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Friederike Gösweiner Traurige Freiheit

Droschl

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Just in dieser Minute entschließt sich eine junge Frau oder ein junger Mann aus der Provinz dazu, nach Berlin oder Hamburg oder München zu ziehen, um dort vielleicht ein Volontariat in einer Zeitungsredaktion zu beginnen oder als Trainee in einem großen Unternehmen anzufangen. Es ist ein Schritt, der natürlich mit großer Hoffnung verbunden ist – aber auch mit einem diffusen Druck, sich selbst etwas zu beweisen, in der großen Stadt anzukommen, in einer knallharten Leistungsgesellschaft einen Platz zu finden, ohne Schwäche zu zeigen.

Die österreichische Schriftstellerin Friederike Gösweiner erzählt in ihrem Debütroman „Traurige Freiheit“ geradezu exemplarisch von einem dieser Geschöpfe, das versucht, die Flucht nach vorn anzutreten – alle Sicherheiten aufzugeben, um endlich jene Freiheit zu gewinnen, von der alle schwadronieren. Schnell wird klar, dass sich dieser Wunsch für die junge Hannah, die für ein Zeitungsvolontariat ihren Freund Jakob zurücklässt und in Berlin stattdessen in eine handfeste Lebenskrise rutscht, nicht erfüllen wird. Die Redakteure wollen ihre angebotenen Artikel bald nicht mehr, jede weitere Ausbildungsmöglichkeit wird zudem von undurchschaubaren Assesment-Centern blockiert.  Ausgerechnet ihre beste Freundin Miriam, die bereits in der Hauptstadt Fuß gefasst hat und sie wohl auch mit einem neuen, ungebunderen Leben gelockt hat, ist für einen lukrativen Korrespondenten-Job nach Moskau gezogen. Doch es bleibt ja immer noch Skype. Und immerhin ein Job als Kellnerin in einem Café – auch wenn Hannah sich das Leben in der Hauptstadt anders vorgestellt hat.

Gösweiner, die sicher auch aus ihrer eigenen Erfahrung als Journalistin schöpft, beobachtet mit psychologischem Feingefühl, wie sich das prekär gewordene Leben wie ein schwerer Ölfilm über die eigenen Wünsche legt. Natürlich geht es um die große Frage, was all die vor allem durch technischen Wandel erkämpften Freiheiten wie grenzenlose Mobilität oder immerzu und überall mögliche Kommunikation Wert sind, wenn der Preis für die Nichterfüllung der Karriereträume grenzenlose Einsamkeit ist.

Wieder mal ein Generationenroman, sicher. Allerdings ein angenehm unprätentiöser. Der Vergleich zu „Superposition“ von Kat Kaufmann, auch einer dieser Berlin-Romane, in der sich eine junge Frau in ihren späten Zwanzigern in der dortigen Kreativszene versucht und dabei orientierungslos auf der Suche nach Halt (und einem starken Mann) ins Taumeln gerät, bietet sich an. Doch während die literarische Debütantin Kaufmann sich für einen geschwätzigen, sicher kunstvollen, letztlich aber hemmungslos narzisstischen Tonfall entscheidet, versucht es Gösweiner mit melancholisch grundierter, nicht zuletzt aber auch kritischer Empathie für all jene, die eigentlich erwachsen sein sollten. Irgendwo dort draußen wartet ein besseres Leben, aber kampflos wird es nicht zu finden sein.

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