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Reeperbahn Festival: Wenn „I Shot The Sheriff“ problematisch wird


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Hunderte Bands in Dutzenden Clubs, auf Europas größtem Clubfestival, aber es ist (was die Pandemiebekämpfung angeht: zum Glück!) nicht so leicht, in einen der Dutzenden Clubs auch wirklich reinzukommen. Die Veranstaltungsorte werden bei maximal 40 Prozent Kapazität bespielt, und diese 40 Prozent sind in kleinen Clubs wie dem Indra oder dem Molotow sehr schnell erreicht. Es passiert also gleich zwei Mal, dass ein freundlicher Mann vom Festival genau, als ich dran bin, seinen Arm zur Schranke macht und sagt: „Sorry, mein Lieber. Einlasssperre.“

Bei den Veranstaltungen der Konferenz —denn das Reeperbahn-Festival ist ja nicht nur ein Musikfestival, sondern ein internationaler Branchentreff —ist es ein wenig leichter. Also rette ich mich vor dem drohenden Regen nicht in einen Club, in dem Musik gespielt, sondern in ein Vier-Sterne-Hotel, in dem über Musik diskutiert wird. Jetzt: „Alles von der Kunstfreiheit gedeckt?“, moderiert von Aida Baghernejad, mit Johannes Ulbricht (Justiziar), Molly Mönch (Audiolith-Geschäftsführerin), Runa Hoffmann (Agentur für kulturellen Wandel) und Danger Dan (Danger Dan). „Was nicht geht, ist ein Gewaltaufruf gegen einzelne Personen oder identifizierbare Personengruppen“, erklärt Ulbricht. Beispiel: „I Shot The Sheriff“ – problematisch. „But I swear it was in self-defense.“ Na gut.

Ist Danger Dans polarisierender Song, nach dem das Panel benannt ist, nicht auch eine Art Verschiebung des Sagbaren? „Ich hoffe sehr“, antwortet er. „Ich glaube, dass es ganz gut ist, Neonazis das Leben zur Hölle zu machen und sie zurück in ihre Löcher reinzutreiben.“ Die entscheidende Frage ist, da sind sich alle einig, wie gesellschaftlicher Wandel bewirkt werden kann. Geht es nicht viel eher um einen Bildungsdiskurs als um die Frage nach Kunstfreiheit? Gesamtgesellschaftliche Problematiken bedingen die Kunstproduktion, da müsse also angesetzt werden. Wie? Hoffmann schlägt vor: Die Betroffenenperspektive stärker herausstellen. Aber auch Tätern die Aussicht auf Läuterung geben, sie nicht unwiederbringlich ächten.

Poppiger Trap wird zur Alternative Rock

Wieder draußen, zurück zur Musik. Eine Auswahl der heute spielenden Acts: der Berliner Indie-Boy Betterov, die ungarischen Jazzbois, die Münchner Songwriterin Diana Goldberg, die R‘n‘B-Sängerin May The Muse, die Classic-Rocker Kadavar. Ich gehe zu Mavi Phoenix, dem österreichischen Rapper, der auf der Arte Concert Stage spielt, unter freiem, plötzlich überraschend freundlichem Himmel. Phoenix tritt mit Band auf, die seinen poppigen Trap in Alternative Rock verwandelt, ein gelungenes Genrespiel. Und mit Live-Instrumenten schlägt Hip-Hop sowieso immer härter ein. Das Publikum steht in Gruppen und lässt Lücken, es geht nicht anders, und es ist ja gut, dass darauf geachtet wird, aber ein unbeschwertes Live-Gefühl kann sich so nicht einstellen.

Lie Ning

Danach noch einmal der Versuch bei einem Club, und in der langen Schlange vor dem Nochtspeicher machen sie schon Witze, rufen „Einlassstop!“ oder „Hier passen nur vier Leute rein, der Schlagzeuger muss draußen bleiben“, aber es klappt letztlich doch, zum Glück, denn das Konzert ist dann ganz fantastisch: Lie Ning, ein junger Berliner R‘n‘B-Sänger und Tänzer, der samten und sensibel singt, der mit den Händen Figuren in die Luft zeichnet, anmutig und wendig, spielt ein dreiviertelstündiges Set, vor einem Publikum, das an kleinen Tischen mit kleinen Lampen sitzt und nicht aufstehen darf, dabei würde man so gerne aufstehen und tanzen (wenn auch weniger anmutig als Lie Ning). Er ist für den Anchor Award nominiert und tritt hier auch vor der Jury auf. Yvonne Catterfeld groovt im Takt, sie fühlt es. Tony Visconti sitzt hochkonzentriert da. Fühlt er es? Man wird es am Samstag erfahren, da wird der Gewinner bekannt gegeben. In jedem Fall ist das genau das Reeperbahn-Festival-Feeling: In einen kleinen Club gehen, auf gut Glück, und wieder herauskommen: entflammt.

Jan Jekal