„Atlanta“ – Staffel 3: Willkommen in der „Twilight Zone“



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Nur wenige Serien können es sich erlauben, knapp vier Jahre zwischen zwei ihrer Staffeln vergehen zu lassen. Nur um nach einer  neuer Staffel das Publikum dann leicht verwirrt und hungrig nach mehr zurückzulassen. „Atlanta“ ist eine dieser Serien. Bereits sehr früh war klar, dass die oberflächlich so klare Geschichte über den abgehalfterten College-Abbrecher Earn (Donald Glover) und seinen Cousin, den aufstrebenden Rapper Paper Boi (Bryan Tyree Henry) sehr viel größere Ambitionen hatte, als nur eine Geschichte über die holprige Karriere eines talentierten HipHop-Künstlers zu erzählen.

Mit einfachen Fragen und Antworten gab sich „Atlanta“ nie zufrieden: Waffen und Weed, Glamour und Gewalt, Freiheit und Paranoia bestimmen das Leben der Protagonist*innen. Über allem die Erfahrung, dass es hart bis unerträglich sein kann, als Schwarzer Mensch in den USA des 21. Jahrhunderts zu leben.

Staffel zwei endete mit dem kurz bevorstehenden Karrieredurchbruch Paper Bois, der sich auf eine Europatour als Headliner aufmacht. Nicht ohne einen Preis dafür bezahlt zu haben: Earn lieferte dafür einen anderen Rapper ans Messer, indem er ihm kurz vor dem Flughafensicherheitscheck eine geladene Waffe ins Gepäck schmuggelte. Karriere? Yeah! Aber nur auf Kosten anderer.

Staffel drei kommt nun nicht nur mit vier Jahren Abstand, sie verwehrt auch den direkten Anknüpfungspunkt. Statt Earn, Paper Boi und Darius zu folgen, wirft uns Episode eins – wie noch zwei weitere Episoden dieser Staffel – in eine in sich geschlossene, auf den ersten Blick mit unserer Hauptgeschichte nicht in Zusammenhang stehende Mini-Geschichte. Diese Episoden wirken, als hätte Jordan Peele („Get Out“, „Us“ und „Nope“) daran Hand angelegt: Als eine Art „Twilight Zone“ entfalten sich hier drei Einblicke in verschiedene Paralleluniversen. Eines, in dem Reparationszahlungen für Sklaverei durchgesetzt wurden und das Leben vieler Menschen neu ordnen; eines, in dem der wahre Fall des beim Doppelselbstmord seiner Pflegeeltern tragisch ums Leben gekommene Devonte mit einem Happy End versehen wird; eines in dem der Tod eines New Yorker Upper Class-Kindermädchens unheimliche Ereignisse nach sich zieht.

Zwischen diesen Episoden findet die Odyssee des Trios statt, das durch Earns Ex-Freundin Vanessa (Zazie Beetz) zum Quartett ergänzt scheinbar ziellos durch Europa zieht. Doch die schöne neue Glitzerwelt, durch Paper Bois Erfolg ermöglicht, offenbart Unwägbarkeiten und Fallstricke. Ob im bizarren Umfeld einer Milliardärs-Party zwischen High-Stakes-Poker und Kunstmäzen-Abzocke, auf spirituellem Selbstfindungstrip (Betonung auf Trip) in Amsterdam oder als unglaubliches Abenteuer eines kannibalistischen „Irma Vep trifft Amelie-Verschnitt in Paris“ – „Atlanta“ lässt sich auf seinem wilden Ritt nie in die Karten schauen. Dabei geht es wie gewohnt um große Themen, klug versteckt in kleinen Geschichten: Wie „real“ und wahrhaftig kann man sein in einem Umfeld, in dem Selbstinszenierung höchstes Gut ist? Wie sozial darf man sein in einer Welt, die scheinbar nur Egoismus honoriert? Kann ich ein guter Mensch sein und gleichzeitig erfolgreich?

Als Serie, die sich in Staffel drei noch weniger als zuvor fassen und kategorisieren lässt, ist „Atlanta“ in der Schwemme an austauschbarem Serien-Content eine Ausnahmeerscheinung. Als dezidiert politische Serie, die jedoch frei von einer Agenda sämtliche Beobachtungen in surreale weirdness und unbestreitbar prägnante Episoden kleidet, ist „Atlanta“ eine der wenigen Serien des Jahres, die das Prädikat „unmissable“ verdienen.


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