Graham Coxon : A + E (Kritik & Stream) - Rolling Stone






Graham Coxon  A + E


Parlophone/ EMI VÖ: 30.03.2012


von

Als „electronic dance music“ bezeichnete Graham Coxon in einem ersten Interview sein neues Album. Beziehungsweise, relativierte er, Tanzmusik für Menschen, die in der Regel nicht öffentlich tanzen, weil sie zu schüchtern sind und daher erst viel trinken müssen, was sie dann bei den ersten ungelenken Moves allerdings mit der Übelkeit kämpfen lässt. Alles beim Alten also. Graham Coxon bleibt die zentrale Tanzschaffe für Nerds und Nichttänzer, Autisten und Außenseiter, Kritiker und Käuze.

Natürlich hat der Gitarrist nach seiner unehrenhaften Entlassung bei Blur zumindest ab und zu versucht, seinen musikalischen Kosmos für die Allgemeinheit zu öffnen. Etwa mit der eingängigen, programmatisch betitelten Pop-Platte „Happiness In Magazines“ oder dem psychedelischen Folk von „The Spinning Top“. Doch nun, wo er mit Blur am nächsten Album arbeitet, kann er die Türpolitik für sein Solowerk wieder etwas schärfer angehen. „A + E“ macht es Freunden der oben genannten Werke um einiges schwerer hineinzufinden.

Am Anfang steht der schroffe, zerschossene Minimalriff-Punk „Advice“: „I wrote a new song/ While I was touring/ Man it was no fun/ Totally boring/ Don’t think of singing til you see the white eye/  Turn up the fuzz and dull your senses till the morning/ (Riff)/ Shit!/ (Sound einer mit Zahnarztzange gespielten Gitarre)/ (Riff)/ Why can’t you realise?/ Just get more paralyzed/ I’m feeling pretty much back where I started/ And its quite concerning me …“ – am Ende dieses Abstiegs in den dunkelsten Londoner Untergrundclub der frühen 90er-Jahre wartet schon das nächste Riff, dazu ein dunkler, stoischer Beat einer Drum Machine, eine Richard-Lloyd-Gitarre, ein Saxofon, das klingt wie durch Kifferqualm gespielt. „City Hall“ heißt dieses spinnenarmige Monster, das einem wie ein Ballonkünstler die Nervenenden zu einer Discokugel verknotet. „What’ll it take to make you people dance?“, fragt Coxon anschließend zu monotonem – tatsächlich! – Electro-Pop. Wer mag, kann dazu durchaus tanzen, ansonsten geht’s weiter mit „Meet + Drink + Pollinate“ – Billigbeat, Vocoderstimme, Schrummelgitarren, Händeklatschen, eine kleine Cure-Melodie. Das dräuende „The Truth“ klingt wie die Nine Inch Nails am Jüngsten Tag, „Seven Naked Valleys“ wie die Kinks auf Ecstasy (also die frühen Blur), „Running For Your Life“ überholt Jack White auf dem Motorway zum Hexensabbat und dreht ihm eine lange Nase, „Bah Singer“ ist Van-der-Graaf-Generator im Schnellvorlauf, „Knife In The Cast“ Joy Division in Zeitlupe.

„Walking in my Sunday shoes/ Eyes on fire“, quengelt Coxon, als er schließlich „high as a kite“ ans grelle Tageslicht krabbelt, während ihm die Sonnenstrahlen in die Augen stechen und Gitarrensplitter um die Ohren fliegen. Was für eine Nacht!