Reeperbahn Festival: Panels zu Rechtsrock – und dem Corona-Festivalsommer


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In den Clubs, Kneipen, Kirchen und Kaschemmen der Reeperbahn gibt es vier Tage lang so viele, und so verschiedene, Veranstaltungen, da kann ein einzelner Festivalbesuch nur sehr subjektiv sein. Um einen Eindruck von den Themen zu geben, die dieses Jahr im Konferenz-Teil des Festivals diskutiert werden, hier ein paar Notizen aus zwei Panels.

Streaming-Dienste verbreiten Rechtsrock

Zuerst „Antifascist Algorithm“: Alle großen Streaming-Konzerne haben auf ihren Plattformen Rechtsrock im Angebot – und deren smarte Algorithmen, die Musik empfehen und Playlists erstellen, helfen noch bei der Verbreitung. Denn wer einmal Rechtsrock gehört hat, bekommt noch mehr empfohlen. Das ist ein besonders großes Problem, so Nicolas Klein von der Werbeagentur Philipp und Keuntje, weil der Einstieg in die rechte Szene nicht selten über Kulturprodukte wie Rocksongs passiert. Er hat, zusammen mit der Initiative Laut gegen Nazis, eine Fake-Band bei Streamingdiensten platziert: die Band Hetzjaeger, der Ästhetik einer Rechtsrock-Band nachempfunden, aber eigentlich eine Anti-Nazi-Band.

Solche Stunts weisen auf das Problem hin, aber ändern nichts. Das können nur die Unternehmen selbst – oder die Politik. Ein einziger Streamingdienst hat sich bereiterklärt, zu dem Thema Stellung zu nehmen: Frédéric Antelme von Deezer ist Teil des Panels. Viel mehr als „Wir arbeiten dran“ kann er allerdings auch nicht sagen. Sebastian Krumbiegel entgegnet: Warum nimmt man nicht die Politik in die Pflicht? Unternehmen seien immer profitorientiert und würden im Zweifel auf ein (zahlendes) rechtes Publikum nicht verzichten wollen, deswegen müsse staatliche Regulierung her. Das Problem, dass viele rechte Bands nicht ohne weiteres als solche erkennbar sind, könne allerdings auf einer Vertriebsebene gelöst werden, sagt Jörn Menge von Laut gegen Nazis, in dem Streaming-Anbieter einfach den gesamten Katalog eines Labels nicht featuren.

„Wir brauchen eure Unterstützung“

Die Bühne leert sich, nächstes Panel: Wie war der Festivalsommer aus Sicht der Veranstalter*innen? Antwort: Geht so! Die Auslastung lag bei allen Anwesenden – Summerjam, Juicy Beats, Orange Blossom Special, MS Dockville – bei 80 Prozent. Es war also nichts ausverkauft. Das wird von ihnen sehr unterschiedlich bewertet: Marius Brozi vom Summerjam ist im Grunde zufrieden, während Rembert Stiewe vom OBS sein Festival als existenziell bedroht sieht.

Und die Aussichten sind düster: Steigende Energiepreise und die Inflation machen Veranstalter*innen zu schaffen, ohne höhere Ticketpreise wird es nicht gehen. Dabei ist es natürlich eine „Scheißzeit, Tickets teurer zu machen“ (Stiewe). Denn bei 80% Auslastung sei das Marktsignal eher das Gegenteilige: Tickets müssten günstiger werden, damit wieder mehr Leute kommen. Es führt wohl kein Weg vorbei an größerer Transparenz mit dem Publikum. Keine künstliche Verknappung, keine „Restkarten“, sondern die ehrliche Ansage: Wir brauchen eure Unterstützung.