Erlösungsschrei, der sich wesentlich von den betrübten Grübeleien der Songschreiber in den 70er Jahren unterscheidet Blickte man damals fatalistisch auf die eigene Sucht und zapfte noch ein Besinnungsliedchen daraus, regiert bei QOTSA, so die sprechende Abkürzung des Band-Namens, der schönste Hedonismus. Seltsamerweise distanziert sich Josh Homme, Chef der Band, von den verschwitzten „jock dudes“ mit nacktem Oberkörper, die bekifft durchs Publikum taumeln und die Haare schütteln. Bei Konzerten erwartet er mehr „Sex“ von einem Publikum, das „in einer utopischen Welt tanzen und trinken“ soll. Wobei Tanzen zu Stoner Rock ähnlich funktioniert wie Singen zu Architektur.

Mitte der 80er Jahre gab es zwar schon überall solche Bands wie Trouble, St. Vitus oder The Obsessed, aber die Wurzeln des kurrenten Stoner-Booms liegen in der kalifornischen Wüste. Dort hatten 1989 ein paar Kids eines Nachts mal wieder zuviel Psychedelic-Rock gehört und – von Pot und Bier benebelt – beschlossen, endlich eine eigene Band zu gründen, um ihren Helden MC5, Blue Cheer, den Space-Rockern Hawkwind und besonders Black Sabbadi nachzueifern. Gnadenlos übersteuerte Gitarren und Bässe, dazu wuchtig schepperndes Schlagzeug und ein jaulender Sänger. Laute und möglichst stoisch wiederholte Riffs und Grooves waren wichtig bei Gründung von Kyuss, ebenso die Freiheit, nach Herzenslust auf diesen Grundlagen zu jammen. Klassische Songstrukturen hingegen galten als nebensächlich, ja lästig. Genauso wie der Geschwindigkeitswahn von Heavy-Metal-Bands wie Metallica, Megadeth und Slayer. Das Tempo wurde dem Körpergefühl bei einer Marihuana-Dröhnung angepasst. Etwaige Spontanlähmungen wurden als Breaks mühelos in den Sound integriert.

Das Quartett hatte Glück – das Demo landete im Kassettenrecorder von Masters Of Reality-Chef Chris Goss, der sich sofort bereit erklärte, das Debütalbum „Wretched“ der Band um Sänger John Garcia und Gitarrist Josh Homme zu produzieren. Bereits das Zweitwerk „Blues For The Red Sun „erschien bei einem Unterlabel des Medien-Giganten Warner und zählt heute zu den unumstrittenen Klassikern eines Genres, zu dessen Stars auch Bands wie Monster Magnet, High On Fire, Fu Manchu und deren Ableger Nebula zählen.

Der legendäre Plakatkünstler Frank Kozik leitet eine Wohnzimmer-Firma namens „Man’s Ruin Records“, die zum wichtigsten Label der Szene avancierte und die nach dem Ende von Kyuss (1995) gegründeten Queens Of The Stone Age (mit Josh Homme) und Unida (Garcia) unter Vertrag nahm. In losen Abständen erscheinen auf „Man’s Ruin“ im lOinch-Vinyl-Format die „Desert Sessions“. Auf diesen jeweils einige Monate später auch auf CD veröffentlichten EPs findet sich regelmäßig ein „Who’s Who“ der Szene, die in immer neuen Konstellationen untereinander kollaboriert Improvisation und Spontaneität gehören zu den Selbstverständlichkeiten des Genres. Bisher gibt es sechs Folgen dieser beliebten Reihe – ein Ende ist nicht abzusehen.

Auch bis Europa ist der nebelschwangere Sound vorgedrungen. Während in Großbritannien Orange Goblin mit ihrem zusätzlich vom frühen 80er-Jahre-Metal beeinflussten Stil die rührige Szene beherrschen, sind die wichtigsten Festland-Bands 7 Zuma 7 aus den Niederlanden sowie Dozer aus Schweden und die Münchener Lärm-Rocker Mass, die als erste hiesige Formation bei „Man’s Ruin“ unterzeichnen durften. Alle diese Bands zählen natürlich zum Underground, aber der verzeichnet bei Konzerten erhebliche Besucherzahlen, und eine Band wie Queens Of The Stone Age erfreut mittlerweile nicht nur die einschlägige Haudrauf-Fachpresse.

Bisher noch eine echte Ausnahme ist die Damenriege von Misdemeanor, deren Debüt-EP „Fire Wheel Drive“ durch einen Gastauftritt von John Garcia geadelt wurde. Wenn allerdings die Entwicklung des Stoner-Rock so weiter geht, dürfte diese Sonderstellung bald der Vergangenheit angehören.

ablo Vera-Lisperguer/LatinContent/Getty Images