Album-Kritik Harry Styles: „Harry’s House“ – stilsicherer Griff in die Regalfächer der Popgeschichte



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Eine bemerkenswerte Auswanderer-Geschichte: Vor fünf Jahr verließ der ehemalige Bäckereifachverkäufer aus dem mittelenglischen Holmes Chapel die Boyband One Direction; fest davon überzeugt, in Amerika das große Glück zu machen. Unter dem Schirm der mächtigen Management-Dynastie von Irving Azoff (u.a. Nicki Minaj) gelang es dessen Sohn Jeffrey, seinen UK-Schützling seit dessen erster Solosingle „Sign of the Times“ auf die richtige Schiene zu setzen. Im trickreichen Wechselspiel zwischen Musik, Schauspielerei (etwa im WWII-Kriegsdrama „Dunkirk“) und Mega-Mode-Marketing stieg der Stern von Styles in jedem Folgejahr hoch und höher.

Nun also im besten Showbiz-Alter von 28 Jahren sein drittes Album, das die gerade laufende US-Tour mit ausverkauften Mehrzweckhallen flankiert. Die Kollegen vom New Yorker ROLLING STONE nannten ihn sogleich einen „Mick Jagger für unser aufgeklärtes Zeitalter“. Einen Rock’n’Roll-Gentleman im neuen Gewand, genderfluide und Genre-übergreifend.

Große Worte, die bislang eher seine strahlende Aura beschreiben und weniger sein oft wenig origineller Poprock-Mix, der seit 2017 vom Produktionsteam Kid Harpoon und Tyler Johnson verantwortet. Für „Harry’s House“ gesellt sich die auf diesem VIP-Niveau übliche Unterstützer-Armee dazu, damit nun ja nichts schief geht. Adele-Songwriter Tobias Jesso Jr. etwa ist Co-Autor des Songs „Boyfriends“, bei dem ein gewisser Ben Harper die Gitarre spielt.

In dieser Konstellation nähern sich die 13 Songs seines aktuellen Opus jener Eleganz, die Styles auch im sonstigen Leben ausstrahlt. Das bedeutet: Mehr Steely-Dan-Grooves, mehr R’n’B-Elemente. Dazu Bläsersätze und Synthesizer, die den Sound der 1980er-Jahre re-inacten. Die US-Kollegen vom ROLLING STONE sprechen von „marmorierter Geschmeidigkeit“. Exemplarisch steht dafür „Late Night Talking“, dass mit seinen upliftenden Beats die slicken Poolparty-Fantasien der Prince-Kollegen Jimmy Jam und Terry Lewis zitiert. „Daydreaming“ wiederum kreist um ein Sample des 1978er-Groove-Klassikers „Ain’t We Funkin‘ Now“ von Brothers Johnson, seinerzeit produziert von Quincy Jones.

Kenntnisreiche Retro-Bezüge, die Harry Styles mit Kieksern und „Whoooooo“-Passagen in eine kontrollierte Ekstase überführt. Voll funky synkopiert gerät „Music For a Sushi Restaurant“, einer der viele Food-Bezüge in seinem neuen Repertoire, auch hier schielt er im Augenwinkel auf die Purple-Rain-Majestät.

Wenn der Dancefloor mal Pause hat, haut Styles schmachtende Balladen wie „Little Freak“ oder „Matilda“ raus. Diese wiederum schweben in der betörenden Aura des Laurel Canyon. Joni Mitchell lässt schön grüßen.

Harry Styles mag DER Mann der Jetztzeit sein. In seiner Musik kommt er nicht darum umhin, stilsicher in die Regalfächer der Popgeschichte zu greifen. Das macht er mittlerweile ohne große Fehlgriffe. Das Rock-Repertoire bleibt dabei weitgehend in der Besenkammer. Passt auch besser zu ihm. „Harry’s House“ macht ihn vorerst zum Number-One-Showperformer im Pop-Universum.


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