Highlight: Das sind die 50 besten deutschen Alben aller Zeiten

Die Toten Hosen Ballast der Republik


JKP VÖ: 04. Mai 2012

Die langweilige Frage, ob das noch Punkrock ist, sparen wir uns jetzt mal, und schauen einfach auf die Songs. Von denen gibt es auf dem neuen Doppelalbum zum 30-jährigen Bandjubiläum viele – 16 eigene und 15 Coverversionen haben Die Toten Hosen zusammengetragen. Es war kein leichtes Unterfangen (wie man in unserer April-Titelgeschichte lesen konnte), aber das ist es bei den Düsseldorfern ja nie. Das Schöne ist: Man hört das diesmal nicht. Lange klangen die Hosen nicht so zwingend. Auf „Ballast der Republik“ bündeln sie ihre Kräfte effizient wie ungefähr seit (dem arg unterschätzten) „Auswärtsspiel“ nicht mehr.

Der Titelsong gibt das Tempo vor – und widmet sich einem Lieblingsthema Campinos. Mit dem Rostocker Rapper Marten „Marteria“ Laciny hat er sich Gedanken um den Stand der Republik gemacht: „Wir haben keine Zeit mehr/ Für Politik und Religion/ Wenn wir an Götter glauben/ Dann tragen sie Trikots.“ Und doch drückt einen immer die Last der Geschichte nieder, und die Sorgen der Gegenwart auch – es ist das alte Lied der Deutschen. Und es ist eine klassische Hosen-Hymne: Eigentlich müssten diese Lieder deprimierend sein, aber man will doch sofort mitsingen. So ist das auch bei „Traurig einen Sommer lang“, der Satire über das tragische Musikantenleben.

Die Toten Hosen sind längst keine Dilettanten mehr, man hört das an der abwechslungsreicheren Instrumentierung (sie haben in Vincent Sorg jetzt auch den passenden Produzenten und mit Tobias Kuhn einen tollen Arrangeur), und wenn sie mal wieder einen simplen Brecher schreiben, dann aber richtig – siehe „Zwei Drittel Liebe“ oder „Schade, wie kann das passieren“. Die nachdenklicheren Lieder, in denen Campino über Vergänglichkeit, Moral und Sinn sinniert, gibt es natürlich auch: das Flüchtlingsdrama „Europa“ oder „Altes Fieber“, das gegen den Alltagstrott und die Erinnerungen an angeblich bessere Zeiten kämpft. Am anrührendsten sind aber die beiden Balladen über Väter: „Draußen vor der Tür“ erzählt Campino aus der Sicht des jetzt versöhnlicheren Sohnes, in „Das ist der Moment“ geht es um ihn als Vater – aber auch als Sänger und Rockstar. Ein ehrliches Lied ohne Pathos oder Angeberei.

Kooperation

Und dann sind da noch „Die Geister, die wir riefen“. Die Hosen covern nicht nur die erwartbaren Kollegen aus Düsseldorf – Male, Mittagspause, S.Y.P.H., nein. Sie verneigen sich auch vor Falcos „Amadeus“ und dem „Model“ von Kraftwerk, sie spielen Hannes Waders „Heute hier, morgen dort“ und „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten. Am überraschendsten ist aber wohl, dass weder die Vertonung von Hermann Hesses „Im Nebel“ noch die von Erich Kästners „Stimmen aus dem Massengrab“ peinlich geraten ist – die Gedichte klingen einfach wie Hosen-Lieder. Das muss man erst mal schaffen! Am Ende kommt noch die alte Weise „Lasset uns singen“. Auf die nächsten 30 Jahre! Oder wenigstens zehn.


ÄHNLICHE ARTIKEL

Das sind die 50 besten deutschen Alben aller Zeiten

Die 50 besten deutschen Platten aller Zeiten. Mit Kraftwerk, Can und Fehlfarben - und garantiert ohne Helene Fischer.

Toten-Hosen-Doku: Campino über den Rauswurf des Kamerateams aus der Umkleide

Mit „Weil Du nur einmal lebst“ läuft eine Dokumentation über die jüngste Tour der Toten Hosen an. Über die härteste Szene hat Campino mit uns im Interview gesprochen.

Interview über Toten Hosen: „Es ist kein Verrat, nüchtern auf die Bühne zu gehen“

Mit „Weil Du nur einmal lebst“ kommt eine Dokumentation über die 2018er-Tournee der Toten Hosen ins Kino. Ein Interview mit Campino und der Regisseurin des Films, Cordula Kablitz Post, über abgelegte Feier-Rituale, den Hörsturz und fanatische Fans aus Argentinien.


Campino schlüpft auf Flügen in Gummi-Anzug -„wie eine Thrombose-Socke für den Körper“

Zugegeben: Noch uncooler geht es für einen Rockstar eigentlich nicht. Campino, Frontmann von Die Toten Hosen, schlüpft auf Flügen in ein Ganzkörper-Kondom. „Es gibt so eine Art Gummi-Anzug, in den ich mich vor Interkontinentalflügen zwänge“, sagte der Sänger der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Der Anzug sei „wie eine Thrombose-Socke für den ganzen Körper“, erzählte Campino. „Nicht gerade sexy, aber effektiv.“ Thrombose-Anzug hält fit Die Wirkung dieses Thrombose-Anzugs erklärte der 56-Jährige mit dem Fitness-Effekt. „Viele Sportler benutzen sowas ebenfalls, weil es den Kreislauf anregt und man nach einem Zwölf-Stunden-Flug fitter ankommt.“ In das Outfit wirft sich Campino aber erst auf der Flughafen-Toilette.…
Weiterlesen
Zur Startseite