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Bob Dylan Shadows In The Night

Sony

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Im Herzen des dylanschen Schaffens stand immer die Interpretation. Nicht zuletzt sein gesamtes Spätwerk ist eine Aneignung und Umdeutung alter Lieder. Auf „Shadows In The Night“ präsentiert der Sänger nun seine Versionen von Songs, die vor allem in den Fassungen von Frank Sinatra bekannt geworden sind. Sinatra und Dylan –  eine interessante Konstellation. Zwei Einwandererkinder, die zu amerikanischen Archetypen wurden, der Star und der Hobo, der Crooner und der Songwriter, beide Trickser, Spieler, song-and-dance men; der eine Stimme, der andere Bauchredner des amerikanischen Songs und unter verschiedenen Vorzeichen zwei der größten Sänger des 20. Jahrhunderts.

Im 21. Jahrhundert hat Dylan zuletzt zugegebenermaßen öfter bis an die Schmerzgrenze gebellt, geröchelt und geraspelt. Auf „Shadows In The Night“ allerdings werden wir nun Zeuge des dylanschen Belcanto. Er streckt sich nach den richtigen Noten, singt ausschließlich in Tonlagen, die ihm noch störungsfrei zur Verfügung stehen – schmeichelt, schwelgt, barmt. Manchmal erkennt man darin einen jüngeren Dylan wieder. Dazu weint leise die Steel-Guitar, Besen fegen sanft übers Schlagzeug, der Kontrabass brummt behaglich, und Bläser tönen verhalten.

„Shadows In The Night“ ist die Beschwörung einer Ära und eines magischen Ortes. Dylan und seine Tourband nahmen es in den Capitol-Studios in Los Angeles auf, wo auch viele der „Originale“ entstanden. Paul McCartney zelebrierte hier vor drei Jahren ebenfalls seine Hommage an den amerikanischen Song, „Kisses On The Bottom“. Ebenso wie Macca arbeitete Dylan mit dem Toningenieur Al Schmitt, einem zigfachen Grammy-Gewinner, der auch an Sinatras letzten Alben mitwirkte. Ihm dürfte es zu verdanken sein, dass diese live gespielten, mit vor dem Auge des Sängers versteckten Mikrofonen aufgenommenen Tracks besser klingen als alle Dylan-Alben der vergangenen 15 Jahre. 

Neun der zehn Lieder, die Dylan auswählte, sang Sintra erstmals in den Vierzigern und Fünfzigern, nur eins, „Stay With Me“, stammt aus den Sixties; gleich vier erschienen 1957 auf „Where Are You?“, dem ersten Album, für das nicht mehr Nelson Riddle, sondern Gordon Jenkins die Arrangements besorgte und dabei oft etwas zu opulent und melodramatisch auftrug. Dylan nimmt den Liedern die Schminke und die Abendkleider ab, zeigt sie im Licht der blauen Stunde nackt, verletzlich und in der Schönheit ihres Alters. Ausgerechnet der zu Tode gespielte Standard „That Lucky Old Sun“ ist der Höhepunkt dieser Reise ans Ende der Nacht. Bob Dylans Herz schlägt in diesen Liedern, mit letzter Luft hat er sie zum Leben erweckt. Ein weiteres Selbstporträt in fremden Farben.

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