Reeperbahn Festival 2022: Drei Jungs aus Manchester gewinnen den Anchor Award


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Drei Dinge weiß nun, wer die Gala zum Anchor Award 2022 besucht hat:

1) Ein Newcomer sieht auch in diesem Jahr meist männlich, weiß, mit Gitarre um den Hals aus. Zu den zwei Ausnahmen später mehr.

2) Neue Musik 2022 ist retro und klingt überraschend oft nach den frühen 80er-Jahren, als die Künstler*innen auf der Bühne noch nicht geboren waren.

3) Vielversprechendster Nachwuchsmoderator ist Pelle Almqvist, im Hauptberuf Sänger der nicht mehr so neuen Band The Hives.

Die Award-Verleihung ist im siebten Jahr deutlich mehr Gala geworden, das Moderationsduo Aminata Belli und Sven Gätjen schlägt sich gut und quatscht kurzweilig und souverän jede Umbaupause weg, die Jury (u.a. Bill Kaulitz, Joy Denalane und die brasilianische Transkünstlerin-mit 35-Millionen-Followern-Superstar Pabllo Vittar) ist super, die Technikprobleme halten es irgendwie „indie“. Und doch wirkt die grundsympathische Veranstaltung ein bisschen aus der Zeit gefallen.

The Nominees Are …

Von den sieben nominierten Acts, die am Samstagabend im St. Pauli Theater zum Fight um den zum goldenen Dreieck geformten Award antreten, sind fünf männlich und alle von Gitarren dominiert. Im Einzelnen:

Vlure, in schwarz und Schottenröcke gekleidete, kurzgeschorene, brüllsingende und an EBM und Synth-Rock erinnernde Band aus Glasgow.

Ekkstasy, 18-jähriger aus Vancouver in zerrissenem T-Shirt und waidwunden Posen, zwischen Morrissey und Robert Smith changierend.

The Haunted Youth, eine druckvolle, handwerklich superkorrekte Psych-Popband aus Belgien mit langen Haaren und Keyboarderin (auch langhaarig).

Philine Sonny, eine junge Strickjacken-Songwriterin aus Unna mit männlicher Begleitband und überzeugend klassisch und abgehangen klingenden Liedern (und einer zurückhaltenden Non-Performance).

Cassia, ein Jungs-Trio aus Manchester mit perfekten, nach Hit klingenden Popsongs und Peter-Hook-Gedächtnisbass.

Lime Garden, eine vierköpfige Frauenband aus Brighton, eigensinnig gestylt als wären sie Protagonistinnen eines Cure-Videos, die rhythmisch vertrackte, genreüberwindende und ein bisschen verträumte Songs macht.

And The Anchor Award Goes To …

Das machte Spaß. Und am Ende gewannen Cassia, nicht unverdient, denn die können alles, was man für einen Hit braucht, und das beim Anchor aufgeführte „Right There“ hat auch schon 6 Millionen Aufrufe bei Spotify. (Klingt ein bisschen wie Django Django oder Everything Everything, patenter „Indie-Pop“, wie man das gerne nennt.) Dass Cassia aus Manchester – genauer: Macclesfield, Home of New Order und Happy Mondays – kommen, demonstrieren die Drei, als sie mit Bierflaschen bewaffnet und lad-mäßig maulfaul ihren Award auf der Bühne in Empfang nehmen.

 

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Wer tatsächlich auch einen Preis verdient hätte: das in weißem Anzug und 70er-Jahre-Gedächtnisfönwelle auftretende Jurymitglied Pelle Almqvist, der im Plausch mit Aminata Belli eine missglückte Umbaupause überbrücken musste, was den beiden fast so gut gelang wie Marcel Reif und Günter Jauch 1998 die legendären 78 Minuten von Madrid, als im Spiel zwischen Real Madrid und Borussia Dortmund ein Tor umgefallen war. Ok, Belli („there is a little Kaschemme round the corner“) und Almqvist (“Blue Curacao without alcohol? Makes no sense”) mussten bloß 7 Minuten überbrücken, das aber äußerst unterhaltsam. Wenn es mit The Hives nicht mehr so läuft, sollte der Sänger den Beruf wechseln.