Kritik: „20 Years“ – eine Serie wie ein von der Konkurrenz eingeschleuster Fremdkörper




Muss man jetzt Angst haben, dass der kleine, aber aktuell extrem feine Serienkost anbietende Boutique-Streamer AppleTV+ sich in Algorithmus-getriebene Netflix-Gefilde verabschiedet? Der arg gebeutelte Streaming-Gigant steht unter anderem deshalb in der Kritik, weil er qualitativ hochwertige Serienformate cancelt, während Regionalitäts- und Zielgruppen-getriebene, aber nicht wirklich überzeugende Serien die Watchlisten überschwemmen. Diesen neuen Fokus auf Länder und Zielgruppen könnte man bei Apple zumindest dann vermuten, wenn man ein paar Zentimeter zu tief eintaucht in den seriellen Kosmos, den uns „20 Years“ da aufmacht.

Dann nämlich wirkt die bilinguale (und in der Synchronfassung mutmaßlich komplett eingedeutschte) Serie wie eine krude Mischung aus den Welthit-Formaten „Haus des Geldes“ und „Yellowjackets“ – wobei das Team hinter spanischen Erfolgsserien wie „Velvet“ oder „Grand Hotel“ den Hang zu Melodramatik und absurden Cliffhangern von Ersterer übernommen hat, den (fast) kompletten Plot von Letzterer.

Kurz: 20 Jahre nach einem tragischen Unfall kreuzen sich die Wege von fünf einst hoffnungsfrohen lateinamerikanischen Einwandererkindern im Miami von heute wieder. Der Grund: Eine High-School-Reunion, in deren Kontext die Ereignisse von vor 20 Jahren wieder zum Thema werden. Die einst verschworene Fünferbande war nämlich ursprünglich zu sechst – und irgendjemand versucht, sein Wissen um die unglückliche Dezimierung zu Geld zu machen. Also beginnt unter den verschlossenen Ex- und Wieder-Freunden das große Rätselraten. Zumal der eine (ein ambitionierter Politiker) oder andere (ein drogensüchtiger Schönheitschirurg) durchaus etwas zu verlieren hat. Allen gemeinsam ist nur eines: Offenbar tiefe Schuldgefühle, fehlende Empathie und ein fast schon krankhafter Ehrgeiz, der es dem Zuschauer schwermacht, mit jemand anderem zu sympathisieren als mit der „Einst & Jetzt“ ermittelnden (und natürlich krebskranken) Polizistin (Rosie Perez).

So weit, so Telenovela. Was „20 Years“ bei aller Cliffhanger-getriebenen Sogwirkung zunehmend ärgerlich werden lässt, ist das Versäumnis, den Kontrast zwischen den Träumen von einst und der Realität von heute stärker herauszuarbeiten oder sich strukturell deutlicher vom letztjährigen Überraschungshit „Yellowjackets“ abzugrenzen. Da hilft es (leider) auch wenig, dass bei Serienauftakt und -finale kein Geringerer als die israelische Serienlegende Gideon Raff („Hatufim“, „Homeland“, „Tyrant“) Regie führt und Darsteller wie Perez und de Tavira („Roma“) sogar Oscarnominierungen vorweisen können. Zu kalkuliert wirkt die erzählerische Räuberpistole, zu marktorientiert und redundant. Im bislang veröffentlichten Serienkatalog der Apple-Strategen wirkt sie wie ein von der Konkurrenz eingeschleuster Fremdkörper. (ab 20.05., immer freitags, AppleTV+)


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